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Das Vermächtnis des IS Das Kalifat implodiert, seine Ideen nicht

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Irakische Soldaten posieren mit der Flagge des IS in Falludscha. Die Stadt wurde für befreit erklärt.

(Foto: REUTERS)

Nach zwei Jahren hat das IS-Kalifat in Syrien und im Irak seine besten Zeiten hinter sich. Rekruten ziehen längst nicht mehr ins Kalifat, sondern verbreiten weltweit Terror an vielen Orten.

Vor einem Jahr sah es noch so aus, als würde das selbsternannte Kalifat des "Islamischen Staates" unaufhörlich wachsen - allen Versuchen, es daran zu hindern, zum Trotz. Es drängte sich sogar der Eindruck auf, dass manchen dieses auf rückwärtsgewandter islamistischer Ideologie gründende Staatwerdungsprojekt sogar ganz recht war. Innerhalb eines Jahres hatte der IS bis Ende Juni 2015 fast die Hälfte des syrischen und ein Drittel des irakischen Staatsgebiets erobert, wenn auch nicht die dicht besiedelten Teile, sondern vor allem Wüstengebiete. Entlang der Flüsse Euphrat und Tigris, den Lebensadern der Region, konnte sich der IS aber auch mehrere Städte einverleiben, darunter Rakka in Syrien und Mossul im Irak.

Im zweiten Jahr seiner Existenz schrumpfte das Kalifat dagegen deutlich. Eine um die andere Stadt haben die nationalen Armeen des Irak und Syriens zurückerobert, unterstützt von kurdischen Milizen und der internationalen Anti-IS-Koalition. Die Terrormiliz hat finanzielle Probleme, die Kämpfer desertieren reihenweise. Deshalb wurden bereits die ersten Abgesänge auf den Islamischen Staat angestimmt. Richtig ist: Über ein großes zusammenhängendes Staatsgebiet wird der IS wohl in Zukunft nicht mehr verfügen. Gerade hat der US-Sondergesandte für den Krieg gegen den IS bekanntgegeben, dass die US-Luftwaffe nun Rakka und Mossul im Visier habe.

Die irakische Armee steht bereits seit Monaten vor den Toren Mossuls, deren Rückeroberung als entscheidend für den Sieg über den IS gilt. Was danach passiert und wer die Kontrolle über die irakische Großstadt übernimmt, ist dabei noch lange nicht ausgemacht. In Syrien läuft seit Wochen eine Schlacht um die Stadt Manbidsch, danach soll der IS aus Rakka vertrieben werden. Auch hier ist völlig offen, ob und wie sich die Kräfte auf den syrischen Schlachtfeldern verschieben werden - der Bürgerkrieg dauert schließlich unabhängig vom IS seit mehr als fünf Jahren an.

Der Krieg gegen den IS hat unterdessen für die Zivilbevölkerung einen hohen Preis. Ein aktuelles Beispiel: Bei einem Bombardement auf die vom IS kontrollierte Stadt Kuria im Osten Syriens kamen am vergangenen Samstag mindestens 58 Zivilisten ums Leben. Die nicht unabhängig überprüfbare Zahl stammt von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die syrische und russische Flugzeuge verantwortlich machte. Im Irak hat die Schlacht um Falludscha in den vergangenen Wochen eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Zehntausende Flüchtlinge harren im kargen Umland der Stadt ohne genügend Hilfsgüter aus. Hilfsorganisationen fürchten nun ein ähnliches Szenario in weit größerem Ausmaß bei Mossul.

Die "Marke IS" hat sich etabliert

Der IS profitiert heute, wie auch schon in der Zeit vor der Ausrufung des Kalifats vor genau zwei Jahren, weiterhin davon, seinen Gegnern immer einen Schritt voraus zu sein. Absolute Skrupellosigkeit und Pragmatismus prägen die Strategie der Terrormiliz. Die Verluste im IS-Gebiet mögen schmerzhaft, ja existentiell sein. Die Dschihadisten hatten trotzdem genügend Zeit, die ganze Welt auf sich aufmerksam zu machen und den Terror aus dem Kriegsgebiet hinauszudelegieren. Ausdrücklich werden Anhänger aufgerufen, in Europa und den USA Anschläge zu verüben.

Mit den Anschlägen von Paris im November 2015 und den Attentaten in Brüssel im März zeigte sich dieser Export des Terrors erstmals deutlich. Noch ist nicht geklärt, wer für den jüngsten Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen verantwortlich ist. Doch der IS wurde sofort als Urheber verdächtigt.

Längst ist es egal, ob Attentäter dem IS Gefolgschaft schwören oder nur die Marke IS für ihre Taten nutzen. Der Organisation, wenn man sie sich in Form einer Zentrale vorstellen will, kann beides recht sein. Wer sich zum IS bekennt, wertet nach der perversen Terrorlogik sich und seine Taten auf, aber auch die Marke selbst. Rekruten müssen nicht als Dschihad-Touristen ins Kriegsgebiet gezogen sein. Viel furchteinflößender ist es doch, wenn eine unbekannte Zahl von Fanatikern in der Welt verstreut vor sich hin schlummert, bereit, zu geeigneter Zeit an geeignetem Ort für die diffusen Ideen des islamistischen Terrors zu morden. In diesem Monat lieferten die Anschläge von Orlando und kurz darauf in einem Vorort von Paris den Beleg hierfür.

Die Radikalisierung bleibt

Selbst wenn es in absehbarer Zeit keinen IS-Staat im Nahen Osten mehr geben sollte, ist das Vermächtnis der Stasi-ähnlichen Dschihad-Organisation schon jetzt beträchtlich. Sie stellte mit Verkündung des Kalifats erstmals nach fast 100 Jahren die etablierten Grenzen infrage, die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Sykes-Picot-Vertrag und anderen Abkommen entstanden. Im Zusammenspiel mit dem Bürgerkrieg in Syrien und dem Beinahe-Bürgerkrieg im Irak ist der Nahe Osten durch den IS zusätzlich zerrüttet und zu einem Flickenteppich der Einflussgebiete geworden. Die nationalen Regierungen oder was davon übrig ist, müssen sich inzwischen konkret mit Teilungsszenarien auseinandersetzen.

Die pure Existenz des IS führte dazu, dass ausländische Mächte sich lange Zeit allein auf dessen Bekämpfung konzentrierten – und das syrische Regime, Rebellengruppen und andere dschihadistische Organisationen wie die Nusra-Front in Syrien ungehindert operieren konnten. Dem syrischen Regime von Machthaber Baschar al-Assad wird nachgesagt, als Ultima Ratio der Machtsicherung den Plan eines alawitisch regierten Rumpfstaates zu verfolgen. Im Windschatten der Konflikte in Syrien und im Irak haben sich unterdessen im Jemen und in Libyen Filialen des IS fest etabliert, die immer wieder blutig zuschlagen.

Schließlich ist da noch das Ideengebäude des IS, das unnachahmlich gut bei jungen Muslimen auf der ganzen Welt verfangen hat. Der IS hat mit geschickter Medienstrategie die "Generation 11. September" und Al-Kaida abgelöst. Frust und unbestimmter Hass auf alles "Westliche" machen diese Ideen für Teile einer Generation attraktiv, die zum Beispiel in Frankreich oder Belgien aufwuchs, aber keine Perspektive für sich in der Gesellschaft sieht. Ein anderes Phänomen bilden junge Menschen, die schlicht auf Sinnsuche sind. Sie sehen im islamistischen Krieg des IS einen übergeordneten Sinn, der ihnen bisher fehlte. Der IS mag von der Landkarte verschwinden, die Rekruten im Kalifat abgeschreckt sein – das Terrorkonzept und der erreichte Grad der Radikalisierung werden erst einmal in vielen Köpfen bestehen bleiben.

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(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Quelle: n-tv.de

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