Politik

Elf Tage am Flughafen Kabul "Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen"

Bild 13_Müll und Natostacheldraht.jpg

Mit NATO-Stacheldraht sollten die Menschen davon abgehalten werden, den Flughafen zu stürmen.

(Foto: Christoph Klawitter)

Als Kabul am 15. August in die Hände der Taliban fällt und am Hamid Karzai International Airport das Chaos ausbricht, bleibt ein deutscher Zivilist freiwillig vor Ort. Er unterstützt die deutsche Botschaft, die Bundeswehr sowie die US Marines bei den Evakuierungsmaßnahmen. Denn während in den vergangenen zwanzig Jahren das Personal von Botschaften, Hilfsorganisationen und Militär alle paar Monate ausgetauscht wurde, gab es in Afghanistan eine Konstante: Christoph Klawitter.

Der Logistik-Experte verschiffte für Deutsche und Amerikaner alles, was vor Ort gebraucht wurde, von gepanzerten Fahrzeugen bis hin zum Transport von 300 Paar Schuhen einer Botschaftsangehörigen. Der 47-jährige Hamburger spricht die Landessprache Dari fließend, er saß mit Warlords am Tisch und verhandelte mit korrupten Ministern. Westliche Nachrichtendienste und deutsche Ministerien verlassen sich auf seine Einschätzung, denn vermutlich gibt es wenige Menschen, die mehr über Afghanistan wissen - und vor allem: die ein realistischeres Bild der Lage vor Ort zeichnen können.

ntv.de: Wie haben Sie den Fall Kabuls am 15. August erlebt?

Bild 1_Klawitter mit Namenslisten.jpg

Christoph Klawitter am Flughafen von Kabul. Unterm Arm hat er Listen mit Namen von Personen, die evakuiert werden dürfen.

(Foto: Christoph Klawitter)

Christoph Klawitter: Die Taliban standen ja schon einige Tage zuvor unmittelbar vor der Stadt, darüber hatte ich auch mit deutschen Kontakten in Kabul gesprochen. Der Morgen des 15. Augusts begann noch relativ ruhig, aber gegen Mittag fingen die Menschen an, die Banken zu stürmen, um ihre Ersparnisse zu retten. Nach Rücksprache mit der deutschen Botschaft bin ich von meinem Camp zum Flughafen gefahren. Eigentlich, um evakuiert zu werden. Dann habe ich mich jedoch beim stellvertretenden Botschafter gemeldet, um mit meinen Kontakten, Erfahrungen und Sprachkenntnissen bei der Koordination vor Ort zu helfen.

Wie genau sah Ihre Unterstützung aus?

Das Militär vor Ort hatte in den ersten Tagen schlicht und einfach keine Übersetzer für die Landessprachen. Ich habe also für die Bundeswehr, die US Marines sowie das französische, italienische und spanische Militär vor Ort übersetzt und geschaut, wer aufs Gelände darf und wer nicht. Ich bin vor den Toren durch die Menge gelaufen und habe versucht, diejenigen zu finden, die tatsächlich berechtigt waren, evakuiert zu werden. Und vor allem: die sich auch ausweisen konnten. Sobald ich eine Gruppe von Menschen zusammen hatte, habe ich sie den Soldaten an den Schleusen übergeben und sie durften dann passieren. Ich bin für insgesamt elf Tage am Flughafen geblieben.

Wer waren die Menschen am Flughafen?

Man muss es leider so sagen: Zum größten Teil waren es Opportunisten, die die Evakuierung für ein schnelles Ticket für ein besseres Leben nutzen wollten. Die Menschen sagten mir auch immer wieder, dass die westlichen Regierungen doch zugesichert hätten, dass alle Afghanen mitkommen könnten. Das stimmte natürlich nicht. Aber der Ansturm der Opportunisten hat dazu geführt, dass die wirklich Schutzbedürftigen nicht alle an den Toren durchgekommen sind. Ich schätze, es waren jeden Tag bis zu 4000 Menschen an jedem Tor, darunter Ex-Politiker, Parlamentarier und Minister. Auch Ex-Militärs und Ex-Geheimdienstler waren dabei.

Was bleibt Ihnen von dieser Zeit vor allem in Erinnerung?

Bild 15_Taliban überwacht die Menge am Gate.jpg

Ein Taliban überwacht die Menge am Tor zum Flughafen.

(Foto: Christoph Klawitter)

Mir wurden zwei tote Kinder in die Arme gedrückt, ein vollkommen vertrockneter Säugling - es herrschten 37 Grad im Schatten und es gab kaum Wasser - sowie ein erdrücktes Kleinkind. An den Toren herrschte unvorstellbares Leid. Viele Menschen waren durch den NATO-Stacheldraht schwerverletzt, es gab Knochenbrüche durch das Gedränge. Auch die Geräuschkulisse und der Gestank dieser Tage werden mich wohl für immer begleiten. Der Anschlag am Abbey Gate, an dem ich jeden Tag Stunden verbracht habe, hat mich außerdem schwer getroffen. Das alles werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen deutscher Botschaft und Auswärtigem Amt erlebt?

Es schien, dass Berlin nicht immer die Situation in Kabul verstanden hat.

Hätten der Bundesnachrichtendienst sowie das Auswärtige Amt besser auf die Lage in Afghanistan vorbereitet sein müssen?

Vor Ort war uns allen bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Kabul in die Hände der Taliban fällt. Und ich gehe davon aus, dass diese Einschätzung auch nach Berlin kommuniziert wurde. Die Katastrophe begann mit der Flucht des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani, die alle überrascht hat und die zu dem schnellen Kollaps der Regierung geführt hat. Aus meiner Sicht war die Flucht nicht mit einer tatsächlichen Bedrohungslage zu rechtfertigen. Die Taliban hatten zu keinem Zeitpunkt angedroht, alle abzuschlachten. Vermutlich wären vor allem Ghanis enge Berater wegen Korruption von den Taliban zur Rechenschaft gezogen worden, für ihn selbst hätte es vermutlich eine Amnestie gegeben. Und an dieser Stelle möchte ich betonen: Man hätte diese Menschen zu Recht wegen Korruption zur Rechenschaft ziehen müssen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren auf Kosten der NATO-Mitgliedsstaaten in unermesslicher Art und Weise bereichert. Ich habe ihre Paläste mit eigenen Augen gesehen - auch von innen. Ghani selbst soll ja 168 Millionen Dollar in bar auf seiner Flucht mitgenommen haben. Zwei ehemalige Minister wurden gerade erst in einem Luxusauto in der Londoner City gesichtet.

Hätte Aschraf Ghani das Chaos verhindern können?

Auf jeden Fall. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Er hat das Chaos absichtlich herbeigeführt. In dem Moment, wo die Gespräche zwischen den Taliban und den USA unter Führung Trumps ohne Beteiligung der afghanischen Regierung begonnen hatten, wendete sich die Stimmung in Kabul abrupt: Ghanis Regierung war natürlich überhaupt nicht erfreut, man fühlte sich von den Amerikanern verkauft. Ich denke, Ghani dachte sich: Schaut zu, wie ihr jetzt alleine damit klarkommt.

Warum haben Sie eigentlich zwanzig Jahre lang in Afghanistan gelebt?

Bild 5_Auto Italien.jpg

Bei den Fuhrparks der beteiligten Nationen musste ein bisschen improvisiert werden. Hier das Fahrzeug der Italiener.

(Foto: Christoph Klawitter)

Ich habe für die NATO-Mitgliedsstaaten den logistischen Aufbau der Camps gemacht, also zum Beispiel gepanzerte Fahrzeuge importiert, Lebensmittel ins Land gebracht, für Botschaftsmitarbeiter die Umzüge ihrer Mitarbeiter koordiniert und für Hilfsorganisationen Güter ins Land gebracht - Speiseöl, Reis, Bohnen und Linsen. Aber auch Bücher für Schulen. Außerdem sollte ich zuletzt ein Sicherheitssystem für die Stadt Kabul mit 1100 Kameras aufbauen. Das Projekt wurde aber nicht mehr beendet. Die Taliban haben das Lager mit der Ausrüstung versiegelt und Wachen abgestellt, damit das Equipment nicht gestohlen wird. Das hat mich sehr überrascht. Wenn alles klappt, wie von ihnen angekündigt, kann ich die Sachen irgendwann abholen.

Wie sind Sie zurück nach Deutschland gekommen, und wie geht es mit Ihren Mitarbeitern weiter?

Ich bin zusammen mit dem Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr sowie den deutschen Botschaftsmitarbeitern in der letzten Maschine rausgeflogen. Die meisten meiner afghanischen Mitarbeiter musste ich zurücklassen und stehe mit ihnen täglich in Kontakt. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich täglich. Die Sicherheitslage wird von meinen Mitarbeitern aber als besser als zuvor beschrieben.

Werden Sie zurückkehren?

Nach so vielen Jahren ist es schwierig, sich mit dem Gedanken abzufinden, nie wieder nach Afghanistan zu kommen. Ich werde sicherlich zurückkehren.

Mit Christoph Klawitter sprach Liv von Boetticher

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.