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Vom Kiez-Dealer zum IS-Märtyrer Denis Cusperts Weg ins "Paradies"

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Denis Cuspert

(Foto: dpa)

Eine Rakete der verhassten Amerikaner tötet Denis Cuspert auf einer Landstraße in Syrien. Sein Leben wird von den "Ungläubigen" beendet. Einen schöneren Märtyrertod hätte er sich vermutlich nicht vorstellen können.

"Ich bin verzweifelt jeden Tag auf der Suche nach dem Paradies und wünsche mir den Tod, denn mein Leben war mies." Deso Dogg patrouilliert in dem schwarz-weißen Rap-Video mit seiner Crew durch Berlin-Kreuzberg. Kottbusser Tor, finstere Gestalten, Deso Dogg schaut böse und rappt darüber, wie hart und ungerecht sein Leben ist. Glaubt man der islamistischen Propaganda, hat es Deso Dogg aka Denis Cuspert jetzt geschafft: Er hat das Paradies gefunden. Und die Welt hat einen Terroristen weniger. Vor zwei Wochen stirbt er bei einem Raketenangriff in Syrien.

Man sagt, Menschen, die keinen festen Platz im Leben haben, seien besonders anfällig für Radikalismus. Cusperts Leben ist wie ein Paradebeispiel für diese These. Er wächst in Westberlin auf. Sein Vater verlässt die Familie, als er noch ein Baby ist, mit seinem Stiefvater, einem Mitglied der in Berlin stationierten US-Streitkräfte, kommt es immer wieder zu teils heftigen Konflikten.

Früh findet Cuspert einen Platz auf der Straße, sucht sich eine Gang, mit der er rumhängt. Er freundet sich mit Gewalt an, soll in mehrere Schlägereien und eine Messerstecherei verwickelt gewesen sein. In Berlin-Kreuzberg dealt er. Ein Kreuzberger Jugendhelfer, der ihn in diesen Jahren kennenlernt, sagt im "Tagesspiegel" über ihn, er habe eine kindische Persönlichkeit gehabt. Er sei unreif und selbstsüchtig gewesen. "Dennis war ein Mensch, der schnell Gründe gefunden hat, warum man zuschlagen kann", sagt dem Blatt ein alter Freund über ihn.

Das harte Leben auf der Straße

Schon damals hasst Cuspert die Amerikaner, wie eben auch seinen Stiefvater, mit dem es nur Ärger gibt. Viele Angehörige der US-Armee sind Anfang der 90er-Jahre in Berlin stationiert. Cuspert mischt sie gerne auf. "In den Clubs, in denen Amerikaner verkehrt sind, da hat man immer versucht, mit denen aneinanderzugeraten, um sich körperlich zu messen. Da war Denis immer sofort dabei", sagte einmal der Rapper Charnell Taylor, ein früher Wegbegleiter, über ihn.

Dann geht Cuspert mehrfach wegen verschiedener Delikte in den Bau. Er kommt wieder frei, doch verstößt gegen Bewährungsauflagen und muss wieder in den Knast. Auch im offenen Vollzug kommt er nicht klar und fährt erneut ein. In dieser Zeit beschließt Cuspert, Rapper zu werden. Mit 29 glaubt er, seine Bestimmung gefunden zu haben. Als "Deso Dogg" rappt er über das harte Leben auf der Straße, über Gewalt, Drogen, Zuhälter. Der Zeitgeist stimmt: Gangster-Rapper wie Bushido und Sido legen mit Plattenverträgen den Grundstein für eine Karriere im Rap-Business. Doch Cuspert geht leer aus. Sein Stück "Willkommen in meiner Welt" wird der Soundtrack zum ARD-Fernsehfilm "Zivilcourage". Dabei bleibt es.

Cuspert versucht es mit Kampfsport. Mit Gewalt ist er ohnehin schon immer gut klargekommen. In einer Berliner Kampfsportschule versucht er sich beim Grappling, einer Variante von Mixed Martial Arts. Im Internet kursieren Videos aus dieser Zeit. Sie zeigen Cuspert vor allem in einer Pose: am Boden liegend. Er sei viel zu ungeduldig gewesen, undiszipliniert, schnell enttäuscht und beleidigt, sagen sie in der Schule über ihn. Cuspert überschätzt sich maßlos, fordert den mehrfachen Mixed-Martial-Arts-Meister Ismail Cetingkaya heraus und wird verprügelt. "Er war sauer, dass ich ihn geschlagen hab. Das ist aber normal, wenn man verliert. Er war in meinen Augen kein Kämpfer", sagt Cetingkaya über ihn.

Dennis Cuspert findet ein Zuhause

Cuspert versucht vieles, wenig funktioniert. Doch es gibt einen Bereich, in dem auch er, der bisher von allen Milieus verstoßen wurde, einen Platz findet: die Religion. Nach seinen gescheiterten Versuchen als Rapper wandelt sich "Deso Dogg" zum streng gläubigen Muslim, zu Abu Maliq. Er besucht die salafistische Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln, begegnet 2010 dem Prediger Pierre Vogel und anderen Köpfen der deutschen Salafisten-Szene und zum ersten Mal in seinem Leben bekommt er Anerkennung.

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Mit anderen IS-Kämpfern auf der Landstraße unterwegs: Unmittelbar vor seinem Tod vermutlich in einer ähnlichen Lage.

In seinem neuen Zuhause radikalisiert sich Cuspert schnell. Er sagt, wer im Westen Gesetze mache, sei "schwul, kokainsüchtig und pädophil", er preist Osama bin Laden an und ruft zum Krieg gegen Deutschland auf. Gut sei es, wenn Islamisten in Deutschland amerikanische Soldaten töteten, sagt er in aller Öffentlichkeit. In der radikalislamischen Szene macht er sich so einen Namen und auch bei den Behörden wird er durch seine exzessiven Gewaltaufrufe immer prominenter. Gegen ihn wird unter anderem wegen Landfriedensbruchs ermittelt, bei einer bundesweiten Razzia gegen islamistische Extremisten setzt sich Cuspert ins Ausland ab.

Über den Umweg Ägypten landet er zunächst bei der Al-Nusra-Front, dann beim Islamischen Staat. Die ungewöhnliche Wandlung des Berliner Rappers zum Dschihadisten greifen nun auch die Medien auf. Dennis Cuspert, der sich inzwischen "Abu Talha al Almani" nennt, wird zur Propaganda-Figur des "Kalifats". Er posiert in Videos des IS, sendet Botschaften und soll sogar dem Kopf der Dschihadistenmiliz, Abu Bakr al-Baghdadi, begegnet sein und ihm persönlich die Treue geschworen haben.

"Ich wünschte, ich wär nicht geboren"

Cuspert, ein Berliner Junge, der stets auf der Suche war, ist endlich angekommen. Und er ist prominent – wenn auch vor allem in Militärkreisen. Die USA setzen ihn auf die Terrorliste er wird zum legitimen Ziel von Drohnenangriffen. Doch Cuspert kann das nichts anhaben, er ist "bereit für den Märtyrertod", verrät er in einer Videobotschaft. Er ist angekommen, hat in einer Welt aus Blutvergießen und Gewalt ein Zuhause gefunden – irgendwo in Syrien.

Zwei Tage vor seinem 40. Geburtstag wird sein Wagen auf der Straße zwischen Al-Rakka und Al-Taqba von einer amerikanischen Rakete getroffen. Sein Tod wurde schon oft gemeldet, doch dieses Mal scheint es sicher zu sein. Bilder kursieren im Netz, die einen übel zugerichteten, blutüberströmten Körper zeigen, der zu Cuspert gehören könnte. Auch die US-Armee bestätigt den Tod des bekanntesten deutschen Islamisten.

In einem seiner Texte rappte Dennis Cuspert mal: "Ich habe Familie verloren, habe Liebe verloren, habe Brüder verloren, ich wünschte, ich wär nicht geboren". In seinen Augen dürfte der Martyrertod der zweifelhafte Höhepunkt dessen gewesen sein, was er sein ganzes Leben gesucht hat: Anerkennung.

Quelle: ntv.de