Politik

Gaucks politische Illusionen Der Bundespräsident findet sich im Museum

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Joachim Gauck besuchte am 17. Juni, dem Jahrestag des DDR-Volksaufstandes von 1953, das Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft.

(Foto: dpa)

Um an den Aufstand vor 61 Jahren zu erinnern, besucht Bundespräsident Gauck das Archiv der DDR-Opposition. Dort findet er auch sich selbst - und ist damit nicht der einzige.

Als Joachim Gauck ein altes Foto von sich gereicht bekommt, reagiert er wie die meisten Menschen: "Oh Gott", sagt er etwas peinlich berührt. Der Bundespräsident befindet sich im Archiv der DDR-Opposition, der Geschäftsführer zeigt ein paar seiner größten Schätze. Darunter sind Fotos von 1989, als sich das Volk gegen die sozialistischen Herrscher auflehnte. Pfarrer Gauck predigte damals gegen das Regime an. Zu den Bildern, die vor ihm liegen, weiß er Anekdoten; er kennt die Namen von einigen Fotografen, die damals die Massendemonstrationen dokumentierten.

Es gibt auch Bilder vom Volksaufstand am 17. Juni 1953, niedergeschlagen von Tausenden Soldaten und Polizisten. Um an diesen Tag zu erinnern, ist der Bundespräsident an diesem Ort, an dem die Robert-Havemann-Gesellschaft Zehntausende Bilder und Schriftstücke aufbewahrt.

Gauck war während des Aufstandes 13 Jahre alt und erinnert sich noch gut. Das Fach "Gegenwartskunde" sei ausgefallen, trotzdem habe man in der Schule über das Thema gesprochen. Die Mehrheit der Jugendlichen sei gegen das Regime gewesen, in Rostock habe er eine euphorische Aufbruchsstimmung gespürt. "Vielleicht ändert sich jetzt wirklich etwas", habe er gedacht. Heute nennt er das eine "illusorische Erwartung". Viele Aufständische seien nach Sibirien deportiert worden, erinnert Gauck und erzählt, dass auch sein Vater schon seit 1951 dort einsaß.

Mitarbeiter waren am Umsturz beteiligt

Das Archiv, in dem er von diesem Tag erzählt, spiegelt viel von dem wider, was den Bundespräsidenten Gauck ausmacht. Er erlebte selbst, dass ein Volk stärker sein kann als ein Regime; dass man Geschichte gestalten kann und nicht geschehen lassen muss. Wohl auch darum hält er sich als Präsident nicht mit deutlichen politischen Aussagen zurück. Oft beruft er sich dabei auf seine eigene Geschichte. Im Archiv der DDR-Opposition ist es ähnlich: Hier arbeiten vor allem Menschen, die selbst am Umsturz beteiligt waren. "Die Mitarbeiter hier sind selbst Museumsstücke", sagt Gauck und lacht dann verlegen, weil sich dieser Satz unfreundlicher anhört, als er gemeint ist.

Das Archiv hat keinen Platz, seine Fotos dauerhaft auszustellen, doch an den Wänden hängen einzelne Bilder, die einen guten Eindruck geben. Eine Botschaft ist, dass die Deutsche Einheit vielen Unbekannten zu verdanken ist, an deren Namen sich heute niemand mehr erinnert. "Ohne dass Menschen aufstehen, fallen keine Mauern", sagt Gauck, der zwar ein Gegner des Regimes war, aber nie an der Spitze der Proteste stand.

Im Archiv findet sich auch ein Wahlplakat, mit dem der heutige Bundespräsident 1990 bei den ersten freien Volkskammerwahlen antrat. Ganz groß ist darauf das Wort "Freiheit" zu lesen - ein Begriff, der in seinen Reden immer noch zentral ist. Er freut sich, als er ein Exemplar geschenkt bekommt. Und es macht ihn nachdenklich: "Ich war so politisch, dass ich nicht wusste, dass man mit dem Thema 'Freiheit' weniger Zustimmung bekommt, als mit dem Thema 'Wohlstand'."

Quelle: ntv.de

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