Politik

Keine Angst vor Corona-Maßnahmen Der Staat bewährt sich als Schleusenwärter

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(Foto: picture alliance/dpa)

Nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland ist an Covid-19 erkrankt. Erst durch die nun ergriffenen, drastischen Maßnahmen wird die bislang eher abstrakte Krise für alle Bürgerinnen und Bürger greifbar. Die Unterbrechung des Alltags empfinden viele als beängstigend, dabei ist sie eher Grund zur Beruhigung.

Während Sie diesen Text lesen, tragen Sie womöglich das Coronavirus in sich. Wenn ja, erfahren Sie wegen der langen Inkubationszeit vielleicht erst nächste Woche davon. Wahrscheinlicher aber ist, dass Sie nie erfahren, ob Sie nun das Virus in sich hatten oder nicht. Die Symptome verlaufen für die allermeisten bekanntermaßen unmerklich bis milde. Sie könnten unwissentlich und ungewollt eine Gefahr für Ihre Mitmenschen sein - für die vielen Älteren, für die an Lunge oder Herz Vorerkrankten, für die vielen Menschen mit geschwächtem Immunsystem, die etwa eine Chemotherapie hinter sich haben, mit einem Spenderorgan leben oder chronisch krank sind.

Das Virus Sars-CoV-2 ist hoch ansteckend und zumeist unsichtbar zugleich. Wenn es aber in Form der Lungenkrankheit Covid-19 ausbricht, ist diese für die gefährdeten Gruppen tatsächlich eine Bedrohung. Und zwar auch dann, wenn sie rechtzeitig und richtig behandelt werden können. Auf jeden Toten kommen mehrere Fälle traumatischen Bangens an der Beatmungsmaschine. Wer schon einmal eine schwere Lungenentzündung in seinem persönlichen Umfeld erlebt hat, weiß um die Dramatik. Auch deshalb ist es unverantwortlich, die Corona-Gefahr kleinzureden, mit Verweis auf die geringe Sterblichkeitrate in funktionierenden Gesundheitssystemen.

Die Maßnahmen machen Angst

Die Lage ist ernst, und die Bundesregierung, die Länderregierungen und die Verantwortlichen in den Kommunen haben das erkannt. Stand jetzt: gerade noch rechtzeitig. Deutschland fährt langsam herunter. Gut möglich, dass ab Montag die meisten Menschen zuhause bleiben. Kitas und Schulen schließen, Arbeitgeber ordnen Heimarbeit an, die öffentlichen Verkehrsmittel schränken ihr Angebot ein. Kurz: Der Staat ergreift im Angesicht der Pandemie Maßnahmen, die sich vor zwei Wochen kaum jemand hatte vorstellen können.

Die drastischen Entscheidungen, die Behörden und Unternehmen getroffen haben und noch zu treffen haben, sind beklemmend. Sie schaffen ein Stück weit erst die Unsicherheit. Das sich unsichtbar ausbreitende Virus ist für die überwiegende Mehrheit, noch nicht erkrankte Mehrheit der Bevölkerung als Bedrohung eher abstrakt. Die Aussetzung des Alltags dagegen bekommen alle unmittelbar zu spüren. Ein Gefühl von "so schlimm ist es also wirklich" macht sich breit.

Unsicherheit und Kontrollverlust sind in unserer modernen Alltagswelt ungewohnte Empfindungen. Es gibt viele andere Krankheiten, für die wir keine Heilmittel haben. Es sterben jedes Jahr viele Menschen an der Grippe. Mit diesen Krankheiten aber haben wir umzugehen gelernt, wir kennen sie. Die Pandemie-Erfahrung dagegen, in der Experten und Entscheider nicht immer wissen, was zu tun ist, rüttelt am Sicherheitsgefühl der meisten. Das Zusammenleben in friedlichen Wohlstandsländern wie Deutschland fußt ein Stück weit darauf, dass wir im täglichen Leben verdrängen, wie zerbrechlich das Fundament unserer Zivilisation ist.

Es geht um die Dosierung der Ausbreitung

Die mit Pandemien ebenfalls unerfahrene Politik hat sich in den vergangenen Wochen eher vorsichtig durch das ihr neue Gelände vorgetastet. Und das ist gut so, denn ahnungsloses Vorpreschen, nur um Stärke zu demonstrieren, wäre maximal falsch. Gesucht wird in diesen Tagen kein radikaler Mauerbauer, der die Verbreitung des Virus stoppt. Das ist erstens unrealistisch und zweitens auch nicht zielführend. Gesucht wird aber auch kein Zyniker, der zur Vermeidung wirtschaftlicher Verwerfungen das Leben Zehntausender aufs Spiel setzt.

Nein, die Entscheider müssen sich jetzt als Schleusenwärter betätigen. In diesem Bild ist der zu steuernde Wasserstrom das Coronavirus Sars-CoV-2. Es soll sich verbreiten, aber eben dosiert. Verbreitet es sich ungehemmt, reichen die Behandlungskapazitäten in den Krankenhäusern nicht mehr aus. Dann sterben Menschen auf den Fluren überlasteter Kliniken. Gut behandelbare Erkrankungsfälle entgleiten und enden tödlich. Es gilt den Strom so zu dosieren, dass die Ausbreitung über einen möglichst langen Zeitraum gestreckt wird, ohne dass die übrige Grundversorgung zum Erliegen kommt und das allgemeine Wirtschaftsleben dauerhaft schwere Schäden davon trägt - denn auch daran hängen Leben.

Das System funktioniert

Führt man sich diese Notwendigkeiten vor Augen, sind die bislang ergriffenen Maßnahmen genauso angemessen wie die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung. Dass es im föderalen System wegen der Vielzahl an Mitredenden und Mitentscheidenden immer auch Reibungsverluste gibt, ist hinnehmbar. Dafür sind diese Strukturen vor Ort kompetent und handlungsfähig, etwa durch das dezentrale System der Gesundheitsämter. Zumal sich lokale Schwerpunkte des Pandemieausbruchs in Deutschland abwechseln werden - heute Heinsberg, morgen vielleicht Schwerin oder Passau. Bei der Handhabung konkreter Maßnahmen vor Ort braucht niemand Anweisungen aus Berlin sondern höchstens Unterstüzung. Die lokalen Gesundheitsämter kennen die jeweiligen Gegebenheiten und Strukturen. Sie können kompetent beraten und die Schließung von Einrichtungen anordnen.

Es ist gut möglich, dass die Einschränkungen zur Kontrolle der Infektionswelle noch viel drastischer ausfallen werden. Das Extrembeispiel China, wo im Krisengebiet Wuhan die Menschen über Wochen in ihren Wohnungen bleiben mussten, zeigt, dass als letztes Mittel im Instrumentenkasten die Massenisolation eine wirksame Option ist. Die Neuansteckungen fallen in China drastisch, wenn man den offiziellen Zahlen folgt.

Dass der Staat innerhalb des gesetzlichen Rahmens mit der gebotenen Ernsthaftigkeit reagiert und dabei weder unpopuläre Entscheidungen noch Kosten scheut, braucht daher niemandem Angst zu machen. Im Gegenteil: Der Schleusenwärter ist auf seinem Posten, und er macht seine Sache bislang gut.