Politik
"Man muss die Chancen ergreifen, die sich einem bieten", sagt Dana Maghdeed. Mit Geld von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) konnte sich der 31-Jährige nach der Rückkehr in den Irak einen Elektronikladen aufbauen.
"Man muss die Chancen ergreifen, die sich einem bieten", sagt Dana Maghdeed. Mit Geld von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) konnte sich der 31-Jährige nach der Rückkehr in den Irak einen Elektronikladen aufbauen.(Foto: Issio Ehrich)
Mittwoch, 15. Juni 2016

Vom Flüchtlingsheim in den Chefsessel: Deutschland war nie mehr als eine Chance

Von Issio Ehrich, Erbil

Maghdeed ist kein Träumer und kein Gefühlsmensch. Er wog ab, bevor er sich für eine Flucht nach Deutschland entschied. Der Versuch, dort ein neues Leben zu beginnen, scheiterte trotzdem. Zurück im Irak geht es dagegen voran.

Wie es wohl ist, wenn sich der Vorhang öffnet? Wenn auf einmal Hunderte Augen auf einen gerichtet sind und sich Hunderte Ohren danach sehnen, verzaubert zu werden? Als Dana Maghdeed ein Kind war, träumte er von einer Karriere als Pianist. Jetzt ist er 31 Jahre alt.

Statt auf einem Klavier drückt Maghdeed auf einem Tablet herum. Er zeigt ein paar Jungs aus der Nachbarschaft ein iPad – in seinem neuen Elektronikladen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Norden des Irak.

Serie über Rückkehrer in den Irak

Immer mehr Flüchtlinge aus dem Irak entscheiden sich, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben sich 1933 Personen um finanzielle Unterstützung für ihre Rückkehr beworben.

n-tv.de hat einige dieser Menschen in der kurdischen Autonomieregion im Norden des Irak getroffen. Es handelt sich bei ihnen um besonders schutzbedürftige Fälle, denen die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit Mitteln aus Deutschland bei der Reintegration hilft. In einer Serie begleitet n-tv.de sie bei den ersten schwierigen Schritten im neuen, alten Leben.

Magdheeds Kindheitstraum ging nicht in Erfüllung. Aber das findet er nicht schlimm. Mit zunehmendem Alter dachte er ohnehin immer seltener daran. "Ich bin zufrieden", sagt Maghdeed. "Das Leben ist eine lange Reihe an Gelegenheiten. Man muss die Chancen ergreifen, die sich einem bieten."

Es gibt Menschen, die sich von ihren Gefühlen leiten lassen. Es gibt Menschen, die nicht nur große Träume träumen, sondern auch große Risiken für sie eingehen. Und es gibt Menschen wie Maghdeed – Pragmatiker. Zu wissen, dass er einer ist, hilft, seine Odyssee zu verstehen. Eine Odyssee, die nicht nur von einem Job zum nächsten führte, sondern auch durch den halben Nahen Osten, über das Mittelmeer, als Flüchtling nach Deutschland - und zurück.

Der IS war nicht der Grund

Die Jungs, die gern ein Tablet hätten, schlurfen wieder aus dem Laden. Sie müssten nochmal überlegen. Maghdeed setzt sich auf seinen Kunstledersessel in der Ecke. Umgeben von bunten Handyschalen, Ohrstöpseln und Ladegeräten fängt er an, seine Geschichte zu erzählen.

Maghdeeds neuer Laden läuft langsam an.
Maghdeeds neuer Laden läuft langsam an.(Foto: Issio Ehrich)

Maghdeed kam in Makhmur zur Welt, rund 60 Kilometer von Erbil entfernt. Dort verläuft heute die Front. Im Westen stehen die Männer des sogenannten Islamischen Staats (IS), im Osten die kurdischen Peschmerga. Doch mit den Schlächtern von Abu Bakr al-Bagdadi hat Maghdeeds Geschichte nur indirekt zu tun. Magdheeds Eltern waren nie reich. Die Mutter war Hausfrau, der Vater arbeitete für die kurdische Regionalregierung. Maghdeed konnte einen höheren Schulabschluss machen. Eine Gelegenheit, sich ernsthaft mit seiner Musik zu beschäftigen, habe sich aber einfach nicht ergeben. Er musste Geld verdienen. Und so tat er, was sich anbot. Magdheed war Taxifahrer, Lieferant, er hatte auch mal einen kleinen Supermarkt. Vor seiner Flucht arbeitete er einige Zeit als Dachdecker. Rund 500 Euro pro Monat verdiente er. Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Doch als der IS erstarkte, kollabierte auch die kurdische Wirtschaft. Etliche Baufirmen stoppten ihre Projekte.

Maghdeed ließ sich nicht blenden

Das kosten die Rückkehrprogramme

Jeder Flüchtling kann sich für eine finanzielle Unterstützung bewerben, wenn er wieder in seine alte Heimat will. Mit Mitteln des Bundes, der Länder und der Europäischen Union führt die Internationale Organisation für Migration (IOM) mehrere Programme durch.

Ein Beispiel: Flüchtlinge aus dem Irak können mit der Erstattung der Rückflugskosten rechnen. Zudem stehen ihnen 200 Euro Reisebeihilfe und 500 Euro Starthilfe zu. Kinder unter zwölf Jahren erhalten die Hälfte. Für andere Länder gelten mitunter andere Sätze.

Ergänzend zur Hilfe für die Rückreise bietet die IOM für den Irak ein Reintegrationsprojekt an. Besonders hilfsbedürftige Personen können bis zu 5000 Euro vor allem in Sachleistungen bekommen, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Meist stellt die IOM die Ausstattung für Geräte und Werkzeuge.

In früheren Programmen halfen Mitarbeiter der IOM Rückkehrern zudem bei der Suche nach einem Arbeitsplatz vor Ort.

Seine Verwandten hätten ihn ein wenig gedrängt, nach Deutschland zu flüchten, sagt Maghdeed. Er nimmt sie aber sofort wieder in Schutz. "Meine Familie wusste nicht, wie gefährlich das ist." Viele Menschen in der Region Kurdistan machen sich ein unrealistisches Bild vom Weg ins Zentrum Europas. Sie blenden die Risiken aus, weil sie vor allem an das verheißungsvolle Ziel denken. Die Verherrlichung dieses Ziels reicht mitunter so weit, dass Geschäfte in Erbil schwarz-rot-goldene T-Shirts anbieten. "Deutscher" steht darauf.

Woher diese Verherrlichung kommt? Sie ist vielleicht eine Mischung aus verzerrten Erinnerungen und allzu großer Vorstellungskraft. Im Norden des Iraks gibt es Kurden, die Deutschland in Zeiten erlebten, in denen Saddam Hussein noch im Irak wütete. Diese früheren Flüchtlingsgenerationen, die in besseren Tagen als diesen in die Region Kurdistan zurückkehrten, erzählen gern von dem, was sie einst erlebt haben. Zugleich gibt es jene Leute, die noch nie einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt haben und trotzdem sehr viel über das gute Leben dort zu berichten wissen.

Dieses verzerrte Bild ist aber nur für einige Menschen aus der Region der Grund, sich auf den gefährlichen Weg zu machen. Maghdeed ließ sich nicht von Erzählungen blenden. Deutschland war für ihn kein Sehnsuchtsort. Deutschland war eine jener Chancen, die man ergreifen muss, wenn sie sich bieten. "Die Wirtschaftslage war so schlecht, dass ich etwas unternehmen musste", sagt er.

Seine Flucht begann auch schon lange, bevor in Berlin über die neue deutsche "Willkommenskultur" gestritten und Kanzlerin Angela Merkel vorgeworfen wurde, sie würde die Menschen mit ihrer Politik der "offenen Grenzen" geradezu anlocken. Im Sommer 2014 kratzte er seine Ersparnisse zusammen und bat Verwandte um Hilfe, um die 7000 Euro für den Schlepper zusammenzubekommen. Mitte August ging es los. Zunächst für sieben Monate in die Türkei, dann über das Mittelmeer und die Balkanroute.

Düstere Geschichten aus Ostdeutschland

Maghdeed kam zunächst in ein Aufnahmelager an der Grenze zu Österreich, dann nach München, Dortmund, Detmold und zuletzt Dormagen in Nordrhein-Westfalen. Zehn Monate verbrachte er in der Bundesrepublik. "Ich wurde gut behandelt. Ich habe mich wohl gefühlt", sagt er. "Deutschland hat ziemlich exakt meine Erwartungen erfüllt."

Es gab nur ein Problem: Als er nach zehn Monaten immer noch nicht als Flüchtling anerkannt wurde, fing Maghdeed an, sich immer häufiger über die Gründe dafür Gedanken zu machen. Er kannte Christen, die sofort Asyl bekommen haben. Und er hörte von düsteren Aufmärschen in ostdeutschen Städten, sah Bilder von demonstrierenden Deutschen, die sich gegen die "Islamisierung des Abendlandes" wandten. "Ich dachte, ich bekomme kein Asyl, weil ich Moslem bin", sagt er.

Abgeschreckt hätte ihn Pegida nicht, sagt Maghdeed. Die meisten Menschen, auf die er traf, waren schließlich offen und hilfsbereit. Er wäre geblieben. Doch er glaubte nicht mehr richtig daran, dass er auf absehbare Zeit einen endgültigen Aufenthaltsstatus bekommen würde. Und damit hatte er wahrscheinlich recht, wenn auch aus anderen Gründen als gedacht. Maghdeed floh schließlich vor allem vor Armut - nicht vor Krieg und Verfolgung. Er ahnte, bald abgelehnt zu werden. Und als ihn im Januar die Nachricht erreichte, dass seine Kinder krank geworden sind, war die Sache für ihn klar.

Eine einmalige Gelegenheit?

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) unterstütze Maghdeed bei seiner Rückkehr. Und weil er mit seinem Elektronikladen ein vernünftiges Geschäftsmodell vorlegte, half sie ihm mit weiteren 4000 Euro. So konnte Maghdeed sich eine erste Ausstattung leisten. "Es läuft langsam an", sagt er nach eineinhalb Monaten im Geschäft. "Mir geht es besser als direkt vor meiner Flucht."

Dass die IOM einstigen Flüchtlingen meist erfolgreich bei der Reintegration ins neue alte Leben hilft, spricht sich in Erbil rum. Zum kleinen Büro der Organisation im Viertel Ankawa kommen täglich Leute, die gerade aus einem europäischen Land zurückgekehrt sind. "Ich habe gehört, hier wird uns geholfen", heißt es dann oft. Doch so einfach ist das nicht. Für die Unterstützung gilt es, sich bereits vor der Rückkehr zu bewerben. Zudem nimmt die Bundesrepublik derzeit maximal 90 Personen in das Programm auf. Es gibt schon jetzt mehr Bewerber als Plätze.

Maghdeed rutscht auf seinem Kunstledersessel hin und her. Während er seine Geschichte erzählt, klingelt sein Handy unentwegt. Und langsam drängt es ihn zurück an den Verkaufstresen. "Ich denke nicht mehr viel an Deutschland", sagt er. "Ich bin zufrieden." Ganz ausschließen, dass er es in der Bundesrepublik eines Tages nochmal probiert, will er aber auch nicht. "Man muss die Chancen ergreifen, die sich einem bieten", sagt Maghdeed, aber er müsste schon eine Garantie auf Asyl bekommen, um sich nochmal auf diesen Weg zu begeben.

Quelle: n-tv.de