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Zurück im Land des Terrors und Elends Das Leben der Hadis hängt an drei Kühen

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(Foto: Issio Ehrich)

Eine zwölfköpfige Familie aus dem Irak flieht vor dem IS und ihrer Armut. Sie schafft es nach Deutschland. Doch den Kindern gefällt die neue Heimat nicht. Der Vater gibt einem Gefühl nach, das viele Eltern kennen - mit drastischen Folgen.

Kaum hat Sadun Naif Hadi einen Schritt auf die alte Taube zugemacht, streckt das Tier seinen Kopf zwischen den Gitterstäben hervor. Die Taube weiß: Gleich wird Hadi in den Beutel greifen und eine Handvoll Korn vor den Käfig schmeißen. So wie früher. Für Hadi ist das ein Zeichen: Auch für ihn könnte bald alles wieder so sein wie früher. "Inschallah." So Gott will.

Die IOM hilft bei der Reintegration

Immer mehr Flüchtlinge aus dem Irak entscheiden sich, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben sich 1933 Personen um finanzielle Unterstützung für ihre Rückkehr beworben.

n-tv.de hat einige dieser Menschen in der kurdischen Autonomieregion im Norden des Irak getroffen. Es handelt sich bei ihnen um besonders schutzbedürftige Fälle, denen die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit Mitteln aus Deutschland bei der Reintegration hilft. In einer Serie begleitet n-tv.de sie bei den ersten schwierigen Schritten im neuen, alten Leben.

Vor kaum einem Jahr hatte Hadi die Taube einem Freund in die Hand gedrückt und gesagt: "Pass gut auf sie auf, ich komm nicht wieder". Der 48-Jährige begab sich auf die Suche nach einer besseren Welt – vor allem für seine Söhne und Töchter. Er verließ seine Heimat im Norden des Irak. Er floh mit seinen beiden Frauen und seinen neun Kindern in die Türkei. Er überlebte die Fahrt über das Mittelmeer und er ertrug die tagelangen Märsche auf der Balkanroute. Doch angekommen in Deutschland, fühlte sich seine Suche plötzlich falsch an.

"Es hatte einfach nicht sein sollen." Mit diesen Worten beginnt Hadi die Geschichte seiner Irrfahrt. Während er sie erzählt, wird er immer wieder Gottes Willen oder das Schicksal heraufbeschwören. Vielleicht, um sich zu rechtfertigen. Hadi tat, was viele Eltern tun, die ihre Kinder lieben. Er erfüllte ihre Wünsche. Nur bedeutete das in seinem Fall die Rückkehr in den Irak. Dort stößt er jetzt mit aller Härte auf die Folgen seiner Entscheidung.

Ende eines bescheidenen, aber glücklichen Lebens

Für seine erste Flucht hatte Hadi gute Gründe: Hadi stammt aus Sindschar, dem Ort, den der sogenannte Islamische Staat (IS) im Spätsommer 2014 überrannt hatte. Für Tausende Jesiden, die der IS als "Ungläubige" betrachtet, hieß es: rennen oder sterben. Hadi ließ ein ein bescheidenes, aber glückliches Leben hinter sich. Mit seinem Lastwagen belieferte er Viehmärkte, bevor ihn der IS vertrieb.

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Die Familie Hadi besaß noch nie viel. Durch ihre Flucht wurde es noch weniger.

(Foto: Issio Ehrich)

Zuflucht fand Hadi zunächst im 200 Kilometer entfernten Erbil. Am Rande der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion zog er für zwei Monate in ein Viertel, in dem es keine Straßen gab, sondern Schotterpisten, eines, in denen Kinder in alten Lasterreifen spielten oder für ein paar Dinar an Ampeln Scheiben putzten. Er lebte in einem Haus, in dem es einen Treppenaufgang gab, aber keinen ersten Stock, in dem sich statt Möbeln nur Decken und Matratzen befanden. Hadi sagt: "Essen gab es nie genug." Er wollte mehr für seine Familie.

Als Hadi im Flüchtlingslager im saarländischen Lebach ankam, stellte er fest: Auch dort gibt es keine richtigen Möbel. Aber er war sich sicher: Es sei nur eine Frage der Zeit sei, bis er eine Arbeit aufnehmen und sich ein eigenes Haus leisten könne. Und damit hatte er ja auch Recht. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge dürfen mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge aus dem Irak bleiben. Die Bundesregierung setzt sich auch dafür ein, ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. "Ich musste trotzdem gehen", sagt Hadi. "Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, meine Jungs und Mädchen weinen zu hören." Hadis Kindern gefiel Deutschland nicht.

Eine schwer zu erklärende Sehnsucht

Jeder Flüchtling kann sich für eine finanzielle Unterstützung bewerben, wenn er wieder in seine alte Heimat will. Mit Mitteln des Bundes, der Länder und der Europäischen Union führt die Internationale Organisation für Migration (IOM) mehrere Programme durch.

Ein Beispiel: Flüchtlinge aus dem Irak können mit der Erstattung der Rückflugskosten rechnen. Zudem stehen ihnen 200 Euro Reisebeihilfe und 500 Euro Starthilfe zu. Kinder unter zwölf Jahren erhalten die Hälfte. Für andere Länder gelten mitunter andere Sätze.

Ergänzend zur Hilfe für die Rückreise bietet die IOM für den Irak ein Reintegrationsprojekt an. Besonders hilfsbedürftige Personen können bis zu 5000 Euro vor allem in Sachleistungen bekommen, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Meist stellt die IOM die Ausstattung für Geräte und Werkzeuge.

In früheren Programmen halfen Mitarbeiter der IOM Rückkehrern zudem bei der Suche nach einem Arbeitsplatz vor Ort.

Zurück in Erbil, zurück im Viertel Daratu. An einer der Schotterpisten steht dort noch immer das Haus mit dem Treppenaufgang, der ins Nichts führt. Familie Hadi ist wieder eingezogen, als sie Ende Januar in den Irak zurückkam. Sohn Nadschib wirft sich auf das, was in der Küche die Sitzecke ersetzt: ein paar Decken. Als er seine Füße ausstreckt, zeigt sich: Er läuft lieber barfuß als auf durchlöcherten Sohlen. Die Füße sind voller Schmutzspuren. Zurück im alten Elend.

Für den Zehnjährigen, der noch nicht weiß, welche Möglichkeiten er in Deutschland gehabt hätte, ist dieses Elend Zuhause. "Ich hatte Heimweh", sagt er, während er sich verlegen am Ohr kratzt, das nicht viel sauberer ist, als seine Füße. Wie seinen Geschwistern fällt es Nadschib schwer auszudrücken, warum es in Deutschland so viel schlimmer gewesen sein soll als dieses Leben im Irak. Waren es die vielen Fremden? Das Essen? Nadschib zuckt mit den Schultern: "Da war es so anders."

Vater Hadi kann sich nicht erklären, warum Nadschib und die anderen Kinder sich nicht auf Deutschland einlassen konnten. "Wir hatten ordentliches Essen und die Menschen waren freundlich", sagt er. "Meine Frauen und ich wären geblieben." Wer Hadi fragt, ob es nicht vernünftig gewesen wäre, trotz ein paar Tränen zu bleiben, bekommt eine unbefriedigende Antwort. "Kinder sind so ungeduldig."

Die teuren Folgen der Flucht

Abendessen. Es gibt Reis. Neben Bulgur das Gericht, dass bei den Hadis immer wieder auf den Tellern landet. Für Fleisch reicht das Geld nur alle drei Wochen. "Wir hatten nichts", klagt Hadi. "Jetzt haben wir noch weniger." Schmuggler knöpften ihm für die Flucht nach Deutschland 25.000 US-Dollar ab. Er machte Schulden, von denen noch immer 5000 Dollar übrig sind. Wie lange er dafür arbeiten muss? Hadi dient sich als Lohnarbeiter an. Von den Einkünften kann er kaum Miete und Strom zahlen.

Die aufstrebende Wirtschaft in der Region Kurdistan ist wegen der Bedrohung durch den IS und des Verfalls des Ölpreises kollabiert. Viele Investoren haben ihre Projekte gestoppt. Angestelltenjobs sind rar. Auch auf Rationen von Hilfeorganisationen kann Hadi sich nicht verlassen. Im Irak darben mehr als drei Millionen Binnenvertriebene. Hinzu kommen Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien.

Dass Hadi nicht längst verzweifelt ist, hat zwei Gründe. Noch weinen seinen Kinder etwas seltener als in Lebach. Außerdem ist er Kandidat für ein Hilfsprogramm der Internationalen Organisation für Migration. Finanziert durch die Bundesregierung hilft die IOM Flüchtlingen nicht nur bei der freiwilligen Rückkehr in ihr Heimatland. Sie zahlt ihnen den Rückflug und gibt ihnen bis zu 700 Euro pro Person für den Neustart. Die IOM bietet besonders schutzbedürftigen Leuten auch Unterstützung bei der Reintegration. Bis zu 5000 Euro erhalten sie, wenn sie in das Programm aufgenommen werden. Die Bundesregierung finanziert das Reintegrationsprogramm in den nächsten zweieinhalb Jahren allerdings nur für 90 Personen. Schon jetzt gibt es so viele Kandidaten wie Plätze.

Bescheidene Träume

Hadi hat mit seiner Großfamilie aber gute Chancen. Auch der erforderliche Business-Plan, an dem er arbeitet, wirkt vielversprechend. Das IOM fördert bevorzugt Rückkehrer, die sich selbstständig machen – im Idealfall in Familienunternehmen oder mit Bekannten. Auch wenn die großen Geschäfte schlecht laufen, brauchen die Menschen Friseure und Schlachtereien.

Hadi will in das Unternehmen eines Freundes einsteigen. Der besitzt Kühe und verkauft Milcherzeugnisse. Vom Geld, das er von der IOM bekommen dürfte, könnte er drei Tiere beisteuern. Damit seine Familie durchzubringen, wird nicht leicht. Doch die Erfolgsquote des Reintegrationsprogramms spricht für Hadi. Seit 2012 hat die IOM 50 Personen und mit ihnen 172 finanziell abhängigen Angehörigen im Irak beim Neuanfang geholfen. Die große Mehrheit konnte sich zumindest eine bescheidene neue Existenz aufbauen. Nach Angaben der IOM flüchtete von den geförderten Menschen nur einer ein zweites Mal nach Deutschland.

Hadi geht noch einmal nachschauen, was seine alte Taube treibt. Das Tier pickt ein Korn nach dem anderen auf. Wenn alles wieder so wäre wie vor seiner Flucht, wäre er schon zufrieden, sagt Hadi. Damit, dass seine Kinder vielleicht nie eine Schule besuchen werden, hat er sich abgefunden - tut womöglich aber auch nur so. "Ich will, dass meine Jungs und Mädchen groß werden, heiraten und sich ein eigenes Leben aufbauen." Wut oder Reue verspüre er nicht. "Das war unser Schicksal."

Quelle: ntv.de