Politik

Seehofer, Söder und das Debakel "Die CSU hat Klamauk in Berlin gemacht"

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In Bayern ist die Unzufriedenheit mit Ministerpräsident Söder und CSU-Chef Seehofer groß.

(Foto: dpa)

Schon erstaunlich: Trotz boomender Wirtschaft schmiert die CSU bei der Bayernwahl ab. Ein Grund dafür ist die "absolut falsche Strategie", sagt Forsa-Chef Güllner im Interview mit n-tv.de. Bei der SPD liegt anderes im Argen. Doch hilft da ein Aufkündigen der GroKo?

n-tv.de: Auch wenn es wenig überraschend kam: Die CSU ist auf unter 40 Prozent abgestürzt und verliert die absolute Mehrheit im Landtag. Woran liegts?

Manfred Güllner: In Bayern hat sich nun ein längerfristiger Trend bestätigt. So hat die CSU schon 2008 bei der Landtagswahl in absoluten Zahlen noch weniger Stimmen als heute bekommen. 2013 war die Landtagswahl nur deshalb für die CSU gut ausgegangen, weil sie in den Sog der Bundestagswahl geraten war. Diese fiel für die gesamte Union positiv aus, weil viele einstige FDP-Wähler zu CDU und CSU wanderten. Letztlich war 2013, als die CSU mit 47,7 Prozent noch einmal die absolute Mehrheit gewann, der Ausreißer in der Entwicklung.

Und doch stand die CSU im Sommer mit 42 Prozent in Umfragen noch vergleichsweise gut da. Irgendwas muss dann doch schiefgelaufen sein.

Unsere Umfragen zeigen: Nach Meinung der Bayern insgesamt sowie der Mehrheit der CSU-Wähler und erst recht derer, die von der CSU abgewandert sind, ist seit 2016 der Hauptschuldige klar: Das ist CSU-Chef Horst Seehofer. Bundeskanzlerin Angela Merkel geben deutlich weniger die Schuld. Die Mehrheit in Bayern befand den Streit um Flüchtlinge und Migration, den die CSU mit der CDU schon nach 2015 angefangen hat, nicht für richtig.

Und Ministerpräsident Markus Söder kommt gut weg?

Söder selbst wird in Umfragen auch als Mitschuldiger genannt, aber nicht in dem Maße wie Seehofer. Wobei Söder möglicherweise geholfen hat, dass er sich im Laufe des Wahlkampfs ein bisschen vom Rechtskurs der CSU distanziert hat. Insgesamt allerdings ist in Bayern die Unzufriedenheit mit der CSU-Spitze - einschließlich Söder - sehr ausgeprägt. Aber es gibt auch viele CSU-Repräsentanten vor Ort, die alle ein hohes Ansehen genießen: die Bürgermeister und die Mandatsträger auf Landes- und Bundesebene der CSU. Da sie von vielen sehr geschätzt werden, ist der Verlust der CSU nicht noch größer ausgefallen. Gerade im ländlichen Raum ist die CSU noch stark verankert.

Trotzdem wirkt es erstaunlich, dass die CSU trotz der boomenden Wirtschaft nicht mehr punkten konnte.

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Manfred Güllner ist Gründer und Chef des Umfrage-Instituts Forsa.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das ist ja der fundamentale Fehler der CSU seit 2015/2016, dass sie sich auf das Thema Migration und Flüchtlinge fokussiert hat und über nichts anderes mehr geredet hat. Das hat natürlich das positive Bild, das die Bayern von ihrem Land haben, verblassen lassen. Es war eine absolut falsche Strategie. Anstatt sich auf die Vorzüge Bayerns zu konzentrieren, auf das, was die CSU in vielen Jahrzehnten in Bayern geleistet hat, hat die CSU Klamauk in Berlin gemacht und einen Amoklauf gegen Merkel angezettelt.

Und wie erklären Sie sich das desaströse Abschneiden der SPD?

Die SPD hat nochmal 470.000 Stimmen im Vergleich zur Bundestagswahl verloren. Allerdings hat sie seit Jahrzehnten ein Nischendasein in Bayern geführt und nur immer etwas mehr als 10 Prozent der Wahlberechtigten als Wähler gewinnen können. Bei Landtagswahlen war sie durchweg schwach. Hätte sie dies schon eher analysiert, dann wäre vielleicht diese Riesenkatastrophe nicht eingetreten.

Und ist auch die Große Koalition in Berlin schuld, wie jetzt in der SPD bereits einige sagen?

In erster Linie liegt es an der bayerischen SPD, dass sie noch mehr Wähler verloren hat. Schon seit vielen, vielen Jahren hat sie in einem Drittel der bayerischen Gemeinden überhaupt keinen Ortsverein mehr, ist praktisch nichtexistent. Allerdings hat der Zustand der Bundes-SPD sicherlich nicht geholfen. Nur würde es der bayerischen SPD auch nichts bringen, wenn die SPD im Bund jetzt aus der Großen Koalition ausstiege. Sie muss die Fehler schon bei sich selbst suchen.

Als Koalitionspartner könnten künftig die Freien Wähler herhalten. Was macht deren Erfolg aus?

Während die urbanen Liberalen zu den Grünen gewandert sind, fangen die Freien Wähler die bayerischen Konservativen auf. Dabei profitieren sie von der Schwäche und der Hybris der CSU. Durch das Vertrauensvakuum, das die Christsozialen hinterlassen haben, sind sie auf lokaler Ebene stark geworden und konnten so den Schub bekommen, um überhaupt in einen Landtag einzuziehen.

Aber vielleicht verflüchtigt sich jetzt ja die Hybris. Söder bekundete noch am Wahlabend "Demut" und versprach, besser zu werden. Kann er die CSU denn wieder zu alter Stärke führen?

Wenn sich die CSU wieder auf Bayern konzentriert und darauf, das Land ordentlich weiter zu gestalten, hat sie durchaus Chancen, Vertrauen zurückzugewinnen. Die absolute Mehrheit zurückzuholen dürfte aber schwierig sein. Gerade in den Metropolen hat sich die Bevölkerungsstruktur deutlich verändert, die Bewahrung der bayerischen Tradition ist dort nicht mehr so ausgeprägt.

Mit Manfred Güllner sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de