Politik

Eine Deutsche in Israel "Die Explosionen machen mich fertig"

Vor mehr als zwei Wochen ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wieder aufgeflammt. Seitdem gibt es Luftangriffe der Hamas auf Tel Aviv. Und damit ausgerechnet auf jene Stadt, in der die Deutsche Ursula Bögner seit September 2013 ihr Freiwilliges Soziales Jahr macht. Sie arbeitet dort für ALUT - die israelische Gesellschaft für autistische Kinder. Bei n-tv.de erzählt die 19-jährige Kölnerin von ihren Erlebnisse in Tel Aviv.

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Ursula Bögner macht ihr FSJ in Tel Aviv.

(Foto: U. Bögner)

Als alles begann, war ich gerade im Norden Israels unterwegs im Nationalpark Gan Hashlosha. Freunde erzählten mir am Telefon von den Angriffen. Ich konnte das erst gar nicht glauben. Doch nach meiner Rückkehr dauerte es nicht lange, bis die ersten Explosionen zu hören waren. Für mich war das absolut surreal. Es war an dem Abend, an dem die deutsche Fußball-Nationalelf bei der WM Gastgeber Brasilien mit 7:1 besiegte. Ich ging ängstlich ins Bett, konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht wartete ich darauf, dass etwas passiert. Ich musste plötzlich bereit sein, jederzeit in den Bunker zu laufen.

In jene Bunker, in denen ich mich seitdem mehrmals  täglich aufhalte. Sobald die Sirene ertönt, muss ich mit den Autisten, die ich betreue, innerhalb von eineinhalb Minuten in einen der zwei Bunker, die sich unterhalb meiner Arbeitsstelle befinden. Es sind ungemütliche, kalte Räume mit dicken Türen. In Friedenszeiten sind es einfache Abstellkeller, vollgepackt mit irgendwelchen Sachen. Nur wenige der mir anvertrauten Autisten verstehen, warum sie ständig in den Bunker müssen. Viele werden dort aggressiv. Wir verteilen dann Süßigkeiten, um sie zu besänftigten.

"Die Kämpfe sind bestimmt bald wieder vorbei"

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Strandbesucher in Tel Aviv suchen Zuflucht, nachdem die Sirene ertönt.

(Foto: REUTERS)

Richtig überrascht von der Sirene wurde ich das erste Mal am Strand. Da muss man laufen und sehen, wo man unterkommt. Das ist wesentlich schwieriger als zu Hause oder in einem Restaurant, wo man sich in einem Bunker oder Treppenhaus verstecken kann. Wichtig ist vor allem, sich nicht in der Nähe von Fenstern aufzuhalten. Als ich vom Strand weggelaufen bin, habe ich schließlich an einem Surfbrettstand Schutz gefunden.

Inzwischen habe ich die App "Red Alert: Israel" auf meinem Handy installiert. Sie warnt vor Raketen und zeigt, wann und wo Raketen einschlagen. Meistens greift die Hamas vormittags zwischen zehn und zwölf Uhr an und ein zweites Mal abends gegen zwanzig Uhr. Darauf kann man sich in der Regel ganz gut verlassen.

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"Red Alert" ist eine Raketenalarm-App.

(Foto: Screenshot)

Die meisten meiner israelischen Kollegen reagieren sehr gelassen auf das, was hier passiert. Im Gespräch merkt man, wie sie eine Fassade aufziehen. Viele geben nicht zu, dass sie verängstigt sind. Das sei alles nicht so schlimm, sagen sie dann. So lange könne das alles gar nicht mehr dauern. Die Kämpfe seien bestimmt bald wieder vorbei. Man spürt, dass sie das alles schon häufig erlebt haben.

Bei mir ist das anders. Die Explosionen und Sirenen haben mich geräuschempfindlicher gemacht. Ich merke, dass ich schreckhaft geworden bin. Es genügt häufig schon ein Auto, dessen Motor plötzlich ertönt. Das Problem ist: Die Explosionen hört man in Tel Aviv auch, wenn sie sich weit weg ereignen. Das irritiert mich. Die Rettungsfahrzeuge haben ihre Sirenen inzwischen geändert, weil sie so ähnlich klingen wie der Raketen-Alarm.

"Ich sitze zwischen zwei Stühlen"

Die Israelis haben einen großen Zusammenhalt. Sie sammeln Essen und Seife für die Soldaten. Diese genießen viel Anerkennung, denn sie kämpfen für das eigene Land. So etwas habe ich in Deutschland so noch nie erlebt. Ein Kollege von mir, der früher in der israelischen Armee gedient hat, sagte zu uns: "Macht euch keinen Kopf. Wir marschieren da rein, machen alles platt und dann ist gut." Andere sind unzufrieden mit dem, was Israel macht, dass es so aggressiv vorgeht und so viele zivile Opfer in Kauf nimmt. In Tel Aviv, einer säkularen und politisch links geprägten Stadt, gab es schon mehrere Demos gegen die Bodenoffensive.

Ich sitze im Nahostkonflikt zwischen zwei Stühlen. Seit ich hier bin, habe ich auf beiden Seiten Freunde gefunden, sowohl unter den Israelis als auch unter den Palästinensern. Ich war sowohl in israelischen Städten als auch in der Westbank und kann beide ein bisschen verstehen. Aber ich will für keine Seite Partei ergreifen. Daher bleibe lieber eine stille Beobachterin.

Die Angriffe halten inzwischen seit zwei Wochen an. Die Explosionen, die Sirenen und all das ist längst Normalität. Trotzdem macht es mich fertig. Ich schlafe keine Nacht durch. Bin nicht mehr frei in dem, was ich tue. Muss ich beim Strandbesuch ständig darauf achten, wo ich im Notfall Schutz suchen kann. Warte ständig auf den nächsten Alarm. Das kostet viel Kraft.

Mein FSJ endet eigentlich an diesem Wochenende. An diesem Samstag soll ich eigentlich zurück nach Deutschland fliegen. Aber im Moment weiß ich nicht, wann ich zurückkehren kann. Vor einigen Tagen wurden meine Flüge gecancelt. Das hat mich umgehauen. Denn plötzlich betrifft mich dieser Krieg auch persönlich. Ich kann meinen Flug zwar kostenlos umbuchen, aber niemand weiß, wann die deutschen Linien wieder fliegen. Sobald es geht, will ich zurück nach Köln, nach Hause zu meiner Familie. Aber ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie lange das noch dauern kann. Zurzeit warten so viele Menschen auf einen Flieger, der sie fortbringt. Weg aus Israel.

Quelle: ntv.de, aufgeschrieben von Christian Rothenberg

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