Politik

Luxus und Liebe im Vatikan Die Frau, die die Kirche herausfordert

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Blick von der Kuppel des Petersdoms auf Rom: "Man hat mir alles Mögliche vorgeworfen."

(Foto: REUTERS)

Sie soll Dokumente der katholischen Kirche veruntreut haben. Doch gegen diese Anklage hat sie sich immer gewehrt. Jetzt erzählt Francesca Immacolata Chaouqui ihre Wahrheit.

Verabredet sind wir in einem der neuen schicken Cafés über der Mailänder Galleria, einem der Prachtbauten der Stadt, gleich beim Dom und dem Opernhaus La Scala. Das ist sie also, Francesca Immacolata Chaouqui, "die Frau des Papstes", wie die "Zeit" sie einst titulierte, nachdem sie im November 2015 zusammen mit Monsignor Angel Vallejo Balda verhaftet worden war. Die Anklage warf ihr vor, Dokumente aus dem Vatikan veruntreut zu haben. Dokumente, die dann den Enthüllungsbüchern über die obskuren Machenschaften im Vatikan – "Alles muss ans Licht" von Gianluigi Nuzzi und "Geiz" von Emiliano Fittipaldi – als Grundlage dienten.

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"Nein, so naiv bin ich nicht": Francesca Immacolata Chaouqui.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch die Frau, die zum Interview erscheint, ist nicht die, die man erwartet hat. Zumindest nicht die, die man von den Fotos kennt: eine attraktive 35 Jahre alte, selbstbewusste Frau, inmitten von Monsignori, Politikern und Vertretern des römischen Adels, Grafen und Contessen. Im Café erscheint sie ungeschminkt und schlicht gekleidet.

Was die Anklage betrifft, hat Chaouqui immer bestritten, auch nur ein einziges geheimes Dokument an Unbefugte weitergeleitet zu haben. Die Richter im Vatikanstaat haben ihr das aber nicht abgenommen und sie deswegen zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt – die Anklage hatte dreieinhalb Jahre Haft gefordert. Aber die Bewährung werde das Gericht jetzt wahrscheinlich aufheben, meint Chaouqui, und zwar wegen ihres soeben in Italien erschienenen Buches "Nel nome di Pietro".

"Im Namen Petri" ist ein Bericht über die Arbeit der Wirtschaftsprüfungskommission COSEA, deren achtköpfigem Komitee sie als einzige Frau angehörte. Neben ihr saßen in dem Gremium sechs weitere Wirtschaftsexperten sowie der später ebenfalls verhaftete Prälat Balda, der sie Papst Franziskus empfohlen hatte.

Agentin "dunkler Mächte"?

Die Kommission sollte Ordnung in die Kassen des Vatikans bringen, Verschwendungen, Geschäfte und Intrigen unterbinden. Das Buch sei eine Rechtsstellung der Fakten, basierend auf bisher nicht veröffentlichten Korrespondenzen und Dokumenten, sagt Chaouqui. Denn "man hat mir alles Mögliche vorgeworfen, eine Agentin zu sein und Handlanger von wer weiß was für dunklen Mächten". Nichts davon entspreche der Wahrheit: ihr Ziel und ihre naive Hoffnung war damals, dem Papst, der Kirche hilfreich zur Seite zu stehen.

Sie habe sich mit Leib und Seele an die Aufgabe gemacht und sich auch tatkräftig für den Welttag der Familie engagiert, beflügelt von der innigen Beziehung zum Papst und dem Vertrauen, das er ihr entgegenbrachte. "Doch eine Frau, noch dazu attraktiv und jung, die oft das Protokoll missachtete, goutierte der konservative Flügel überhaupt nicht."

Anfang März 2013 war der Argentinier Jorge Maria Bergoglio zum Papst gewählt worden, im Juli nahm die COSEA die Arbeit auf. Nicht alle im Vatikan hießen die Kommission willkommen, auch weil Papst Franziskus darauf bestanden hatte, dass sie zum größten Teil aus Laien besteht. Letztlich war die COSEA damit zum Scheitern verurteilt. Allerdings kamen durch ihre Arbeit Enthüllungen zutage, die als "Vatileaks" 2.0 bekannt wurden.

Hinter dem Rücken des Papstes

Im Anhang der Urteilsbegründung fänden sich die Kopien von etlichen Dokumenten, die der COSEA zugeschickt worden seien, sagt Chaouqui, manche offiziell, andere über anonyme Kanäle. "Sie bezeugen meine Darstellungen im Buch." Diese Dokumente beweisen, dass Kurienkardinäle im Vatikan hinter dem Rücken von Papst Franziskus ihre Strippen ziehen; dass sie einen luxuriösen, verschwenderischen Lebensstil pflegen; dass die Gelder der Sonntagspenden für die Armen verwendet werden, um Lücken im Haushalt des Vatikans zu stopfen.

Gebunden war die Haftbewährung für Chaouqui daran, dass sie sich in Zukunft jeglicher Veröffentlichung enthalten würde. Mit diesem Buch hat sie diese Voraussetzung verletzt. Muss sie jetzt, mittlerweile Mutter eines acht Monate alten Jungen, ins Gefängnis gehen? "Nein, so naiv bin ich nicht. Da müsste der Vatikan schon meine Ausweisung aus Italien beantragen, oder ich müsste wieder einen Fuß in den Vatikan setzen. Was ich natürlich nicht machen werde."

Liebesszenen im Vatikan

"Im Namen Petri" ist ein Buch, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet, über den Vatikan, aber noch mehr über seine Autorin. Sicher ist jedoch: Von Naivität kann bei Chaouqui schwer die Rede sein. Denn Naivität ist sicher nicht die Tugend, die einen bis in die geheimen Räume des Vatikans leitet, die einer Frau aus ärmlichen Verhältnissen mit gerade mal 20 Jahren die schweren Tore der römischen Palazzi öffnet. Sie selber spricht von glücklichen Fügungen, von Kontakten, die sie in den zwei Anwaltskanzleien knüpfen konnte, in denen sie gleich nach dem Jurastudium arbeitete.

Ihr Buch sei kein Racheakt. "Hätte ich das beabsichtigt, wäre ich ganz anders vorgegangen." Kompromittierendes Material habe sie zur Genüge. Sie bewahre es in einem Tresor. Dabei handle es sich vornehmlich um heikles Fotomaterial. Im Buch erzählt sie, selber Zeugin von Liebesszenen gewesen zu sein, die hinter den Mauern des Vatikans eigentlich nichts zu suchen hätten. Auf die Frage, ob sie angesichts dieser brisanten Dokumente keine Angst habe, ihr könnte etwas zustoßen, antwortet sie prompt: "Ich komme aus Kalabrien. Uns kann man nicht so leicht einschüchtern."

Quelle: ntv.de