Politik

Petry kämpft wieder an der Basis "Die Frauke, die schafft das"

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Frauke Petry beantwortet geduldig die Fragen ihrer Gäste. Auch nach ihrem Rückzug aus der AfD-Fraktion.

(Foto: Konietzny)

Was kann die Blaue Partei, was die AfD nicht kann? Das wissen viele Anhänger Frauke Petrys auch noch nicht so genau. Petry erklärt es ihnen. Und muss sich auch unangenehme Fragen gefallen lassen.

Sie steht auf und sagt es Frauke Petry ins Gesicht. Die Frau kann ihre Wut und das Gefühl, um ihre Wählerstimme betrogen worden zu sein, nicht verstecken: "Ich finde das überhaupt nicht in Ordnung, dass sie die Fraktion verlassen haben. Sie könnten jetzt in der Fraktion sitzen und politische Arbeit machen. Aber Sie sind raus. Und mit einer neuen Partei werden Sie nicht den Einfluss bekommen, den sie hatten!" Die Dame war offenbar lange zornig und lässt es nun endlich raus. Ein leichtes Beben geht durch ihre Stimme. Als sie fertig gesprochen hat, erntet sie Applaus. Es wäre naiv, anzunehmen, dass dieses Thema hier nicht auf den Tisch kommt. Hier in Frauke Petrys Wahlkreis, wo sie so viele Stimmen bekommen hat.

Eine Stunde zuvor werden in dem Festsaal der Gaststätte in Pirna-Zuschendorf noch Zwiebelsuppen gelöffelt und Schnitzel zerteilt. Vor der Tür stehen zwei Sicherheitsmitarbeiter und besprechen die politische Lage in Berlin. Neuwahlen wären wohl das Beste, finden sie. Auch wenn Petry dann vermutlich nicht mehr Mitglied des Bundestags wäre. Vor der Bühne im Saal hat sich für eine Veranstaltung dieser Größenordnung eine erhebliche Anzahl Journalisten eingefunden. Doch es geht immerhin um Frauke Petry, der auch nach dem Ausscheiden aus der AfD eine gewisse politische Schlagkraft zugetraut wird. Gleich soll hier eines der Bürgerforen stattfinden, mit dem sie das personelle und inhaltliche Fundament für ihre neue Partei legen will.

Aber worin unterscheidet sich die "Blaue Partei" von der AfD? Warum sollten Wähler ihre Kreuzchen eines Tages bei der Alternative zur Alternative machen? "Das weiß ich auch noch nicht", sagt ein Herr, der sich einen Platz am Rande des Saals gesucht hat. "Deswegen bin ich ja hier". Er habe bei der Bundestagswahl AfD gewählt, erzählt er. Wegen Frauke Petry – "eine starke Frau". Die Zuwanderung sei das drängendste Problem dieses Landes, das habe ihn zur AfD gebracht. 2,7 Prozent der Bewohner seines Heimatlandkreises haben keinen deutschen Pass. Aber viele AfD-Leute sind ihm wiederum zu extrem. "Der Höcke ist zu krass. Das muss nicht sein. Dieses Nationalistische und Radikale, das gefällt uns nicht."

"Es gibt einen Punkt, da ist es genug"

Dann betritt Frauke Petry mit ihrer Entourage den Saal. Die Gemütlichkeit der Gaststätte, die verbrauchte Luft, Biergläser, Schnitzel, Zwiebelsuppen. Petry kann nicht mehr auf den großen Bühnen der AfD um Anhänger werben. Sie muss wieder im ganz kleinen Maßstab anfangen. Auf zwei Aufstellern hinter ihr steht "Blaue Wende", "Deutschland gestalten" und "Bürgerforum". Die Mikrofonanlage funktioniert nicht. Ihr Mitstreiter und Landtagsabgeordnete Uwe Wurlitzer schlägt mit einem Messer gegen ein Bierglas. Petry begrüßt ihre Gäste.

Natürlich wollen die Menschen hier wissen, warum sie das gemacht hat. Das weiß sie selbst. Einzelne Personen hätten der Partei geschadet, sie spricht unmissverständlich vom Höcke-Lager. Sie habe so lange gekämpft, alles riskiert, stehe unter Personenschutz, müsse sich Anfeindungen gefallen lassen. "Es gibt einen Punkt, da ist es genug", antwortet Petry der Dame, die sie zur Rede gestellt hat.

Die entgegnet: "Das hätten wir ja verstanden, wenn Sie vor der Wahl ausgetreten wären." Wieder Applaus. Petry: "Nein, dann wäre die Wahl in die Binsen gegangen". Wurlitzer springt ihr bei und erklärt ruhig, dass ein Austritt vor der Wahl vermutlich der ganzen Partei viele Stimmen gekostet hätte. Es bleibt dabei: Einige hier glauben, dass sie das Richtige getan hat. Andere, dass sie die Wahl abwarten wollte, um aus rein persönlichen Gründen an das Bundestagsmandat zu kommen. Aber das ist nicht das einzige Thema am heutigen Abend.

"Was ist denn der Unterschied zwischen der AfD und den Blauen?", will ein Gast wissen. Petry zählt Beispiele auf: außenpolitisch sollen sich die Blauen stärker den USA zuwenden als die AfD, die ja den Draht zu Russland sucht. Außerdem sei eine funktionierende Verbindung mit Israel wichtig. Man dürfe doch in der EU keine israelischen Produkte boykottieren, wenn doch der Terror nur aus den Palästinsergebieten komme. Illegale Migration müsse bekämpft werden, aber eben nicht "mit der Keule". Man müsse für die Menschen, die sich unserer Kultur angepasst hätten und hier leben, eintreten. Der Mindestlohn, mit dem sich die AfD inzwischen "wie alle etablierten Parteien" angefreundet habe, gehöre abgeschafft.

Die AfD auf dem Weg ins Establishment

Um eine Alternative zur AfD bieten zu können, versucht Petry immer wieder, die AfD ein wenig in den Kreis der "etablierten Parteien", des Berliner Establishments zu rücken. Die schnell wachsenden Mitgliederzahlen bei der AfD hätten dafür gesorgt, dass es auch viel um Geld ging. Der schnelle Weg an die Macht habe viele Parteipersönlichkeiten angeregt, vor allem über die eigene Karriere nachzudenken und nicht mehr das große Ganze zu sehen. Es sei gerade eine ganz große Sache bei der AfD – "und dafür sind wir nicht die Richtigen" – sich anzupassen. Das Signal lautet: während sich die AfD mit ihren zehntausenden Mitgliedern, ihrer vollen Parteikasse und ihren 92 Bundestagssitzen in die Teppichetagen der Republik verabschiedet, stehen wir immer noch mit euch an der Basis.

Doch lässt sich so auch politischer Drehmoment erzeugen? Strukturell hat Petry edle Ziele: die "Blauen" wollen auf öffentliche Parteifinanzierung verzichten und nur von Spenden leben. Kandidaten sollen wegen ihrer fachlichen Qualifikation aufgestellt werden, nicht aufgrund ihrer absolvierten Parteilaufbahn. Die Bürgerforen sollen dazu dienen, sich gewissermaßen kennenzulernen – nicht jeder soll in die Partei eintreten können. "Viele Menschen wollen in so einer neuen Partei auch mal über vieles reden, was ihnen auf der Seele liegt", erinnert sich Petry an AfD-Zeiten. Chemtrails, eine neue Verfassung und vieles mehr. Die "Blauen" könnten sich ihre Leute viel gezielter aussuchen.

Ob sich mit diesen hohen Ansprüchen ein ähnliches politisches Schnellverfahren abwickeln lässt wie bei der AfD – in viereinhalb Jahren von der Parteigründung bis zum Einzug in den Bundestag? Frauke Petry jedenfalls rechnet damit, dass die Blauen 2021 ein nicht unerhebliches Gewicht in der Bundespolitik darstellen. Noch steht sie im Rampenlicht, das erleichtert ihr vermutlich den Start. Noch. Auch Bernd Luckes Alfa-Veranstaltungen waren anfangs gut besucht.

Die Gesellschaft im Festsaal der Wirtschaft traut ihr jedenfalls einiges zu. Auch wenn der eine oder andere sich noch um seine Wählerstimme "behumst" fühlt, wie man hier sagt. "Ja, ich glaube, dass sie es bis nach ganz oben schaffen kann. Die Frauke ist eine starke Frau, die schafft das", sagt eine Zuhörerin, die sich vor dem Ende der Veranstaltung zur ersehnten Zigarette vor die Tür geschlichen hat. Drinnen im gelblichen Licht des Festsaals geht Petrys Auftritt zu Ende. Sie bekommt viel Applaus. Hier, wo man sie gut kennt, scheint es noch alle Möglichkeiten zu geben. Doch die Blauen sollen ein bundesweites Phänomen werden. Und da gelten andere Gesetzmäßigkeiten als in Pirna-Zuschendorf.

Quelle: n-tv.de

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