Politik

Einsturz der Morandi-Brücke Die Genueser sind stinksauer

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Anderthalb Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke ist mit den Abrissarbeiten noch nicht begonnen worden.

(Foto: dpa)

Als die Autobahnbrücke in Genua einstürzte, versprach die Politik, schnell zu handeln. Bis jetzt hat sich aber nichts getan. Die frustrierten Einwohner drohen deshalb mit einer sehr gezielten Protestaktion.

47 Tage nach dem Brückeneinsturz in Genua, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen, haben die evakuierten Bewohner des Wohnviertels unter dem Viadukt die Nase voll. Sie drohen damit, vor Beppe Grillos Villa aufzumarschieren und an ihm ihren Frust auszulassen.

Grillo ist Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung, einer der beiden Regierungsparteien in Italien. Und da er selbst ein Genueser ist und weiß, dass es sich nicht um leere Drohungen handelt, soll er den Vorsitzenden seiner Partei, Luigi Di Maio, angerufen haben, um herauszufinden, was da eigentlich los ist.

Was in Genua los ist, warum die Geduld der Genueser am Ende ist, das ist schnell erklärt. Den Versprechungen der Politiker, die in den Tagen nach dem Unglück in Scharen nach Genua kamen, sind bis jetzt keine Taten gefolgt. 632 Menschen mussten nach dem Brückeneinsturz aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen verlassen. Bis heute durften sie nicht zurück. Auch jetzt nicht, wo die Temperaturen fühlbar gesunken sind und Sommerkleidung nicht mehr ausreicht. Die Bewilligung, sich das Nötigste zu holen, müsste vom Sonderermittler erteilt werden. Doch den gibt es bis heute nicht.

Es ist genauso gekommen, wie von vielen befürchtet, obwohl man anfangs den Versicherungen des Bürgermeisters Marco Bucci hatte glauben wollen. Dieser versicherte noch Ende August bei einem Treffen mit n-tv.de, er werde alles Nötige unternehmen, "wenn es sein muss, auch eigenmächtig", um den Wiederaufbau der Brücke zu beschleunigen und der Stadt so schnell wie möglich wieder zur Normalität zu verhelfen. Damals sprach er davon, es könne zwei bis drei Wochen dauern bis zur Bewilligung des Abrisses der noch stehenden Brückenteile. Anschließend sollte gleich mit dem Bau einer neuen Brücke begonnen werden. Stararchitekt Renzo Piano, ein gebürtiger Genueser, hat der Stadt sogar einen Entwurf für eine neue Brücke geschenkt.

300 Millionen für Entschädigungen

Jetzt erfährt man aber, dass die Brücke erst abgerissen werden kann, wenn das technische Gutachten zum Einsturz vorliegt. Berichten zufolge wird das nicht vor Mitte Dezember sein. Was die Einwohner aber besonders irritiert hat, war der Krimi um die Notverordnung. Als Staatspräsident Sergio Mattarella am 14. September, einen Monat nach dem Einsturz der Morandi-Brücke, Genua einen Besuch abstattete, mahnte er die Regierung einmal mehr zu schnellem Handeln. Worauf Fünf-Sterne-Infrastrukturminister Danilo Toninelli umgehend versicherte, die Verordnung sei schon auf dem Weg.

Dem war aber nicht so. Tagelang geisterte sie durch die Büros der römischen Politpalazzi, bevor die Öffentlichkeit erfuhr, dass die Kostenberechnung noch fehlte. Erst am Donnerstagvormittag wurde die Verordnung beim Quirinale, dem Sitz des Staatsoberhaupts, abgegeben. Dort mussten Rechts- und Finanzabteilung ihre Rechtmäßigkeit und Verfassungskonformität prüfen. Erst am Freitagabend kann Mattarella unterschreiben.

Der Gouverneur der Region Ligurien, Giovanni Toti, der schon einen Blick in das Dokument geworfen hat, scheint damit nicht glücklich zu sein. Er beklagt die zu knappen finanziellen Ressourcen. Es handelt sich um insgesamt 300 Millionen Euro, die in den nächsten drei Jahren dazu dienen sollen, die Bewohner der roten Zone, also in unmittelbarer Nähe zur Brücke, sowie die in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmen zu entschädigen. Wichtige Fragen wie die nach den Machtbefugnissen des Sonderermittlers und wer letztlich die neue Brücke bauen wird, sind weiter unbeantwortet.

Fest steht bisher nur, dass die private Gesellschaft Autostrade per l'Italia, der Betreiber der kollabierten Morandi-Brücke, für die Kosten aufkommen, aber nicht mit dem Bau beauftragt werden wird. Sollte Autostrade jedoch nicht gleich bezahlen, wird der Staat über die nächsten zwölf Jahre jährlich 30 Millionen Euro vorstrecken. Diese Ungewissheiten machen die zuversichtlichen Ankündigungen von Bürgermeister Bocci zunichte, der noch vor einem Monat davon sprach, die neue Brücke könnte spätestens im Früherbst des nächsten Jahres stehen. Vielleicht sollte sich Grillo doch noch auf den lautstarken Protest seiner Mitbürger vorbereiten.

Quelle: n-tv.de

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