Politik

Besuch bei Putin Die Kanzlerin kann auch unbequem

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Öffentliche Attacke: Bundeskanzlerin Merkel macht Russlands Präsident Putin ihre Sicht der Dinge deutlich.

(Foto: AP)

Es ist eine schwierige Mission: Bundeskanzlerin Merkel verneigt sich in Moskau vor den Weltkriegstoten. Später kritisiert sie die "verbrecherische Annexion der Krim" - und tadelt Putin damit schärfer als je zuvor.

Ein kleines bisschen Parade bleibt Angela Merkel in Moskau nicht erspart. Als sie am Mittag im Alexandergarten aus der Limousine steigt, stehen rund 100 Soldaten der russischen Ehrengarde Spalier, daneben eine Blaskapelle. Die Bundeskanzlerin kommt eigentlich einen Tag zu spät. Die Einladung zum "Tag des Sieges", zu der großen Militärshow auf dem Roten Platz, hatte sie ausgeschlagen.

Doch der 9. Mai ist immer noch präsent. Der Kreml ist abgesperrt, die ganze Stadt noch geschmückt. Wenige Hundert Meter entfernt von Merkel und Putin steht das Denkmal des früheren Armeechefs und Verteidigungsministers Georgi Schukow, der mit seinem Pferd den deutschen Reichsadler zertritt. Die Kanzlerin ist gekommen, um die vielen Millionen sowjetischen Weltkriegsopfer zu würdigen. Außerdem möchte sie mit Putin über die Ukraine sprechen. Merkel will Demut zeigen und gleichzeitig ermahnen. Eine schwierige Mischung.

Großer Redebedarf

Am Anfang steht die Zeremonie am Grabmal des unbekannten Soldaten: Zwei Soldaten tragen riesige Kränze im Stechschritt zur Gedenkstätte. Russlands Präsident Wladimir Putin und die schwarz gekleidete Kanzlerin folgen bedächtig. Sie steigen die Treppe hoch, die Kanzlerin einen halben Schritt schneller als der Gastgeber, die Soldaten befestigen die Kränze und die beiden Staatschefs ziehen an den Schleifen. Die Kapelle spielt die deutsche, dann die russische Hymne. Die Soldaten laufen vorbei und salutieren. Putin flüstert der Kanzlerin etwas zu, beide drehen die Kameras den Rücken zu und gehen einander zugewandt in Richtung Kreml. Er lässig, sie etwas verkrampft.

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Gemeinsames Gedenken trotz des Konflikts: Merkel und Putin im Alexandergarten in Moskau.

(Foto: Christian Rothenberg)

So harmonisch beide die Szene auch verlassen: Der zweite Programmpunkt ist für Merkel kaum angenehmer als die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Die Ukraine. Drei Monaten nach dem in Minsk ausgehandelten Abkommen haben die Kämpfe in den vergangenen Wochen wieder zugenommen. Die Kanzlerin hat mit Putin unzählige Male über die Ukraine gesprochen. In Moskau tun sie es wieder. Es sind Gespräche, die sich seit Monaten im Kern um dieselben Fragen drehen. Die Kanzlerin versteht Putin nicht. Wiederholt forderte sie ihn auf, Einfluss auf die prorussischen Separatisten zu nehmen und die Souveränität der Ukraine zu respektieren. Der Kremlchef bestreitet jedoch hartnäckig, dass er die Rebellen ausrüstet. Über zwei Stunden ziehen sich Merkel und Putin zu Gesprächen zurück.

Merkel greift an

Beide sprechen länger als vorgesehen. Das geplante Mittagessen muss verschoben werden. Um kurz vor 16 Uhr Moskauer Zeit treten sie im Wappensaal des Kreml vor die Presse. Putin beginnt, und kommt schnell zum wesentlichen Thema. "Es ist kein Geheimnis, dass die deutsch-russischen Beziehungen nicht die besten Zeiten erleben." Der Präsident spricht ernst, liest fast vollständig ab. Er wählt konziliante Töne. Betont die Notwendigkeit von Diplomatie und Dialog, bekennt sich zum Minsker Abkommen und kündigt an, den Einfluss auf die "Volkswehr" in Donezk und Luhansk geltend machen zu wollen. Auf Merkels Absage zum 9. Mai angesprochen, reagiert er wenig nachtragend. "Wir betrachten Deutschland als Partner und Freund."

Die Kanzlerin wird deutlicher, sogar konfrontativer. Sie beginnt jedoch ergeben und "verneigt" sich vor den Opfern des Krieges. Merkel spricht über das belagerte Leningrad, den grausamen Taten von Wehrmacht und SS. Von der sowjetischen Befreiung hangelt sie sich zur Auflösung der Sowjetunion und zu den Versuchen des Westens, Russland international zu binden, an Nato und Europarat. Dann wechselt Merkel plötzlich auf Angriff. "Durch die verbrecherische und völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die militärische Auseinandersetzung in der Ostukraine hat die Zusammenarbeit einen schweren Rückschlag erlitten."

Putin ringt um Haltung

Innerhalb von 30 Sekunden ist aus dem höflichen ein unbequemer Gast geworden. Putin schaut an die Decke, die Kameras klicken. Merkel verbindet derweil die unterschiedlichen Anliegen ihrer Reise. "Gerade in diesen Tagen ist von großer Bedeutung, dass die Lehre aus der Geschichte ist, alles daran zu setzen, Konflikte friedlich  und miteinander zu lösen." Später wird Merkel etwas versöhnlicher. Man wolle die bestehenden Schwierigkeiten "mit und nicht gegen Russland" überwinden.

Ansonsten vermeidet es die Kanzlerin, Putin direkt für den Krieg in der Ostukraine verantwortlich zu machen. Einmal schaut sie zu Putin herüber. "Ich habe die Bereitschaft gespürt, dass wir daran arbeiten wollen", sagt sie und ihre Augen verlangen nach einem zustimmenden Nicken. Putin huscht ein Lächeln über das Gesicht. Ob es Einvernehmen ist? Merkel und Putin werden den Ukraine-Konflikt auch an diesem Tag nicht lösen. Die Zeit ist zu knapp, das Thema zu verworren.

Symptomatisch ist die Szene am Ende der Pressekonferenz. Merkel will sich gerade abwenden und Putin den Rücken zudrehen, da reicht er ihr die Hand. Die Kanzlerin ergreift sie schließlich etwas verkrampft. Es ist schon nicht immer leicht. Aber die Fotografen haben ihr Bild. 

Quelle: ntv.de