Politik

Neues Leben für Ex-FDP-Minister Die zweite Chance der "Gurkentruppe"

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FDP-Chef Philipp Rösler gilt als Hauptverantwortlicher für die Wahlschlappe der Liberalen. Seine Karrierechancen jenseits der Bundespolitik beeinträchtigt das offenbar aber nicht.

(Foto: REUTERS)

Abgewählt und aussortiert - nach der Wahl-Niederlage der FDP schasste die Partei ihr Spitzenpersonal. Aus Ministerinnen und Ministern wurden binnen Tagen Arbeitslose. Was machen sie jetzt?

Es geschah beim Dreikönigstreffen der FDP, an der sagenumwobenen Bar des Maritim-Hotels. Es geschah auch am Rande von Parteitagen. Und immer wieder bei öffentlichen Auftritten. Als Dirk Niebel noch Entwicklungsminister war, sprach er gern über seine Reisen. Afghanistan, Mali, Indonesien - in vier Jahren ging er 125 Mal im Auftrag der Bundesregierung ins Ausland. Eine stattliche Bilanz. Niebel machte in jenen Tagen den Eindruck, als wäre das identitätsstiftend für ihn. Er war stolz auf sein Amt und zeigte es. Und jetzt?

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Liberale Minister Bahr, Westerwelle, Niebel und Leutheusser-Schnarrenberger (v.l.)

(Foto: REUTERS)

Vor drei Monaten mussten die Minister der FDP ihre Posten räumen. Für Niebel und seine Kollegen bedeutete das den Fall von einem Spitzenamt in die Arbeitslosigkeit. Schließlich schaffte es die Partei nicht, die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen und verlor ihre Fraktion im Bundestag. Die "Gurkentruppe", wie sie der frühere Koalitionspartner CSU einmal nannte, hatte die Quittung für großes Getöse und wenig Substanz bekommen. So las es sich damals zumindest in den Kommentaren. Sie hatte "abgewirtschaftet". Was ist aus ihnen geworden?

Dank eines Übergangsgeldes - jedem Ex-Minister stehen für maximal zwei Jahre bis zu 186.300 Euro zu - muss sich wohl keiner um seinen Lebensunterhalt sorgen. Auch Dirk Niebel nicht. Der spricht noch immer gern über seine Reisen. Auf seinem Facebook-Profil dokumentiert der 50-Jährige seine Flugbewegungen: "LH 2739 von TXL nach Düsseldorf", heißt es da am 11. März. Noch am selben Tag: "LH 2742 back home". Ein paar Tage später: "TXL - Istanbul TK 1724" und "Istanbul Dschibuti TK 686". Niebel eröffnet Konferenzen, er hält Reden und pflanzt Bäume. In seiner Facebook-Welt wirkt es fast so, als wäre er noch immer der nimmerrastende Entwicklungsminister, doch das ist er nicht. In der Pressestelle der FDP Baden-Württemberg, Niebels Landesverband, ist nicht bekannt, wie er die Reisen finanziert und ob er für seine Auftritte Honorare bekommt. Laut "Spiegel" ist er "offen für neue Herausforderungen". Niebel ist gewissermaßen das Sorgenkind der Ministerriege a.D. Bei den anderen ehemaligen Spitzenliberalen allerdings kann von vielem die Rede sein, aber ganz sicher nicht davon, dass sie abgewirtschaftet hätten. Die meisten von ihnen sind ausgesprochen erfolgreich.

Westerwelle und der Milliardär

Ex-Außenminister Guido Westerwelle baut eine neue Stiftung auf: die "Westerwelle Foundation". Hauptsitz ist ein nobler Altbau am Kürfürstendamm. Seine Expertise und seine Kontakte sind dieser Tage offensichtlich viel Geld wert. Der Internetunternehmer Ralph Dommermuth (1&1, web.de) ist rund 2,3 Milliarden Euro schwer und finanziert das Unterfangen. Westerwelle übernimmt die Aufgabe eines Missionars für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Soziale Marktwirtschaft. Dabei soll er auch - Dommermuth dürfte es mehr als recht sein - auf die Möglichkeiten des Internets hinweisen.

Bahr und der Präsident

Auch Daniel Bahrs Erfahrung aus seiner Zeit als Gesundheitsminister ist gefragt - von allerhöchster Stelle. Er berät seit Mitte Februar keinen Geringeren als US-Präsident Barack Obama. Als Mitglied der Denkfabrik "Center for American Progress" soll er Tipps für die Umsetzung der umstrittenen Gesundheitsreform "Obamacare" geben. Zugleich übernimmt er einen Posten als Gastdozent für Gesundheitsökonomie an der Universität von Michigan.

Bürgerrechte auf Europäisch

Die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat beste Aussichten darauf, künftig rund 150.000 Euro pro Jahr zu verdienen - kombiniert mit einer Reihe von Steuerprivilegien. Die Bundesregierung nominierte sie Anfang Februar zur Kandidatin für das Amt der Generalsekretärin des Europarates, einer internationalen Organisation mit 47 Mitgliedstaaten, die den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt auf dem Kontinent befördern soll. Schon im Juni steht die Wahl an. Leutheusser-Schnarrenberger gilt als Bewerberin mit realistischen Erfolgschancen.

Rösler lernt jetzt Schweizerdeutsch

Auch Wirtschaftsminister a.D. Philipp Rösler, der im Amt des FDP-Vorsitzenden als Hauptverursacher des Niedergangs der Partei galt, erscheint bestens versorgt. Das Weltwirtschaftsforum bot dem 41-Jährigen einen Posten als Geschäftsführer in Genf an. Seine Aufgabe: Regierungskontakte pflegen, weltweit. Rösler ist im Begriff, Hannover den Rücken zu kehren und sich mit Frau und Kindern ein neues Leben in der Schweiz aufzubauen. Sein Gehalt dürfte deutlich über dem eines Bundestagsabgeordneten liegen. Hauptfinanziers der Stiftung, die sich als Forum für Wirtschaft und Politik versteht, sind rund 1000 Unternehmen, die zu den führenden in ihrer Branche zählen.

Dampfplauderer und Autor

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Das Lachen ist ihm nicht vergangen: Brüderle schreibt ein Buch. "Jetzt rede ich!"

(Foto: REUTERS)

Auch wenn Rainer Brüderle zuletzt kein Minister in der schwarz-gelben Koalition war, gehört er als Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf in die Riege der gefallenen Liberalen. Bei einem Anruf in seinem privaten Büro klingt es zunächst so, als gehöre er wie Niebel zu den wenigen Sorgenkindern. Er erhole sich noch immer von Knochenbrüchen, die er sich während des Bundestagswahlkampfs an einem Arm und einem Bein zuzog. Mindestens genauso belastend dürfte es für ihn sein, die Abwicklung der liberalen Bundestagsfraktion in Berlin voranzubringen. Doch Brüderles Lage ist kaum mit der Niebels zu vergleichen. Der Pfälzer ist mit seinen 68 Jahren im besten Pensionärsalter. Und er scheint auch schon eine Beschäftigung gefunden zu haben, mit der er seinen Ruhestand füllen könnte: Der als "Dampfplauderer" bekannte Brüderle geht unter die Autoren. Am 9. April erscheint ein Interview-Buch, das er zusammen mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg zusammengestellt hat. Der Titel: "Jetzt rede ich."

Quelle: n-tv.de