Politik

"Hart aber fair" Dürfen wir Fleisch noch genießen?

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"Die Fleisch-Frage: Mit hübschen Siegeln gegen schlechtes Gewissen?" Das war das Thema bei "Hart, aber fair".

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

Bilder aus Schlachthöfen sind selten appetitlich: Kein Wunder, die Fleischindustrie ist ein gewaltiges Geschäft, in dem das Tierwohl - wenn überhaupt - an zweiter Stelle steht. Können Siegel unser schlechtes Gewissen erleichtern oder sind sie nur Augenwischerei?

600 Millionen Hühner, 58 Millionen Schweine und 3,5 Millionen Rinder werden jedes Jahr in deutschen Schlachthöfen getötet, um anschließend auf unseren Tellern zu landen oder exportiert zu werden. Unvorstellbare Zahlen, die nachdenklich stimmen, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Immer mehr Deutsche machen sich zumindest vordergründig Gedanken über das Wohl der Tiere, auch befeuert durch immer neue Schockaufnahmen aus Betrieben, in denen Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht oder misshandelt werden. Auch "Hart aber fair" beschäftigt sich am Montagabend mit dem Thema und stellt die "Fleisch-Frage: Mit hübschen Siegeln gegen das schlechte Gewissen?"

Moderator Frank Plasberg hat die Fernsehköchin Sarah Wiener, den Dokumentarfilmer Manfred Karremann, den Landwirt und agrarpolitischen Sprecher der Unionsfraktion Albert Stegemann (CDU), den vegan lebenden Kraftsportler Patrick Baboumian und die Wurst-Unternehmerin Sarah Dhem ins Studio eingeladen, um das Thema einmal durch den Fleischwolf zu drehen.

Wie viel Freiwilligkeit darf es sein?

"Wenn die Politik sagt, dass die Gesetze nicht in Ordnung sind, wie sie sind, dann ist sie auch gefragt, das so zu ändern, dass Landwirte weiter wirtschaftlich arbeiten können", sagt Dhem, die nicht nur Wurst vertreibt, sondern auch im Vorstand der Deutschen Fleischwaren-Industrie sitzt - und sich über die vermeintliche Doppelmoral der Politik ärgert. Seit acht Jahren steht etwa ein Tierwohl-Siegel im Raum, an dem sich bereits vier Landwirtschaftsminister abgearbeitet haben, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Schneller war da der Einzelhandel, der vor kurzem einen vierstufigen "Haltekompass" eingeführt hat. Aber "ein freiwilliges Siegel löst das Problem nicht", findet Dhem.

Das liegt vor allem an den laschen rechtlichen Vorgaben: Gerade einmal 0,75 Quadratmeter Platz stehen einem Schwein laut Gesetz zu, gleichbedeutend mit Stufe eins des Haltungskompasses. In den Stufen zwei und drei sind es 10 beziehungsweise 20 Prozent mehr - ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Sarah Wiener findet: "Mich stimmt bedenklich, dass wir etwas als Standard bezeichnen, was eigentlich schon Tierquälerei ist", sagt die Fernsehköchin, die bei der anstehenden Europawahl für die österreichischen Grünen kandidiert.

Der einzige Berufspolitiker in der Runde ist da anderer Meinung: "Wir dürfen das neue Label nicht zerreden, weil es eine großartige Chance für Verbraucher und Landwirte bietet. Dass ich für etwas mehr Tierwohl nur etwas mehr bezahlen muss, das ist ja die Grundidee", sagt Albert Stegemann. Erst Stufe vier des Haltungskompasses bietet Bioqualität, aber "das kann sich eben nicht jeder leisten".

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Schwer verdauliche Szenen

Am lieben Geld scheint ohnehin das meiste zu hängen. Der Fleischpreis ist in Deutschland traditionell im europäischen Vergleich besonders niedrig - sind die Bundesbürger etwa gar nicht bereit, im Ausgleich für das Tierwohl mehr zu bezahlen? Genau das ist jedenfalls das ernüchternde Ergebnis eines Versuchs von Forschern der Uni Osnabrück: 73 Prozent der Käufer entschieden sich im Zweifelsfall für das günstigste Produkt - obwohl sie vorher über Haltungsbedingungen aufgeklärt worden waren, und obwohl in Umfragen regelmäßig mehr als die Hälfte der Befragten angibt, sich um das Tierwohl zu sorgen.

Journalist Manfred Karremann, der sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzt, spinnt den Faden zurück zum Siegel: "Label haben noch nie funktioniert, das war bei den Eiern schon nicht anders: 95 Prozent haben gesagt, sie kaufen die höhere Qualität, fünf Prozent haben es dann getan." Erst ein entsprechendes Gesetz habe einen Paradigmenwechsel in der Hühnerhaltung bewirkt.

In der Sendung werden später kurze Ausschnitte aus Produktionen des Dokumentarfilmers gezeigt, die schwer verdaulich sind: Kühe, die an einem Bein per Kran achtlos von einem Schiff auf einen Laster geworfen werden und sich dabei die Läufe brechen, sind noch die harmloseren Szenen. Angesichts der Bilder findet der vegan lebende Kraftsportler Patrick Baboumian als Einziger die richtigen Worte: "Im Tierschutzgesetz steht, dass es einen vernünftigen Grund für Tierleid geben muss. Profit ist für mich kein vernünftiger Grund."

Quelle: n-tv.de

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