Politik
Finnland begeht den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit.
Finnland begeht den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Mittwoch, 06. Dezember 2017

Produkt der Oktoberrevolution: Finnland - ein David behauptet sich

Von Wolfram Neidhard

Am 6. Dezember 1917 erklärt sich Finnland unabhängig von Russland. Seitdem bewegt sich das Land mit diplomatischem Geschick zwischen den Blöcken. Dabei spielen auch Saunagänge eine große Rolle.

Der Anlass des Treffens im Herbst des Jahres 1960 war sehr ernst, aber dennoch soll es in Helsinki mitunter feucht-fröhlich zugegangen sein. Finnlands Präsident Urho Kekkonen sprach mit dem sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow über die Öffnung seines Landes nach Europa. Ein Gespräch fand in der Sauna statt, ansonsten soll viel Hochprozentiges geflossen sein. Kekkonen, der in Finnland noch heute verehrt wird, erreichte sein Ziel: Ihm gelang es, sein Land aus der sowjetischen Umklammerung zu lösen und damit vom großen östlichen Nachbarn unabhängiger zu machen.

Sie verstanden sich gut: Urho Kekkonen und Nikita Chrutschtschow.
Sie verstanden sich gut: Urho Kekkonen und Nikita Chrutschtschow.(Foto: imago stock&people)

Dies war ohne Zweifel ein Meisterstück der finnischen Diplomatie. Die Weltlage war zu diesem Zeitpunkt sehr angespannt, UdSSR und USA misstrauten sich zutiefst. Der Kampf der beiden Supermächte um Einflusssphären sollte in den kommenden Jahren mit der Kuba-Krise einen weiteren Höhepunkt erfahren. Bei aller nach außen zelebrierten Fröhlichkeit: Chruschtschow war immerhin ein äußerst emotionaler Staatsmann, bei Unterredungen mit ihm konnte es sehr laut werden.

Die damalige schlechte politische Großwetterlage belastete auch das sowjetisch-finnische Verhältnis. Im Zusammenhang mit der Berlin-Krise verlangte die Sowjetunion am 30. Oktober 1961 von Finnland die Aufnahme militärischer Konsultationen zur Abwehr einer von ihr erwarteten Aggression des Westens. Doch es war für Finnland mit seiner Neutralitätspolitik unvereinbar, in den Konflikt der Machtblöcke verwickelt zu werden. In dieser sogenannten "Notenkrise" bewährte sich das gute Verhältnis, das Kekkonen zu Chruschtschow aufgebaut hatte. Bei einem persönlichen Gespräch im November 1961 in Nowosibirsk rückte der Sowjetführer von seinem Ansinnen ab.

Kekkonen war ein Vierteljahrhundert lang finnisches Staatsoberhaupt.
Kekkonen war ein Vierteljahrhundert lang finnisches Staatsoberhaupt.(Foto: imago stock&people)

Kekkonen wurde auch in den folgenden Jahren in seinem Amt bestätigt. Insgesamt 25 Jahre, von 1956 bis 1981, war er Finnlands Staatschef. Der Mann aus Pielavesi führte seinen Neutralitätskurs fort und wertete Finnland international auf. Nicht ohne Grund fand die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975 in Helsinki statt. Dieser diplomatische Erfolg gilt als Höhepunkt von Kekkonens langer Amtszeit. Seine Politik, die auch von viel List und Geschick geprägt war, war ein Beispiel dafür, dass David gegen Goliath bestehen kann.

Umbruch mit Blutvergießen

Die Finnen sind schon ein interessantes Volk, das in Europa eine besondere Rolle spielt. Jahrhundertelang unter schwedischer und seit 1809 unter russischer Herrschaft, erlangten sie erst am 6. Dezember 1917 ihre Unabhängigkeit - im Windschatten der Oktoberrevolution in Russland. "Das finnische Volk nimmt sein Schicksal in die eigenen Hände", hieß es in der Erklärung, mit der sich das nordeuropäische Land lossagte.

Allerdings vollzog sich dieser Umbruch mit Blutvergießen. Wie in Russland nach dem Oktoberputsch kämpften auch in Finnland "Rote" und "Weiße" gegeneinander. Anders als in Sowjetrussland siegten hier aber die weißen Truppen unter General Carl Gustaf Emil Mannerheim. 3500 weiße und 5700 rote Soldaten verloren ihr Leben. Dazu kamen etwa 10.000 Menschen, die durch Exekutionen und Massaker getötet wurden. Bereits im März 1918 brachte die Schlacht von Tampere die Entscheidung zugunsten der Mannerheim-Einheiten. In Russland tobte der Bürgerkrieg noch einige Jahre weiter.

Carl Gustaf Emil Mannerheim (1867-1951).
Carl Gustaf Emil Mannerheim (1867-1951).(Foto: imago/United Archives International)

Es war unter anderem der große Freiheitsdrang der Finnen, der die Unabhängigkeit brachte. "Maamme" (Unser Land) ist der Titel der finnischen Nationalhymne. Sie gibt es bereits seit 1848, als Finnland noch russisches Großherzogtum war. Es war ein autonomes Gebiet innerhalb des russischen Zarenreiches. Abgesehen von wenigen Freiwilligen nahmen die finnischen Männer während des Ersten Weltkrieges nicht auf russischer Seite am Völkergemetzel teil. Dementsprechend verschont blieb das Land von Kriegsschäden. Im Gegenteil: Die finnische Wirtschaft profitierte sogar vom Krieg, weil die russische Ökonomie schweren Schaden durch Kriegshandlungen auf eigenem Territorium nahm.

Finnland war auch in anderer Hinsicht besonders. Es gab Parlamentarismus - wenn auch unter russischer Beobachtung. Bereits 1906 erhielten Frauen das Wahlrecht, nur in Australien und Neuseeland war das noch früher der Fall. Insgesamt waren die Entscheidungsträger des Großherzogtums bestrebt, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um möglichst autonom innerhalb des Zarenreiches zu agieren. Dabei verhielten sie sich sehr geschickt. Die Finnen vermieden es, politisch über die Stränge zu schlagen und damit die Machthaber im nahen Sankt Petersburg zum militärischen Eingreifen zu bewegen.

Bürger- und Winterkrieg

Von innenpolitischen Verwerfungen blieb Finnland aber nicht verschont. Der kurze, heftige Bürgerkrieg 1917/18 sorgte in den Folgejahren für eine Spaltung des Volkes. Doch diese wurde relativ schnell überwunden. In der Sowjetunion wurde dieser Fakt ignoriert, als Diktator Josef Stalin glaubte, im Winterkrieg 1939/40 ein leichtes Spiel mit dem kleinen Nachbarn zu haben.

Finnische Soldaten im Winterkrieg.
Finnische Soldaten im Winterkrieg.(Foto: imago stock&people)

Natürlich war die Rote Armee den finnischen Streitkräften überlegen. Doch Stalins Vorstellung, dass ein großer Teil der Finnen die UdSSR als Befreierin sehen würde, erwies sich als schwerwiegender Irrtum. Die finnische Armee trotzte den sowjetischen Truppen in verlustreichen Kämpfen und hielt mit viel Mühe ihre Stellungen. Obwohl Finnland nicht gewinnen konnte, war der Winterkrieg ein Fiasko für die UdSSR - bedingt auch durch die Stalinschen "Säuberungen" Ende der 1930er-Jahre an der Militärspitze. Allerdings musste Finnland einen Teil seines Territoriums abgeben, so die Region Karelien und seinen Zugang zur Barentssee. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ließ General Mannerheim bis 1944 finnische Truppen auf deutscher Seite kämpfen.

Doch Mannerheim, der im August 1944 im Alter von 77 Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, sah die deutsche Niederlage kommen und brach alle Beziehungen zum sogenannten Dritten Reich ab. Die deutsche Nation könne bis zum Letzten kämpfen, ohne eine Auslöschung zu befürchten, das kleine finnische Volk hingegen nicht, begründete er seine Entscheidung. Mannerheim rettete buchstäblich in letzter Minute sein Land mit einem mit der Sowjetunion geschlossenen Waffenstillstand. Die enge Umklammerung durch die UdSSR blieb aber und wurde erst unter Urho Kekkonen gelockert.

Mobilfunkboom und Pisa-Spitzenreiter

Dessen Politik der Hinwendung zum Westen nutzte Finnland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991. Zwar rauschte das Land in eine Rezession, aber die bereits intensivierten Handelsbeziehungen zu Europa halfen bei der Neuordnung der finnischen Wirtschaft. Wirtschaftlich blieben Finnland und Russland schon wegen ihrer geografischen Nähe allerdings weiter eng verknüpft. Russland ist der fünftgrößte Handelspartner der Finnen und in Zeiten ökonomischer Probleme auch wichtig für das 5,5-Millionen-Volk.

Zudem öffnete sich Finnland der neuen Zeit. Der Nokia-Konzern - ursprünglich ein Holzstoffhersteller - war zwischen 1998 und 2011 Marktführer in der Mobilfunkbranche. Aber man ruhte sich auf seinen Lorbeeren aus. So wurde im Land der tausend Seen das Smartphone-Zeitalter regelrecht verschlafen - Tausende von Arbeitsplätzen gingen verloren. Mittlerweile konzentriert sich Nokia hauptsächlich auf das Netzwerkgeschäft und seine Kartendienste.

Dagegen liegt das finnische Bildungssystem noch heute mit an der Weltspitze. So schnitt das Land im Jahr 2000 beim Pisa-Test sogar am besten ab. Deutschland und andere wichtige europäische Länder wurden um Längen geschlagen.

"Hard Rock Hallelujah"

Finnlands verrücktere Seite: Lordi nach dem ESC-Sieg 2006.
Finnlands verrücktere Seite: Lordi nach dem ESC-Sieg 2006.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch auf kulturellem Gebiet sorgte und sorgt Finnland für Achtungszeichen. Es ist nicht nur der weltberühmte Komponist Jean Sibelius, der die finnische Fahne hochhält. Derzeit ist der Regisseur Aki Kaurismäki unter anderem mit seinem Film "Die andere Seite der Hoffnung" ein wichtiger Exportschlager. Auf dem Gebiet der Rock- und Popmusik sorgen die Finnen ebenfalls für Aufsehen. Die Heavy-Metal-Band Lordi, deren Mitglieder mit ungewöhnlichen Bühnenkostümen im Monster- und Zombiestil aufwarten, gewannen 2006 mit "Hard Rock Hallelujah" den Eurovision Song Contest (ESC) in Athen. Nicht zu vergessen sind auch die Cello-Rocker von Apocalyptica sowie die Bands The Rasmus, Sunrise Avenue, HIM.

Heute ist Finnland Mitglied der Europäischen Union. Von Beginn an gehörte es zur Eurozone. Erschwert wird Finnlands Funktion als Verbindungsglied zwischen Russland und dem Westen allerdings durch die wachsenden politischen Spannungen im Zusammenhang mit der Annexion der Krim durch Moskau. Aus Helsinki gab es bereits Signale, die auf einen Beitritt Finnlands in die Nato hindeuten. Dafür sorgt Präsident Sauli Niinistö im aktuellen Wahlkampf. Aber bislang ist das nur Gerede. Die Mehrheit der Finnen ist ohnehin dagegen.

David Finnland will seine besonderen Beziehungen zum Goliath Russland auch nicht gefährden, denn damit ist er immer gut gefahren. Entspannte Saunagänge und hochwertiger Schnaps sind für die Finnen auch in der Politik die besseren Mittel der Verständigung.

Quelle: n-tv.de

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