Politik

Gipfelthema Weltgesundheit G7 könnten einer Milliarde Menschen helfen

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In Brasilien suchen Ärzte nach Dengue-Erregern. Dengue ist eine der 17 vernachlässigten Krankheiten, an denen insgesamt eine Milliarde Menschen leidet.

(Foto: REUTERS)

Pharmakonzerne entwickeln exzellente Therapien für HIV-Infizierte. Für Aids-kranke Kinder gibt es aber kaum passende Medikamente. Die G7-Staaten könnten daran etwas ändern.

Die zehn größten Pharmaunternehmen der Welt machen zusammen einen Umsatz von fast 300 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist in etwa so viel, wie der deutsche Bundeshaushalt umfasst. Allein für Forschung und Entwicklung geben diese Konzerne jedes Jahr 55 Milliarden Euro aus. Trotzdem wird in einigen Bereichen viel zu wenig geforscht: So gibt es kaum hitzebeständige Impfstoffe. 17 Krankheiten, an denen insgesamt rund eine Milliarde Menschen erkrankt sind, werden von der Pharmaindustrie praktisch ignoriert. Und es gibt nur wenige Medikamente, mit denen HIV-infizierte Kinder behandelt werden können.

Der Grund: Pharmaunternehmen investieren nur in die Erforschung von Produkten, die sie später mit hohem Gewinn verkaufen können. Die Betroffenen dieser Probleme und Krankheiten sind aber arm. Hitzebeständige Impfstoffe werden in Regionen gebraucht, in denen Kühlketten nicht gewährleistet werden können. Die 17 vernachlässigten Krankheiten treten vor allem in den Tropen auf. Und HIV-Infektionen gibt es zwar auch in den Industriestaaten, dort sind aber kaum Kinder betroffen. In Entwicklungsländern gibt es dagegen viele Kinder, die HIV-infiziert sind. Nur haben die niemanden, der ihnen Medikamente bezahlen würde.

"Die Lücken in der Forschung sind bekannt und offensichtlich", sagt Philipp Frisch von "Ärzte ohne Grenzen". "Man muss sie nur ausfüllen." Angela Merkel hat die Weltgesundheit zu einem Schwerpunkt des G7-Gipfels erklärt, der am Sonntag auf dem bayerischen Schloss Elmau beginnt. "Ärzte ohne Grenzen" fordert, zusätzlich drei Milliarden Euro jährlich zu investieren. Das ist die Finanzierungslücke, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht. Nicht viel Geld für die sieben großen Industriestaaten.

Open-Source für die Pharmaforschung

Und sogar ohne Geld ließe sich etwas tun. So forschen viele öffentlich finanzierte Institute noch immer im stillen Kämmerlein. "Ärzte ohne Grenzen" fordert, dass die Ergebnisse von Forschungen öffentlich gemacht werden. "Was öffentlich finanziert wird, muss auch öffentlich sein", so Frisch. Dann könnten sich andere Institute an den Ergebnissen bedienen und weiterarbeiten. In der Branche ist dieser Open-Source-Gedanke nicht verbreitet, weil sich mit Medikamenten nur dann richtig viel Geld verdienen lässt, wenn man ein Patent darauf hat. Der nicht-kommerziellen Entwicklung von Wirkstoffen schadet die Geheimniskrämerei aber.

Mehr noch als mit den vernachlässigten Krankheiten wird sich der G7-Gipfel mit Antibiotikaresistenzen und mit einer möglichen medizinischen Eingreiftruppe beschäftigen.

Die Eingreiftruppe, die analog zu den UN-Friedenstruppen namens "Blauhelme" den Namen "Weißhelme" bekommen soll, würde bereitstehen, wenn wieder eine große Epidemie ausbricht. Im Falle des Ebola-Ausbruchs in Westafrika reagierten die Industriestaaten zu spät. Erst als die Sorge aufkam, dass die Krankheit auch nach Europa oder die USA überspringen könnte, kam Hilfe. In Zukunft soll das Hilfspersonal jederzeit bereitstehen.

Antibiotika werden wirkungslos

Mit den Antibiotikaresistenzen setzt Merkel ein Thema auf die Agenda, das die entwickelten Staaten ganz direkt betrifft: Schon jetzt sterben jedes Jahr allein in Deutschland Zehntausende Menschen an multiresistenten Keimen, die durch fahrlässigen Antibiotikaeinsatz entstanden sind. Befördert werden diese Resistenzen durch Antibiotika in der Tiermast, durch leichtfertiges Verschreiben und durch falsche Anwendung.

In Entwicklungsländern hat das besonders dramatische Folgen: Oft teilen sich Familien die Tuberkulose-Medikamente eines Familienmitglieds und züchten damit geradezu resistente Tuberkuloseerreger in ihren Körpern. Gemeinsam mit den anderen G7-Staaten will Deutschland klare Regeln für den Antibiotikaeinsatz festlegen und die Entwicklung neuer Antibiotika vorantreiben. Das könnte die Gefahr einschränken, die von multiresistenten Krankenhauskeimen ausgeht, könnte aber auch den Tuberkulosepatienten in Entwicklungsländern helfen.

"Die Antibiotikaresistenzen, die Bekämpfung von Epidemien, die Behandlung vernachlässigter Krankheiten – diese Themen haben eins gemeinsam", sagt Frisch. "Es fehlt an Geld in der Forschung, weil es keine kommerziellen Anreize gibt."

Bundesregierung will kein Geld ausgeben

Neues Geld wird es nach dem G7-Gipfel aller Voraussicht nach aber nicht geben. Weder für die Entwicklung neuer Antibiotika noch für die vernachlässigten Krankheiten sei mit neuen Fördermaßnahmen zu rechnen, heißt es aus Kreisen der deutschen Bundesregierung. Stattdessen soll die Forschung in den unterschiedlichen Ländern besser miteinander koordiniert werden. Wenn sich die G7-Staaten darauf verpflichten, die Antibiotika-Empfehlungen der WHO umzusetzen, wäre das schon "ein großer Schritt", heißt es. Viel bleibt also wohl nicht übrig von dem Thema, das die Bundesregierung neben dem Kampf gegen den Klimawandel als wichtigstes Thema des Gipfels darstellt.

Bei der Entwicklung neuer Antibiotika setzt die Bundesregierung auf die Zusammenarbeit mit Unternehmen. Demonstrativ stattete Merkel dem Pharmahersteller Sanofi eine Woche vor dem Gipfel einen Besuch ab. Bei "Ärzte ohne Grenzen" sieht man die private Entwicklung neuer Antibiotika kritisch. Denn Unternehmen wollen mit den von ihnen entwickelten Medikamenten möglichst viel Geld verdienen und investieren in Werbung, um möglichst viele Pillen zu verkaufen. Genau das begünstigt aber, dass sich neue Resistenzen bilden.

Quelle: ntv.de

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