Politik

"Du, Jürgen?" - "Ja, Sigmar" Gabriel seziert das Trittinsche Manifest

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(Foto: picture alliance / dpa)

Der eine hat seine beste Zeit hinter sich, dem anderen steht sie womöglich noch bevor: Vizekanzler Sigmar Gabriel stellt das Buch des Grünen Jürgen Trittin vor. Doch die Veranstaltung hat einen folgenschweren Haken.

Buchvorstellungen im politischen Berlin sind in der Regel launige Veranstaltungen. Wenn politische Gegner aufeinandertreffen, um die Werke des jeweils anderen genüsslich zu zerpflücken - wie in der Vergangenheit der Linke Gregor Gysi und der Liberale Rainer Brüderle oder "Bild"-Chef Kai Diekmann und SPD-Mann Michael Naumann - dann sind Unterhaltung und Spektakel garantiert. Ex-Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hätte gewiss eine große Auswahl gehabt bei der Suche nach vielversprechenden Rezensenten, aber er hat sich gegen das Freund-Feind-Schema entschieden.

Für die Vorstellung seines neuen Buches "Stillstand made in Germany" fragt er einen Kollegen, mit dem er sogar besonders eng verbunden ist: Sigmar Gabriel. "Sozialdemokraten zu provozieren, ist seine nebenberufliche Nebentätigkeit", sagt Gabriel über Trittin. "Deshalb ist mir klar, auf was ich mich hier eingelassen habe." Der Vizekanzler und SPD-Chef wird an diesem Montag für eine halbe Stunde zum Feuilletonisten und bespricht Trittins Buch - mit Lob und Tadel.

Beide kennen sich seit 1990. Damals wurde der junge Gabriel Abgeordneter im niedersächsischen Landtag, der fünf Jahre ältere Trittin war schon Minister in einer rot-grünen Koalition unter dem späteren Kanzler Gerhard Schröder. Später wechseln beide nach Berlin. Der Sozialdemokrat beerbt den Grünen 2005 als Umweltminister. "Die Übergabe erfolgte damals mit einer Kollegialität und Fairness, von der ich vermute, dass sie einmalig ist", schwärmt Gabriel. Er, der Trittin als humorvollen und äußerst verlässlichen Menschen kennengelernt habe, spricht sogar von Freundschaft.

Freunde unter sich

Ähnlich wohlwollend fällt Gabriels Rezension des "Trittinschen Manifestes" aus. In der Beschreibung der politischen Blockaden der Republik und der Forderung nach einer sozialökologischen Transformation stimme er in weiten Teilen überein. Trittin sei ein scharfer Analytiker und schreibe nie besserwisserisch, sondern heiter, ironisch und selbstkritisch - "so wie er eben ist". Gabriel dankt dem "leidenschaftlichen Politiker und Wesensverwandten" für das kurzweilige Lesevergnügen. Beim Lesen habe er häufig schmunzeln müssen, weil er immer wieder auf die typischen Dilemmata seines Berufsstandes gestoßen sei.

Doch dem Sozialdemokraten gefällt nicht alles, was der "Freund" aufgeschrieben hat. Es sei ungerecht, dass Trittin die Energiewende als grüne Erfindung verkaufe. Natürlich seien dafür Grüne und SPD gemeinsam verantwortlich gewesen. "By the way, Jürgen", fügt Gabriel süffisant hinzu, der erste, der jemals von der Energiewende gesprochen habe, sei mit August Bebel ein Sozialdemokrat gewesen. Da muss auch der Grüne grinsen.

Doch nicht nur mit dieser Textstelle ist Gabriel unzufrieden. Populismus bescheinigt Gabriel dem Autor gar, weil dieser ihm ein "Faible für Braunkohle" unterstelle. Noch schlimmer nennt er den Vorwurf, die Große Koalition bremse die Energiewende aus, damit die großen vier Energiekonzerne ihren Rückstand aufholen könnten. "Du, Jürgen", beginnt Gabriel. "Ja, Sigmar?", erwidert Trittin fragend. "Wenn das stimmt, warum hast du denen dann 20.000 Megawatt auf See versprochen?" Auch das sich in der Großen Koalition nichts zum Besseren verändert habe, will Gabriel nicht so stehen lassen. Dieser Vergleich mit der FDP sei "unter deinem Niveau".

"Schwarz-Grün ist Second Best"

Trittin, der seit der Wahl nur noch einfacher Abgeordneter ist, verzichtet in seinem Buch auf die große Abrechnung. Er richtet sich zwar gewohnt aggressiv-ironisch gegen die Politik Angela Merkels, seine eigene Partei verschont er jedoch. Mehr zufällig als geplant fällt die Veröffentlichung seines Buches genau in eine Phase, in der sich die Grünen in Führungs-, Kurs- und Koalitionsdebatten zu verzetteln scheinen. Das Kapitel "Zu große Fußstapfen" widmet Trittin jedoch nicht seinen Nachfolgern an der Parteispitze, sondern ökologischen Ressourcen und CO2-Verbrauch.

Überraschungen sucht man auf den 250 Seiten vergeblich. Wenn der frühere Grünen-Fraktionschef seiner Partei in irgendeiner Form einen mitgibt, dann in der Diskussion über Schwarz-Grün. Die ökologische Transformation werde damit nicht vorankommen. "Die Überschrift von Schwarz-Grün lautet: Second Best. Zwischen den Alternativen Rot-Rot-Grün und Schwarz-Grün", sagt Trittin. Das spannendste Projekt von Rot-Rot-Grün wäre Gleichheit, fügt Gabriel hinzu. Vielleicht mit ihm als Kanzler?

Besonders leidenschaftlich mag der Grüne aber dennoch nicht für Rot-Rot-Grün werben. Der jetzige Zustand der Partei von Gregor Gysi lasse ihn nicht besonders optimistisch sein. Die Linken müssten sich fragen, wie lange sie das Dauer-Abo der Union auf die Macht noch befördern wollten. Trittin warnt zudem vor der AfD und vor österreichischen Verhältnissen. Dort habe eine jahrzehntelange Große Koalition die Rechtspopulisten stark gemacht. Sie regiere zwar nicht mehr, diktiere den großen Parteien aber nach wie vor ihre Themen.

Am Ende bleiben Trittin und Gabriel etwas ratlos zurück. Warum wählten bei der Bundestagswahl mehr als 50 Prozent Parteien der rechten Mitte, wenn es gesellschaftlich fast 80 Prozent Zustimmung für linke Grundüberzeugungen gibt? Warum will uns keiner wählen? Das ist die unausgesprochene Frage der beiden. Ein allzu launiges Spektakel kann diese Buchvorstellung am Ende gar nicht sein. Dafür trennt Gabriel und Trittin einfach zu wenig.

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Quelle: ntv.de