Politik

Zehntausende Frauen betroffen Genitalverstümmelung auch in Deutschland

ARCHIV - Die 19 Jährige Deqo (Name geändert) aus Somalia, liegt am 18.07.2016 im Krankenhaus Waldfriede in Berlin in ihrem Bett. Sie kämpft mit schweren Folgen von Genitalverstümmelung, die sie als kleines Kind erlitten hat. Sie befindet sich auf einer Station, die an das

Diese junge Frau aus Somalia liegt im Juli 2016 in einem Berliner Krankenhaus, wo sie wegen der schweren Folgen einer Genitalverstümmelung behandelt wird.

(Foto: dpa)

Es klingt, als sei das Problem weit weg. Doch auch in Deutschland leben Zehntausende Frauen, die Opfer einer Genitalverstümmelung wurden. Die Bundesregierung will stärker dagegen vorgehen - etwa gegen "Ferienbeschneidungen".

In Deutschland leben derzeit rund 48.000 Mädchen und Frauen, die Opfer von Genitalverstümmelungen wurden. Das geht aus einer vom Bundesfamilienministerium geförderten Studie hervor. Die Autoren sehen zudem bis zu 5700 Mädchen in Deutschland akut bedroht, andere Schätzungen gehen von mehr 9000 Mädchen aus, denen eine Beschneidung im Ausland - eine sogenannte Ferienbeschneidung - drohe.

Laut Studie stammen die in Deutschland lebenden Betroffenen vor allem aus Eritrea, Somalia, Ägypten, Äthiopien und dem Irak. Durch die Zuwanderung ist zudem die Zahl der Mädchen und Frauen aus Ländern, in denen Genitalverstümmelung weit verbreitet ist, von Ende 2014 bis Mitte 2016 um 40 Prozent gestiegen. Die Zahl der Betroffenen in Deutschland hat sich seit 2014 um rund 30 Prozent erhöht.

Vor allem in den Großstädten Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln und München leben Migrantinnen aus Bevölkerungsgruppen, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird. In welchem Alter die Mädchen derart beschnitten werden, ist unklar. Bei manchen findet der brutale Eingriff im Alter von drei bis vier Monaten statt, bei anderen erst im Teenageralter. Die Studie wurde von Integra, der Dachorganisation von Nichtregierungsorganisationen gegen Genitalverstümmelung, in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Ramboll Management Consulting erstellt.

Ahndung von "Ferienbeschneidungen"

Der Staatssekretär im Familienministerium, Ralf Kleindiek, verurteilte die Verstümmelung weiblicher Genitalien als schwere Menschenrechtsverletzung. Die Studie zeige, dass das Thema auch in Deutschland hochaktuell sei. Man müsse mit Aufklärung, Prävention und Strafverfolgung reagieren und alles dafür tun, dass das furchtbare Verbrechen verhindert werde.

Kleindiek stellte die Studie gemeinsam mit der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" vor. Die Bundesgeschäftsführerin der Organisation, Christa Stolle, wies darauf hin, dass Gesetze allein nicht ausreichten, um Genitalverstümmelung zu verhindern. "Terre des Femmes" beteiligt sich unter anderem am Projekt "Change Plus". Über das Programm werden sogenannte "Change Agents" ausgebildet, die in den Bevölkerungsgruppen, in denen Genitalverstümmelung verbreitet ist, über die Folgen aufklären.

Nach deutschem Recht ist auch die im Ausland vorgenommene Genitalverstümmelung strafbar. Zudem werden sogenannte Ferienbeschneidungen verstärkt geahndet. Wer mit Mädchen oder Frauen ins Ausland reisen will, um dort eine Genitalverstümmelung vornehmen zu lassen, dem droht künftig der Entzug des Passes. Die Regelung soll im Frühjahr in Kraft treten.

Jährlich drei Millionen Mädchen betroffen

Die Vereinten Nationen forderten ein umfassendes Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung. Die betroffenen Staaten müssten die grausame Praxis strikt unterbinden, verlangten das Kinderhilfswerk Unicef und der Bevölkerungsfonds UNFPA in Genf. Bis 2030 solle die weibliche Genitalverstümmelung komplett abgeschafft sein, hieß es.

Die Tradition ist in etwa 30 afrikanischen Ländern, vor allem südlich der Sahara, verbreitet. Sie wird auch in arabischen Ländern wie Oman und dem Jemen und in einigen asiatischen Ländern praktiziert. Jedes Jahr müssen rund drei Millionen Mädchen, die meisten unter 15 Jahren, den gefährlichen Eingriff über sich ergehen lassen.

Die UN verlangen eine bessere medizinische Betreuung der Opfer und eine flächendeckende Aufklärung über die schwerwiegenden Folgen des Eingriffs. Die Verstümmelung verursacht extreme körperliche und seelische Qualen und ist Grund für tödliche Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt. Etwa 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind beschnitten. Dabei werden ihnen die äußeren Genitalien teilweise oder ganz entfernt.

Quelle: n-tv.de, mli/epd