Politik

Ein Flüchtling in Uganda erzählt "Im Krieg verschwinden einfach Menschen"

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Viele haben sich aus dem Südsudan nach Uganda geflüchtet.

(Foto: Finn Tönjes)

Hunderttausende Flüchtlinge suchen Schutz in Uganda. Schutz vor dem Krieg, der jahrelang im Südsudan wütet. Einer der Vertriebenen ist Peter - und seine Geschichte ist eine von Tod, Vertreibung und etwas Hoffnung.

Sechs große weite Zelte sind auf dem Areal aufgebaut. Das Logo des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, ist auf weiße Planen in blauer Schrift gedruckt. Die Sonne knallt auf den trockenen Boden. Es ist heiß. Nur wenige Bäume bieten schützenden Schatten, in dem kleine Kinder spielen und Frauen mit ihren Babys hocken. Zwei Kinder tragen FC-Bayern-Trikots. Hunderte Menschen sind zu hören, wie sie reden, sich etwas zurufen. Sie alle sind Flüchtlinge, fast alle aus dem Südsudan. Auch Peter, der nicht erkannt werden will, ist einer von ihnen. Er und seine Familie fürchten Verfolgung - von Rebellen und Regierung gleichermaßen. Um in Sicherheit in Uganda leben zu können, ließen sie alles zurück.

Der Südsudan ist seit dem 9. Juli 2011 ein unabhängiger Staat. Ende 2013 kam es zum Bürgerkrieg. Grund dafür waren Auseinandersetzungen zwischen dem Präsidenten Salva Kiir Mayardit und dem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar, der nun die Rebellen anführt. Mehrere Versuche, einen Waffenstillstand durchzusetzen, blieben erfolglos, seit einem Monat herrscht eine erneute Waffenruhe. Während der bewaffneten Konflikte suchten viele Menschen Schutz im südlichen Nachbarland Uganda. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) nahm der Staat bis Ende 2018 rund 1,3 Million Vertriebene aus dem Südsudan auf. Dort leben die registrierten Flüchtlinge in Flüchtlingsdörfern, die in ugandische Siedlungen integriert werden. Dieses Vorgehen bezeichnet die UN als "umfassenden Flüchtlingsreaktionsrahmen".

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Die blauen Bänder der Flüchtlinge.

(Foto: Finn Tönjes)

Unter einem Baum ist Peters Familie versammelt. Seine vierjährige Tochter klettert an ihm herum, schneidet Grimassen, zieht an seinem hellblauen Hemd. Er winkt mit einer Handbewegung ab. Beide tragen ein blaues Band am linken Handgelenk. Sie sind noch nicht im System registriert und müssen vorerst im sogenannten "Ocea Reception Center" bleiben. Erst wenn sie registriert sind, können sie das Lager in Richtung eines der Flüchtlingsdörfer verlassen. Peters Frau Elizabeth stillt die sechs Monate alte Tochter. Ihre dritte Tochter ist zwei Jahre alt, sie beobachtet alles genau. Nach sieben Tagen scheint sie sich noch nicht an die neue Umgebung gewöhnt zu haben.

"Wir mussten unser Leben retten"

Bevor die Familie nach Uganda floh, hat sie jahrelang im "Protection Camp Malakal" Schutz vor der drohenden Gewalt gesucht, erzählt Peter. Allerdings wurde die Einrichtung kaum ihrem Namen gerecht, wie die britische Zeitung "Guardian" schreibt. So wurde beispielsweise eine Frau von uniformierten Männern auf dem Gelände des Camps erschossen. Peter, seiner Frau und den Kindern reichte es nach sechs Jahren. Sicher fühlten sie sich nicht, und das Camp bot ihnen keinerlei Perspektive. Die örtliche Kirche spendete der Familie Geld, um mit einem Bus von Dschuba, der Hauptstadt, an die Grenze fahren zu können. "Wir hatten nichts, wir konnten nichts tun. Wir mussten unser Leben retten", erklärt Elizabeth. Peter ergänzt: "Ich habe Menschen sterben sehen."

Die Konflikte haben Peter nicht nur seine Heimat, sondern auch seinen Bruder genommen. "Ich habe ihn nie begraben können. Im Krieg verschwinden die Menschen einfach", erzählt er mit versteinerter Mimik. Nun rechnet er zu 90 Prozent damit, dass sein Bruder tot sei. Gewissheit wird er dafür wohl nie haben. Auch die Frau seines Bruders hat er nie wiedergesehen. Sie hatten zwei Kinder. Beide, ein heute elfjähriger Junge und ein 14-jähriges Mädchen, hat Peter adoptiert. Die fünfköpfige Familie wurde auf einen Schlag eine siebenköpfige. Die Kinder haben nur überlebt, weil sie geflohen seien, erzählt Peter. Die beiden Jugendlichen sind still, lächeln von Zeit zu Zeit.

"Uganda ist ok", sagt Peter. Hier hat er die Hoffnung auf ein besseres Leben und auf Bildung für seine Kinder. Das habe es alles in dem "Protection Camp" nicht gegeben. Und noch immer hofft er und glaubt an ein Ende der Konflikte: "Keine Situation dauert ewig an. Der Frieden wird kommen." Dass es ihn dann zurück in den Südsudan zieht, wo immer noch Verwandte wohnen, glaubt er nicht. Er setzt seine Hoffnungen auf Uganda, wo er sich allerdings noch lange nicht heimisch fühlt. Wie auch, in einem mit Stacheldraht umsäumten Camp? Dennoch habe er hier das Gefühl von Sicherheit, sagt er. Um sein Leben muss er hier jedenfalls nicht fürchten.

Wie es mit dem Südsudan weitergeht, kann niemand sagen. Einerseits gilt eine Waffenruhe, und Machar und Mayardit haben sich für diesen Monat die Bildung einer Einheitsregierung zum Ziel gesetzt. Andererseits wurde diese Frist in der Vergangenheit schon zweimal verschoben. Und Friedensabkommen im Südsudan haben sich in der Vergangenheit als fragil erwiesen. An beide appelliert Peter: "Stellt die Kämpfe ein. Es leidet nur das Volk."

Quelle: ntv.de