Politik

Streit nach der Befreiung In Isjum stehen Kollaborateure am Pranger

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Ein ukrainischer Soldat in Isjum füttert verhungerte Katzen: Nun streiten die Bewohner, wer sich von den Russen hat durchfüttern lassen.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Als die Stadt Isjum im April von Russen besetzt wird, bleiben vor allem Ukrainer, die auf der Seite Moskaus stehen. Am Rathaus weht jetzt wieder die Flagge Kiews, doch vor dem Rathaus streitet die Menge, wer ein Verräter ist.

Vor dem völlig ausgebrannten Rathaus von Isjum weht wieder die ukrainische Fahne. Die russischen Truppen sind aus der ostukrainischen Stadt nahe Charkiw abgezogen, doch die Monate der Besatzung haben Spuren hinterlassen - nicht nur an Gebäuden und Straßen, sondern auch in den Köpfen der Bewohner.

Vor dem Rathaus bricht Streit darüber aus, wer mit den Besatzern kooperiert hat. Die, die Hilfe von den Russen angenommen haben, stehen jetzt am Pranger. "Wäre es euch lieber gewesen, wenn ich gestorben wäre?", verteidigt sich Switlana Fitscher. "Hör' auf rumzuschreien", entgegnet jemand der 55-Jährigen. "Wollt ihr wissen, ob ich für die Russen bin? Ist das die Frage?", redet Fitscher weiter. "Nein, tut mir leid, ich bin für mein Land." "Sie will sich von den Russen durchfüttern lassen", wirft ein Mann Fitscher vor. "Sie hat die Ukraine für Essen verraten", schreit eine Frau. Eine andere Frau geht dazwischen und fragt: "Und was habt ihr denn die ganze Zeit gegessen?"

Eigentlich sind die Frauen und Männer, überwiegend ältere, zum Rathaus gekommen, um Bürgermeister Waleri Marttschenko zu sprechen. Sie fordern Hilfe von den ukrainischen Behörden und wollen wissen, wann die öffentlichen Dienstleistungen wieder funktionieren. Doch der Bürgermeister kommt nicht. Der Bürgermeister sei "ein Idiot, ein Lügner", schimpft Fitscher. "Er hat seine Haut gerettet und die Leute zurückgelassen." Marttschenko verließ die Stadt noch bevor die Russen sie im April einnahmen. "Wir wussten nichts von den Evakuierungen. Ich konnte nicht weggehen. Und jetzt bin ich eine Verräterin, weil ich dank der russischen Rationen überlebt habe", sagt sie.

"Mit den Russen würde das nicht passieren"

Die Gespräche drehen sich auch darum, wer für die massiven Zerstörungen in der Stadt, die zwischen die Fronten geriet, verantwortlich ist. Die Russen oder die Ukrainer? Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Einige behaupten, auch Einheimische seien schuld. "Diese Streitereien sind ein Problem der Demokratie. Mit den Russen würde das nicht passieren", sagt ein Mann, der plötzlich in der Menge auftaucht, und gleich wieder verschwindet.

Die Mehrheit der Ukrainer im Osten des Landes ist russischsprachig, manche von ihnen stehen auf der Seite Moskaus. Vor dem Krieg lebten etwa 47.000 Menschen in Isjum. Weniger als die Hälfte seien geblieben, unter ihnen viele prorussische Einwohner, heißt es in der Stadt. Einige von ihnen, vor allem die, die eng mit den Besatzern kooperiert hätten, seien vor der Ankunft der ukrainischen Truppen geflohen, sagt ein ukrainischer Soldat, der anonym bleiben möchte. Seit Sonntag patrouilliert ukrainisches Militär in Isjum. Panzer fahren mit ohrenbetäubendem Lärm durch das Zentrum.

Vor dem Rathaus wird weiter gestritten. Taisija Litowka hält sich aus der Diskussion heraus. "Wir waren verloren und jetzt sind wir überglücklich", freut sich die 46 Jahre alte Krankenpflegerin über die Befreiung von Isjum. Jetzt hofft sie, dass das Telefonnetz bald wieder funktioniert, um endlich mit ihren Kindern im Westen der Ukraine sprechen zu können.

Quelle: ntv.de, mau/AFP

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