Politik

"Hart aber fair" Ist unser Pflegesystem noch zu retten?

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"Drei Minister, ein Problem: Was muss sich bei der Pflege ändern?" - darum ging es bei "Hart aber fair".

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

Es gibt immer mehr alte Menschen und immer wenige junge, die sich um sie kümmern. Das wäre an sich schon Problem genug. Weil Pflegekräfte aber obendrein noch chronisch unterbezahlt und überarbeitet sind, droht eine Katastrophe.

183 Tage. So lange braucht ein Altenheim momentan, um eine unbesetzte Stelle zu besetzen. Und unbesetzte Stellen gibt es mehr als genug: Rund 40.000 Pflegekräfte fehlen derzeit in Deutschland. Dass die Zahl unaufhaltsam steigt, liegt auch an der alternden Gesellschaft, vor allem aber am Jobprofil: Altenpfleger sind in der Masse unterbezahlt, überarbeitet und bekommen von der Gesellschaft nur selten die Anerkennung, die sie verdienen. Es ist ein erklärtes Ziel der Großen Koalition, daran etwas zu ändern - nur scheint sich im vergangenen Jahr wenig bewegt zu haben. Ist das nur ein subjektiver Eindruck oder verschleppt die Politik das lange Zeit stiefmütterlich behandeltes Thema nur weiter? "Hart aber fair" will dem auf dem Grund gehen, Titel der Sendung: "Beispiel Pflege: Was schafft die GroKo noch?"

Frank Plasberg moderiert an diesem Montagabend ein eher ungewöhnliches Format: Mit Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) stehen gleich drei Minister Seite an Seite, an denen sich vier Experten und Beschäftigte aus der Pflegebranche abarbeiten. Die da wären: Gottlob Schober, SWR-Journalist mit dem Schwerpunkt Altenpflege; Silke Behrendt-Stannies, Altenpflegerin; Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa); Clarissa Gehring, Altenpflege-Schülerin. Außerdem spielt Plasberg immer wieder Videobotschaften ein, in denen Zuschauer spezielle Fragen an die Minister richten.

"Von den Spahn-Stellen merken wir nichts"

Den Anfang macht aber Gehring, die von ihrer prekären Situation erzählt. Gerade einmal 680 Euro brutto verdient die angehende Altenpflegerin im dritten Ausbildungsjahr, dazu kommt die Arbeitsbelastung: "Das ist schon fast fahrlässige Pflege, wenn man für zwölf Bewohner im ersten Lehrjahr zuständig ist", sagt Gehring - genau das war ihr zu Beginn der Ausbildung passiert.

Der betroffene Blick, den Familienministerin Giffey bei Gehrings Geschichte aufsetzt, wirkt echt. Die SPD-Politikerin verspricht Besserung und hat auch schon Zählbares zu berichten: "Wir haben in der Ausbildungsoffensive 111 Maßnahmen mit unseren Partnern gefunden, die wir angehen. Ab 2023 wird es eine komplett neue Ausbildung geben, ohne Schulgeld, dafür mit Ausbildungsvergütung." Die "Ausbildungsoffensive Pflege" soll so für zehn Prozent mehr Auszubildende sorgen und ist ein Teil der "Konzertierten Aktion Pflege".

Das Programm, das die anwesenden drei Minister im vergangenen Jahr aufgelegt hatten, soll die Kräfte der beteiligten Ministerien bündeln. Jens Spahn sorgte zum Beispiel dafür, dass seit Anfang des Jahres 13.000 neue Stellen in der Pflege geschafften wurden. Doch "die Spahn-Stellen, wie sie bei uns genannt werden, von denen merken wir gar nichts", berichtet Altenpflegerin Silke Behrendt-Stannies. "Ich habe persönlich den Eindruck, dass es im vergangenen Jahr sogar noch schlimmer geworden ist." Der Gesundheitsminister darauf einigermaßen resigniert: "Wir drehen jetzt grade an allen möglichen Schrauben: mehr Geld, mehr Stellen. Ich stelle mir die Frage: Wenn Sie Gesundheitsministerin wären, wo würden Sie ansetzen?"

"Mächtiger als Piloten und Lokführer"

Unter anderem am neuen Kammersystem, lautet die Antwort der Altenpflegerin. Die knapp 1,1 Millionen Beschäftigten in der Branche sollen verpflichtet werden, einer sogenannten Bundespflegekammer beizutreten, die aber erst noch gegründet werden muss. Die soll eigentlich endlich eine starke Lobby für die Pflegekräfte schaffen, wird aber von diesen in Masse abgelehnt. Dabei "könntet ihr mächtiger als Piloten und Lokführer zusammen sein", glaubt Journalist Gottlob Schober.

Nicht nur Schober, sondern auch die drei Minister beknien die Pflegekräfte in seltener Eintracht, sich zu organisieren: "Mein Appell an die Arbeitnehmer ist: Tretet in eine Gewerkschaft ein", sagt Arbeitsminister Hubertus Heil. Zusammen ist man eben stärker. Schon angesichts der reinen Zahlen hat das heute mehr Sinn als jemals zuvor, weil es schlichtweg noch mehr "Zusammen" gibt: "Im Moment werden 68.000 Altenpflegekräfte ausgebildet, das ist ein Rekord. Und es gibt kaum Branchen, die mehr ausbilden", sagt bpa-Präsident Bernd Meurer. Und das ist ja immerhin ein Anfang.

Quelle: n-tv.de

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