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"Ich hab so viel Angst" Jesidin fürchtet IS-Peiniger in Deutschland

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Ein Auszug aus einem YouTube-Clip, in dem Ashwaq T. ihre Geschichte erzählt.

Monatelang ist Ashwaq T. dem IS-Wächter Abu H. ausgeliefert. Er hält die 15 Jahre alte Jesidin als Sklavin. Sie flieht nach Deutschland. Dort fühlt sie sich sicher - bis sie glaubt, ihren Peiniger in Schwäbisch-Gmünd wiederzuentdecken.

Der Videoclip beginnt ganz harmlos: Eine junge Frau blickt in die Kamera. "Hallo, ich bin Ashwaq", sagt sie. "Ich bin ein jesidisches Mädchen." Was folgt, ist schwer zu ertragen. Ashwaq T. erzählt eine Geschichte wie aus einem Albtraum. Einem Albtraum, der sie bis nach Deutschland verfolgt.

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2014 gerät die damals 15-Jährige in die Hände des selbsternannten Islamischen Staates (IS), der im Irak in jenen Tagen ganze Landstriche erobert. Sie wird wie so viele Jesidinnen versklavt. T.s Peiniger heißt Abu H. Er sperrt sie monatelang ein. Doch der jungen Frau gelingt die Flucht. 2015 kommt sie nach Deutschland und wird von vielen hilfsbereiten Menschen empfangen. Sozialarbeiter, aber auch einfache Bürger unterstützen sie dabei, die Schrecken der IS-Sklaverei zumindest ein bisschen zu vergessen. T. beginnt ein neues, ein glücklicheres Leben. Es endet am 21. Februar 2018. An diesem Tag, so schildert es T., trifft sie wieder auf ihren Peiniger Abu H., diesmal in Deutschland. Er hält sie auf dem Heimweg in ihre Flüchtlingsunterkunft im baden-württembergischen Schwäbisch-Gmünd an. Er habe gewusst, wie lange sie dort schon lebt, dass sie mit ihrer Mutter und zwei ihrer Brüder nach Deutschland gekommen ist, sagt T..

T.s Erzählfluss gerät ins Stocken. Ihre Augen scheinen irgendwo am Himmel nach den passenden Worten zu suchen. "Ich hab so viel Angst", sagt sie. In dem Videoclip, der sich bei Twitter und YouTube verbreitet, spricht T. Deutsch, sehr gut sogar - dafür, dass sie nur drei Jahre in der Bundesrepublik verbracht hat. Doch als das Video aufgenommen wird, ist sie schon nicht mehr in Deutschland. T. ist zurück im Irak, zurück in ihrer alten Heimat, in der die IS-Miliz mittlerweile militärisch als geschlagen gilt. Sie ist ein zweites Mal geflohen vor Abu H. Sie hatte offenbar das Gefühl, ihrem Peiniger jetzt in der Bundesrepublik ausgeliefert zu sein. Und die deutschen Sicherheitsbehörden konnten ihr diese Angst nicht nehmen. Sollte sich T.s Geschichte bewahrheiten, wäre sie nicht nur ein menschliches Drama, sondern auch ein Gau für die zuständigen Behörden in Deutschland.

"Was macht eine IS-Bestie in Deutschland?"

Der Beschreibung im Video zufolge wandte T. sich zwar an die Polizei. Die habe aber nichts unternommen: "Die Polizei sagte mir, dass er auch ein Flüchtling sei wie ich und dass sie nichts tun könnten. Sie gaben mir nur eine Telefonnummer für den Fall, dass Abu H. mich jemals bedrängt."

Der Bericht eines kurdischen Journalisten, der T. und deren Vater im Nordirak getroffen hat und dabei half, das Video zu verbreiten, lässt den Fall noch unglaublicher erscheinen. Demnach erkannte T. ihren Peiniger bei den deutschen Behörden sogar auf den Aufnahmen einer Überwachungskamera wieder. Zu einer Festnahme kam es bisher trotzdem nicht. Wie kann das sein?

Im Netz löst der Fall bereits Empörung aus. "Unfassbar und alarmierend", schreibt ein Nutzer. "Schockierend", ein anderer. "Was macht eine IS-Bestie in Deutschland?", fragt ein Dritter.

Dem Generalbundesanwalt am Bundesgerichtshof ist der Fall T. bekannt. "Wir sind diesen Vorwürfen nachgegangen. Uns ist es aber bislang nicht gelungen, anhand der zur Verfügung stehenden Beweismittel den mutmaßlichen Täter mit der gebotenen Sicherheit zu identifizieren", heißt es von einer Sprecherin auf Anfrage von n-tv.de. Die Behörden in Baden-Württemberg geben mit Verweis auf laufende Ermittlungen überhaupt keine Auskunft. Ein Tweet des Landeskriminalamtes lässt aber erahnen, dass die Nachforschungen wegen der Ausreise T.s ins Stocken geraten sind. "Sie können derzeit nicht fortgeführt werden, da die Zeugin für Rückfragen aktuell nicht erreichbar ist", heißt es in der Kurznachricht.

"Ich habe mich entschieden, nie wieder nach Deutschland zu kommen"

Wird aus T.s Schicksal ein Fall, der niemals aufgeklärt wird? Den deutschen Behörden müsste es möglich sein, T. ausfindig zu machen, zumal die diplomatischen Beziehungen der Bundesrepublik zur autonomen Region Kurdistan gut sind.

Der Sprecherin der Bundesanwaltschaft bleibt zumindest für den Augenblick nichts anderes übrig, als auf die vielen anderen Fälle jesidischer Frauen zu verweisen, denen die Behörde seit Jahren viel Aufmerksamkeit schenkt. "Wir haben rund hundert Jesidinnen vernommen, um Beweise zu sammeln und potenzieller Täter habhaft zu werden", sagt sie. "Das sind keine leichten Vernehmungen. Uns wird von unermesslichem Leid berichtet. Es ist uns wichtig zu zeigen, dass wir dieses Leid sehen."

Auch T. spricht in ihrem Video nicht nur von sich. "Ich rede für alle Mädchen, die in Deutschland leben", sagt sie. Viele hätten schon die Männer gesehen, die sie gefangen gehalten haben. Dass T. ihre Botschaft nicht auf Türkisch, Kurdisch oder Arabisch verbreitet, sondern auf Deutsch, lässt erahnen, dass sie den Glauben an Deutschland keineswegs verloren hat. Dem kurdischen Journalisten, der dabei half, ihr Video zu verbreiten, sagte sie trotzdem: "Ich habe mich entschieden, nach Kurdistan zurückzukehren und nie wieder nach Deutschland zu kommen."

Quelle: n-tv.de

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