Politik

Endstation Passau Kein Jubel mehr bei Ankunft der Flüchtlinge

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In Passau müssen sich die Flüchtlinge registrieren lassen.

(Foto: dpa)

Die Jubelrufe aus München sind verhallt. In Passau wartet auf viele Flüchtlinge dagegen nur die Bundespolizei, denn erst nach der Registrierung dürfen sie weiterreisen. Für die meisten eine reine Formalie nach einer Reise voller Strapazen.

Eigentlich möchte Behzad nach Dortmund. In Dortmund lebt sein Cousin. Und in Dortmund sieht der 26-Jährige seine Zukunft, bestenfalls in seinem Beruf als Ingenieur. Das Ticket in Wien war ordnungsgemäß gelöst, die deutsche Grenze hatte der ICE schon passiert, als Behzad aus dem Schlaf gerissen wird. Jetzt steht er in Passau zwischen den Gütergleisen.

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Der syrische Flüchtling Behzad Ahmed (r-l) und Mitglieder seiner Familie.

(Foto: dpa)

Es dämmert, es regnet. Neben ihm: sechs Verwandte. Die Kleinste, Sipan, ist gerade mal ein Jahr alt. Um ihn herum: mehr als 100 andere Flüchtlinge. Hier am Passauer Bahnhof jubelt niemand mehr, wenn Menschen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak ankommen. Einzig die Bundespolizei nimmt sie in Empfang.

Acht Tage ist es her, dass sich Behzad mit seiner Familie im syrischen Al-Hasaka auf den Weg gemacht hat. Die Terroristen vom Islamischen Staat (IS) kamen näher, es wurde zu gefährlich. Er schildert, wie es weiter ging: Von der Türkei über die Ägäis nach Griechenland, ein Boot aus Plastik, sieben Meter lang, 47 Passagiere, ein stotternder Motor.

"Du kannst jeder Zeit sterben", sagt Behzad auf Englisch. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er schon im Zug nach Deutschland - "a very great country". Zu diesem Zeitpunkt glaubt er noch, nachts am Dortmunder Hauptbahnhof einzufahren. Dann würde er seinen Cousin wiedersehen. Glaubt Behzad.

"It's Germany right here. Don't worry."

Der Weg nach Österreich führte ihn und seine Gruppe weiter über die Balkan-Route. An der Grenze zu Österreich hätten Polizisten die Flüchtlinge durchgewunken und ihnen gesagt, vom Wiener Hauptbahnhof kämen sie überall hin. Reisefreiheit für Flüchtlinge. Ein Ticket kaufen, fertig. 120 Euro pro Person hat Behzad schließlich bezahlt.

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Beamte der Bundespolizei fordern die Flüchtlinge auf, den Zug zu verlassen.

(Foto: dpa)

Doch hinter der deutschen Grenze, in Passau, holt die Bundespolizei dann alle Flüchtlinge aus dem Zug - und viele von ihnen aus dem Schlaf. Mit Tüten und Bündeln unter den Armen stolpern sie aus den Türen. "It's Germany right here. Don't worry." Keine Sorge, das hier ist Deutschland, stellt der Bundespolizist auf dem Bahnsteig erstmal klar.

Behzad sitzt mit mehr als 100 Flüchtlingen auf Bierbänken. Er fragt: Komme ich nach Dortmund? Wohin es heute gehen wird, weiß selbst die Polizei nicht. In zwei, drei Tagen, nach der Registrierung also, käme er nach Dortmund. Allein an diesem Tag stranden laut Bundespolizei 2100 Flüchtlinge am Passauer Bahnhof.

Österreich lässt die Menschen passieren, in Deutschland werden sie registriert. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kontert: "Sollte unser Nachbarland Österreich weiterhin das europäische Recht missachten, muss auch Deutschland prüfen, ob es Flüchtlinge nicht unmittelbar an der österreichischen Grenze zurückweist."

Wie ganz normale Bahnreisende

Behzad wird nicht abgewiesen. Aber zufälligerweise sagt Herrmann dies in etwa zur gleichen Stunde, in der die Bundespolizei den Zug räumt. Der ICE von Wien nach Dortmund war zuletzt - abgesehen von Verbindungen über das westlicher gelegene Innsbruck - für viele Flüchtlinge die letzte Möglichkeit, mit dem Zug nach Deutschland zu kommen. Über Wochen war der Bahnverkehr zwischen Salzburg und München eingestellt. Dementsprechend begehrt waren die ICE-Tickets.

In der Schalterhalle am Wiener Hauptbahnhof wurde eigens eine abgesperrte Wartereihe für Flüchtlinge eingerichtet. Langsam nur wird der Regionalverkehr zwischen München und Salzburg derzeit wieder aufgenommen. Im Zug kehrt nach hektischem Einstieg rasch Ruhe ein. Babys, Kinder, Erwachsene - alle schlafen. Auf Tischen, auf dem Boden, auf den Sitzen. Unter ihnen sind auch Walid (38), seine Frau und ihre vier Kinder.

Walid, der in Syrien als Händler gearbeitet hat, stellt sich auf einen schweren Start in Deutschland ein. "We have to give something", sagt er, sie müssten etwas geben, nicht nur nehmen. Schlafen, essen, Geld abgreifen - "that is not my style". Walids Ziel: Regensburg. Dort lebt sein Bruder. Doch auch Walid steht plötzlich mit seiner Familie auf dem Passauer Bahnsteig. Auch er muss noch zwei, drei Tage warten, bis er seinen Bruder wiedersieht.

Diese Bahnfahrt, die für viele Flüchtlinge neben dem Fußweg der einzige Weg nach Deutschland ist, mutet absonderlich an: Hier sitzen Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind. Menschen, die ob der Nähe ihres Ziels erleichtert sind. Daneben normale Bahnreisende. Vor einer Frau an die 70, rote Samthandschuhe über den Fingern, steht eine Voliere auf dem Tisch - auf der Stange ein Gelbhaubenkakadu.

Quelle: n-tv.de, Michel Winde, dpa

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