Politik

Wie syrische Vertriebene leiden "Kinder sind dem Frost ausgesetzt"

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In Zelten oder ganz ohne Schutz versuchen die Vertriebenen, dem syrischen Winter zu trotzen.

(Foto: REUTERS)

Im Nordwesten Syriens fliehen die Menschen vor Assads Bomben in Richtung türkischer Grenze. Doch das Gebiet ist überfüllt, Tausende harren im Freien aus. Tue Jakobsen von der Hilfsorganisation Care koordiniert von der Türkei aus den Beistand für die Notleidenden. Für ntv.de beschreibt er den Versuch, eine Katastrophe zu verhindern.  

ntv.de: Vor welchen Aufgaben stehen Sie gerade?

Tue Jakobsen: Jetzt gerade erleben wir die schnellste und größte Welle von Vertreibung, die es in den neun Jahren Syrienkrieg je gegeben hat. Eine Stadt nach der anderen wird von Bomben zerstört. Die Taktik der syrischen Armee ist immer dieselbe: Als erstes zerbomben sie zivile Infrastruktur - Krankenhäuser, Schulen. Das macht den Menschen Angst, also fliehen sie. Danach haben es die Bodentruppen leicht, die nahezu leere Stadt einzunehmen. Es fallen auch Bomben auf Menschen, die gerade flüchten, zwei Angriffe hatten wir direkt auf Flüchtlingscamps.

Tue Jakobsen
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Tue Jakobsen ist stellvertretender Landesdirektor des Hilfswerk Care für die Türkei. Von Gaziantep aus koordiniert er die Unterstützung für die Vertriebenen in Nordsyrien.

Das Militär spricht dann von Versehen.

Genau, irgendwer sagt, es war eine Fehlzündung. Was ich sagen kann: 2019 hatten wir 85 Angriffe auf Krankenhäuser und Gesundheitsstationen, teilweise Kliniken der Vereinten Nationen. Ein Krankenhaus stand direkt neben einer Geburtsklinik, die wir betrieben. Es wurde dreimal hintereinander getroffen. Erzählen Sie mir, dass Sie dreimal hintereinander das falsche Ziel angreifen. Das ist kein Unfall. Das ist Taktik.

Sie sprechen von leeren Städten. Wohin fliehen die Bewohner?

Wir sehen unfassbar lange Konvois von Menschen in Autos, in Pritschenwagen, auf dem Weg nach Norden, in Richtung der türkischen Grenze. In der ersten Februarwoche haben sich 350.000 Menschen auf den Weg gemacht. Viele von ihnen waren auf ihrer ersten Flucht noch nicht weit genug gekommen. Nun erreichten die Bomben sie wieder, und sie mussten ein zweites Mal fliehen. Und die Katastrophe ist: Die Region im Norden ist schon jetzt völlig überfüllt. Die Menschen quetschen sich da zusammen, denn vor ihnen ist die türkische Grenze.

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In langen Konvois machen sich die Menschen auf in Richtung türkische Grenze.

(Foto: REUTERS)

Die Rede war zuletzt von 700.000 Menschen auf der Flucht.

Seit Mitte Dezember, ja. Eine so große Zahl von Vertriebenen in so kurzer Zeit in einem so kleinen Gebiet haben wir noch nie zuvor gehabt. Es ist Winter hier, genau wie in Europa. Es liegt Schnee, und 450.000 Menschen haben keine feste Unterkunft. Es ist einfach alles belegt. Als das Krankenhaus, das ich eben erwähnte, neben uns beschossen wurde, mussten wir auch die Geburtsklinik schließen. Das ist Wochen her, seitdem suchen wir noch immer ein neues Gebäude für unsere Klinik. 150 Schulen hier in der Region sind geschlossen, weil dort Flüchtlinge unterkommen mussten. Es gibt nichts, nicht mal eine Bauruine, wo niemand ist.

Wo bleiben diejenigen, die keine Bleibe finden?

In Zeltcamps, unter Planen, einfach verteilt in der Gegend. Diejenigen, die auch keinen Platz mehr unter einem Baum gefunden haben, sitzen im Freien im Schnee. Und da reden wir über 20.000 Leute. Ich arbeite in dieser Krise seit 2012, ich habe nie zuvor Elend in diesem Ausmaß gesehen. Gerade sind Unterkünfte und Schutz die größte Herausforderung. Aber sehr bald werden die Menschen ihre Essensvorräte aufgebraucht haben. Alle Arten von Krankheiten werden ausbrechen, denn die Hygiene-Situation ist natürlich auch schlecht. Alte, Kranke, Kinder sind ohne Hilfe dem Frost ausgesetzt.

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Kinder, Alte, Kranke - sie alle sind ohne Hilfe dem Frost ausgesetzt.

(Foto: REUTERS)

Wie können Sie helfen?

Nicht alle, die vor den Bomben flüchten müssen, haben ein Auto. Unsere Partner vor Ort fahren mit Autos direkt in die gefährdeten Städte, um Leute rechtzeitig rauszuholen. Wir unterstützen ein Netzwerk von Krankenwagen, die Verwundete wegbringen. Wir verteilen Essen, Wasser, Decken, Hygieneartikel, damit die Leute einigermaßen gesund bleiben. Wir haben auch Teams, die denjenigen helfen, die völlig traumatisiert aus einer zerbombten Ortschaft kommen.

Weite Teile des Nordostens kontrolliert die Islamisten-Miliz Haiat Tahrir al-Scham oder HTS. Macht die Ihnen Schwierigkeiten?

Ich würde sagen, bis Mitte Dezember hatten wir ständig Probleme mit HTS. Wir mussten sie zurückdrängen, immer wieder neu aushandeln, dass wir unsere Hilfe liefern können, und zwar zu unseren Bedingungen. Ihre Strategie war sehr durchschaubar: Sie wollten zum einen selbst von unseren Lieferungen profitieren. Zum anderen haben sie versucht, unsere Hilfsgüter zu verteilen und von der Dankbarkeit der Bevölkerung zu profitieren. Seit Beginn der Vertreibungswelle und bis heute ist HTS für uns kein Thema mehr. Ihre Kämpfer sind selbst auf der Flucht oder in Gefechten.

Wo sind Ihre Helfer stationiert?

Wir haben Teams direkt in der Region, die dort angestellt wurden. Die meisten leben vor Ort. Auch ihre Familien sind da. Ich weiß gar nicht, ob ich das unglaublich toll oder furchtbar tragisch finden soll, aber wir hören Berichte, dass unsere Leute ihre Familien weiter nach Norden bringen, in den Camps zurücklassen, und dann selbst wieder zurückfahren in den Süden, um mehr Menschen zu helfen, aus den bombardierten Städten herauszukommen. Die Herausforderung ist diese riesige Zahl von Menschen. Wir tun, was wir können, andere Hilfsorganisationen tun, was sie können. Aber es reicht einfach nicht.

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Seit Mitte Dezember sind 700.000 Menschen auf der Flucht.

(Foto: REUTERS)

Warum kann niemand mehr tun?

Weil die Internationale Gemeinschaft, die Öffentlichkeit es müde ist, von Syrien zu hören. Die Kriegsopfer werden zu Zahlen, nur eine weitere schlimme Meldung aus Syrien. Die Sache ist: Das hier ist das Schlimmste, was wir je in Syrien gesehen haben. Die Regierungen wissen das. Weil es hier ein Hochrisikogebiet ist, wird alles genau überwacht. Wir haben zum Beispiel Kontrolleure vom deutschen Außenministerium hier. Die stellen sicher, dass wir gemäß den Richtlinien arbeiten, dass unsere Hilfe bei den Richtigen ankommt, und sie berichten direkt an Berlin. Auch alle anderen Außenministerien, alle Entwicklungsministerien wissen genau, wie schlimm es um die Menschen hier steht. Das Problem liegt eine Entscheider-Ebene höher. Die europäischen Mächte sind gerade sehr darauf konzentriert, eine Lösung im Libyen-Konflikt zu finden. Zu einem gewissen Grad ist Syrien aus dem Fokus der Mächtigen geraten.

Was könnte diesen Gewaltakt zurück in den Fokus holen?

An irgendeinem Punkt wird die Frage sein, ob die Türkei Flüchtlinge über die Grenze ins Land lässt. Wenn sie das tut und nicht genug internationale Hilfe bekommt, könnte sie den Vertriebenen ermöglichen, weiter nach Europa zu ziehen. Wir könnten dann ein Szenario bekommen wie 2015. Die Welt muss dringend aufwachen.

Mit Tue Jakobsen sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de