Politik

Keine Klos, kein Essen "Kos ist die Hölle für Flüchtlinge"

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Flüchtlinge sind bei gleißender Hitze in einem Stadion eingepfercht.

(Foto: REUTERS)

Grünen-Politikerin Claudia Roth hat zwei Tage auf Kos verbracht. Im n-tv.de Interview berichtet sie: "Die Flüchtlinge vegetieren unter Bedingungen, die nichts mit Menschenwürde zu tun haben."

n-tv.de: Sie waren gerade auf Kos. Wie sind die Zustände vor Ort?

Claudia Roth: Es war fürchterlich - ein Urlaubsparadies, das für Flüchtlinge, die dort ankommen, die Hölle ist. Es herrscht Chaos, die Flüchtlinge sind völlig auf sich gestellt. Es gibt keine Erstaufnahmeeinrichtungen, keine Basisversorgung, es fehlt an allem. Sie bekommen keine Nahrung, kein Wasser, keine medizinische Versorgung. Von menschenwürdiger Unterbringung kann man wirklich nicht sprechen.

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Claudia Roth ist Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Bundestags.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie ist die Unterbringung denn?

Die meisten sind gar nicht richtig untergebracht. Auf jedem Plätzchen, wo ein bisschen Schatten ist, leben Menschen. Manche sind in einem ehemaligen Hotel einquartiert, das eine Ruine ist.  Es hat 20 Zimmer und dort müssen hunderte Menschen ohne Strom und ohne Müllentsorgung leben. Das führt natürlich zu massiven Spannungen, es gibt immer wieder Handgemenge. Man hat viele Flüchtlinge dann in ein Stadion getrieben. Mittlerweile leben da 2000 Menschen. Es  gibt zwei Toiletten, die aber nicht mehr funktionieren, und einen Wasserhahn. Sie können sich die Zustände bei gleißender Sonne vorstellen.

Wer trägt die Verantwortung für diese Situation?

Das ist in erster Linie die Kommune vor Ort. Der Bürgermeister und der Hotelverband glauben: Wenn man die Flüchtlinge zu gut behandelt, dann kommen noch mehr. Das ist nicht nur grausam, das ist auch Quatsch, denn ein Flüchtling, der einen Bürgerkrieg und eine monatelange Flucht überstanden hat, lässt sich von solchen Bedingungen nicht abschrecken. Auch hört man oft, dass es kein Geld gibt und die EU mehr Mittel überweisen muss. Dabei hat die Kommission neulich zugesagt, mehr zu zahlen. Nur weiß sie gar nicht, an wen die Gelder gehen sollen.

Es gibt keine klaren Kompetenzen?

Nein, auch nicht auf nationaler Ebene. Wenn man mit den Leuten vor Ort spricht, dann nennt jeder einen anderen zuständigen Ansprechpartner: mal das Marineministerium, mal das Innenressort, mal das Migrationsministerium und auch der Tourismusminister hat noch was zu sagen. Das ist eine Situation wie bei Kafka. Offenbar hat man gedacht: Da machen wir die Augen zu und durch.

Gibt es keine Hilfe von nichtstaatlichen Stellen?

Doch, es gibt zum Beispiel die Initiative "Kos Solidarity", eine Gruppe von Privatleuten, die seit Mai Flüchtlinge versorgt und bis zu 1000 Essen am Tag gekocht hatte. Da ihnen aber jegliche Unterstützung von offizieller Seite verweigert wurde, sahen sie sich im Angesicht der stark steigenden Flüchtlingszahlen gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Und nicht alle sind so freigiebig.

An wen denken Sie?

Naja, ich denke da auch an die griechisch-orthodoxe Kirche, die bekanntermaßen nicht arm ist. Die könnte und müsste etwas tun. Die Kirchen in Kos sind zwar schön hergerichtet, aber mit Ketten verhängt. Von Sizilien, wo ja auch sehr viele Flüchtlinge ankommen, kenne ich das anders.

Gegen die Flüchtlinge werden Tränengas und Schlagstöcke eingesetzt. Und in Athen ist eine linke Regierung am Ruder. Wie passt das zusammen?

Gar nicht, und das sage ich auch. Die Finanzkrise ist kein Grund, Menschen kein Wasser zu geben oder den Müll nicht abzuholen, der bei den Nachbarn noch abgeholt wird. Babys und alte Menschen vegetieren unter Bedingungen, die nichts mit Menschenwürde zu tun haben. Für dieses Elend gibt es keine Entschuldigung - ob es nun eine linke Regierung ist oder eine andere.

Welche Verantwortung trägt die EU?

Aus welchen Gründen hat die Europäische Union den Friedensnobelpreis bekommen, wenn sie nicht anders mit dieser Situation umgehen kann? Die Lage ist ja nicht über Nacht entstanden. Die Gewalt in Syrien, im Irak und in Afghanistan ist nicht beendet. Und im Sommer, wenn es warm ist und das Meer ruhig, wagen mehr Menschen die Überfahrt. Ich habe mich wirklich geschämt, dass die Lage für Flüchtlinge auf Kos, also innerhalb der EU, schlimmer ist als im Nordirak, in Jordanien oder im Libanon. Das ist eine globale Katastrophe, auf die wir in Europa eine gemeinsame Antwort finden müssen.

Welche?

Das Dublin-Verfahren, nach dem nur die EU-Länder für die Aufnahme von Flüchtlingen zuständig sind, die eine Außengrenze haben, ist gescheitert. Wir müssen eine gemeinsame Verantwortungskultur schaffen. Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir uns einmauern oder anfangen solidarisch zu sein und unseren Reichtum zu teilen? Zäune zu errichten gegen Menschen, die Krieg und Gewalt entflohen sind, ist unerträglich.

Mit Claudia Roth sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de

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