Politik

Mysteriöser Fund Löst das "Corelli"-Handy die Rätsel des NSU?

67559124.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist eine unglaubliche Geschichte: Der Verfassungsschutz findet ein verloren geglaubtes Handy von V-Mann "Corelli" einfach so wieder. Bei BKA und im Bundestag löst das Aufregung aus: Enthält es neue Informationen über die NSU-Morde?

Und plötzlich liegt da ein Kuvert im Stahlschrank. Was das Bundesamt für Verfassungsschutz im NSU-Untersuchungsausschuss am Mittwochnachmittag zum Besten gibt, klingt wie aus einem schlechten Agentenfilm. Jahrelang gilt ein privates Handy des 2014 überraschend gestorbenen V-Manns Thomas Richter alias "Corelli" als verschollen. Mehrere Male durchsucht der Geheimdienst die eigenen Bestände danach. Bei der fünften Überprüfung der Asservate taucht es mit einem Mal wieder auf. Es ist ein Fund, der ein neues Schlaglicht auf die Arbeit des deutschen Geheimdiensts wirft. Und einer, der reichlich Fragen aufwirft.

"Corelli" war eine der Top-Quellen des Verfassungsschutzes. 18 Jahre lang berichtete "HJ Tommy", wie er in der Neonazi-Szene hieß, für den Geheimdienst. Wenn unter Deutschlands Rechten etwas geplant war, wusste er meist gut Bescheid. Er kannte sich aus in der Nazi-Musik-Welt, in rechten Foren, hatte Kontakt zum Ku-Klux-Klan. "Corelli" war der Computer-Spezialist der Neonazis. Auch zum "Nationalsozialistischen Untergrund" gab es Verbindungen.

"Corelli" gab Informationen über Uwe Mundlos an das Amt weiter, allerdings bevor dieser als Teil des Terror-Trio mordete und untertauchte. Und er war im Besitz einer ominösen Daten-CD Aufschrift: "NSU/NSDAP". Inhalt: Massenhaft Neonazi-Texte und anderes Material, auch vom NSU ist dabei die Rede. In einem Nazi-Internetforum verabschiedete er sich 2006 mit den Worten: "In diesem Sinne: Heute ist nicht aller Tage …" Es sind die Worte des "Rosaroten Panthers", die sich auch der NSU in seinen zynischen Bekennervideos zu Eigen gemacht hatte. All diese Hinweise brachte der Verfassungsschutz nicht rechtzeitig zusammen.

Wo kommt mit einem Mal das Handy her?

Kaum ein V-Mann hatte ein derart enges Verhältnis zu seiner Kontaktperson beim Geheimdienst wie "Corelli". Der Grünen-Politiker Jerzy Montag hat vor zwei Jahren den Fall als Sonderermittler aufgearbeitet. Er förderte zutage: Der Staat gab knapp 300.000 Euro für "Corelli" aus. Wenn die Strafverfolgungsbehörden "Corellis" Computer mitnahm, erhielt er eine "Sonderprämie", um sich einen neuen zu beschaffen. Brauchte er ein Auto, bekam er es bezahlt. Schulden "Corellis" beglich das Amt gleich mit. Kurzum: "Corelli" ging es alles andere als schlecht. Wie nah sind sich V-Mann und Geheimdienst also gewesen?

Und jetzt das ominöse Auftauchen des Handys. Die Mitglieder des Im Untersuchungsausschuss sind perplex: "Das will man sich eigentlich gar nicht vorstellen", sagt Uli Grötsch n-tv.de. Er sitzt als Obmann der SPD im Ausschuss. War das Handy schon immer da oder legte es jemand erst später in den Tresor? Hat der Verfassungsschutz im Asservatentresor den Überblick verloren oder versucht jemand, etwas zu vertuschen? Grötsch glaubt nicht an "Verschwörungstheorien". "Aber ich erwarte vom Bundesamt für Verfassungsschutz, dass es weiß, was sich in seiner Obhut befindet und nicht alles irgendwie so rumliegt. Wir werden die Umstände lückenlos aufklären", sagt Grötsch. Angeblich übergab "Corelli" das Telefon bereits 2012 seinem V-Mann-Führer. Ein Jahr zuvor war der NSU aufgeflogen. 2014 starb Corelli an einer bis dahin unerkannten Diabetes-Erkrankung – noch bevor er über sein mögliches Wissen vom NSU befragt werden konnte.

Verfassungsschutz hat wenig zu berichten

Die Ermittler beim Bundeskriminalamt haben daher größtes Interesse an dem Fund. Der Verfassungsschutz hat der Behörde das Handy weitergegeben, diese analysiert jetzt, was darauf zu finden ist. Es soll Hunderte Kontakte und Fotos enthalten. Mutmaßlich spiegeln die Daten das "Who is who" der Neonazi-Szene wider. Ob weitere Hinweise zu Kontakten zum NSU darauf zu finden sind, ist unklar. "Da konnte uns der Verfassungsschutz überhaupt nichts dazu sagen", sagt Grötsch erstaunt. Er habe es "schwach" gefunden, dass der Verfassungsschutz "so unvorbereitet mit so einer Nachricht um die Ecke" gekommen sei. Schließlich habe auch der Verfassungsschutz das Handy nicht erst gestern Nachmittag entdeckt.

Und tatsächlich: Der Verfassungsschutz brauchte rund ein Jahr, ehe er mit dem Handy rausrückte. Im Tresor tauchte es nach eigenen Angaben im NSU-Ausschuss bereits im vergangenen Sommer auf. Spezialisten des Hauses nahmen es zunächst unter die Lupe. Warum es so lange Zeit brauchte, es bei Bundestag und BKA zu melden? Unklar. Was haben die Spezialisten an Informationen gewonnen? Ist nicht bekannt. NSU-Ausschussvorsitzender Clemens Binninger von der CDU nennt die Vorgänge rund um das Handy "sicher kritikwürdig". Das ist noch höflich ausgedrückt. Burkhard Lischka sitzt für die SPD im Parlamentarischen Kontrollgremium, das den Geheimdienst beaufsichtigen soll. Er sagt, das Amt nehme das Gremium "offenbar nicht ernst". Der Vorgang sei ein "Offenbarungseid". Das BfV habe offenbar "aus der Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie beim NSU immer noch nichts gelernt".

Schließlich war der Verfassungsschutz just im vergangenen Sommer, als das Handy auftauchte, besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Der Bundestag beschloss eine Reform der Rahmenbedingungen für V-Mann-Einsätze. Derart enge Verhältnisse, wie sie etwa "Corelli" mit seinem Führer beim Verfassungsschutz gehabt haben soll, soll es künftig nicht mehr geben. Es wird neuerdings rotiert. Was das für Folgen für die Ordnung in den Panzerschränken des Amtes hat, mag man sich nur ungern ausmalen.

Nachtrag: Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat inzwischen zu dem Handy-Fund Stellung genommen. Es teilt mit, "Corelli" habe das Telefon nur in einem kurzen Zeitraum verwendet.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema