Politik

Hofreiters Debüt auf dem Grünen-Parteitag "Macht klingt ein bisschen bäh"

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Der neue Spitzen-Grüne Anton Hofreiter wirkt in seiner neuen Rolle noch etwas nervös.

(Foto: dpa)

Etwas flapsig – so kommt der neue Fraktionschef der Grünen daher. In Berlin hält Anton Hofreiter seine erste Parteitagsrede, seit er zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde. Kein Vergleich zu den Auftritten seines Vorgängers Jürgen Trittin.

Als Anton Hofreiter an das Mikrofon tritt, läuft sein Gesicht rot an. Sein Blick schweift unruhig umher. Es ist sein erster Auftritt als Fraktionschef vor einer Bundesdelegiertenkonferenz, dem Parteitag der Grünen.

Der Tagesordnungspunkt: "Aussprache Ergebnis Bundestagswahl". Hofreiters Analyse zu den Gründen für den enttäuschenden Ausgang: Den einen entscheidenden Fehler habe es nicht gegeben. "Es kamen einfach ein paar Dinge zusammen." Der Kontrast zu seinem Vorgänger Jürgen Trittin könnte kaum größer sein.

Noch am Vorabend verteidigte der einstige Obergrüne mit gewohnt geschliffenem Wort seinen Wahlkampf und den Kurs, den die Grünen unter ihm eingeschlagen haben. Er sagte Sätze wie: "Unser Programm war sehr genau. Es hatte auf jede Frage eine Antwort. Das macht angreifbar, besonders wenn die Gegenseite keinerlei Idee und keinerlei Angriffsfläche bietet."

Dem gebürtigen Münchener Hofreiter gehen derartige Sätze noch selten über die Lippen. Und wenn, dann wirken sie angesichts seines unüberhörbaren bayerischen Dialekts nicht annähernd so gewandt.

Mit Anton Hofreiter, seine Parteikollegen nennen ihn "Toni", kehrt nicht nur ein neuer Mann, sondern auch ein neuer Ton ein in der Grünen-Spitze. Weniger professionell kommt er daher, ein wenig flapsig. Die rund 800 Delegierten, die im Berliner Velodrom zusammengekommen sind, überzeugt er trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb.

Nur ein kurzer Blick zurück

Mit der Bewertung des Wahlkampfes hält sich Hofreiter nicht lange auf. Er sagt, man habe den Wählern einfach nicht glaubhaft die rot-grüne Option verkaufen können. "Da ham' die Leute gelacht", sagt er. Hofreiter fügt hinzu, dass sich die Grünen künftig allen Optionen öffnen müssen: Schwarz-Grün, aber auch Rot-Rot-Grün. Die Partei wird diesen Kurs in einer Abstimmung wenig später bestätigen. Es gehe um Machtoptionen, sagt Hofreiter, obwohl Macht "so ein bisschen bäh", klinge. Hofreiter führt aus, es gehe ihm nicht um Posten und Dienstwagen, sondern darum, die Lebensbedingungen im Sinne der Grünen zu verbessern.

Kurz handelt er noch die Frage ab, warum die Sondierungsgespräche mit der Union trotzdem scheiterten: "Allein aufgrund von Höflichkeit können wir doch keine grüne Regierungsbeteiligung gründen." An wichtigen Punkten habe sich die Union nicht weit genug bewegt. "Bei den entscheidenden Fragen - wird die Atomkraft ersetzt durch Braunkohle und Steinkohle oder durch erneuerbare Energien? - genau bei den entscheidenden Fragen gab es kein einziges substanzielles Angebot", sagt er.

Anstatt das Vergangene noch ausführlicher aufzuarbeiten, wirft Hofreiter einen Blick nach vorn und nutzt seinen Auftritt, um die Eckpfeiler seiner Politik zu skizzieren. Er nennt zwei für ihn entscheidende Punkte: die ökologische Modernisierung und den solidarischen Freiheitsbegriff.

Die Freiheit des Anderen mitdenken

Die Klimakatastrophe bestehe nicht darin, dass man in Bayern ein bisschen länger im Biergarten sitzen kann, weil es ein paar Grad wärmer wird. "Sondern sie führt dazu, dass unsere Ökosysteme instabil werden." Auch vom Artensterben spricht er. "Wie bekommt man eine ökologisch-soziale Transformation unserer Wirtschaft in den Griff – das ist jetzt die zentrale Frage der Grünen."

Und Hofreiter sagt: "Eine moderne Gesellschaft hat einen Freiheitsbegriff, der die Freiheit des Anderen mitdenkt, und damit auch die Freiheit des Schwächsten." Hinzu kämen Fragen der individuellen Freiheit und damit Themen wie der NSA-Spähskandal und die Möglichkeit, sich ungehemmt im Internet zu bewegen.

Nach 15 Minuten  beendet Hofreiter seine Rede. Die Röte ist nicht aus seinem Gesicht gewichen. Beirren lassen hat er sich trotz aller Aufregung nicht. Hofreiters Auftritt war mehr eine Antrittsrede als eine Analyse des Wahlergebnisses, wie es der Tagesordnungspunkt nahegelegt hatte.

Nächster Punkt: Abrechnung mit Cem Özdemir

Die Mehrzahl der anderen Delegierten diskutiert beherzt darüber, ob die Grünen in den vergangenen Monaten "aus der Spur" geraten sind (Winfried Kretschmann) oder "viel zu sehr in der Spur waren" (Katrin Göring-Eckardt). Oder ob "nur einige wenige" Aufmüpfige in der Partei aus der Spur geraten sind (Mehmet Kilic). Und sie diskutieren darüber, ob die grüne Steuerpolitik ein Fehler war oder nur falsch kommuniziert wurde. In einer Abstimmung stimmten die Delegierten dafür, nicht von "Fehlern" zu sprechen.

Der nächste entscheidende Punkt auf der Tagesordnung: Die Abrechnung mit Cem Özdemir. Mit Spannung erwarten die Delegierten, wie viel oder wenig Zustimmung er für seine erneute Kandidatur als Bundesvorsitzender bekommt. Anders als etwa Jürgen Trittin oder auch Claudia Roth hat der trotz des Wahldebakels nicht auf eine erneute Bewerbung um ein Amt an der Parteispitze verzichtet.

Quelle: ntv.de