Politik

Reporter berichtet aus Homs "Menschen aßen die Blätter von Bäumen"

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Frederik Pleitgen berichtet als Berlin-Korrespondent für CNN. Eine Woche pro Monat moderiert er das RTL-Nachtjournal. In Homs bleibt er bis Ende dieser Woche.

(Foto: CNN International, Frederik Pleitgen)

Kurz nachdem die syrischen Rebellen vom Kriegsschauplatz Homs abgezogen sind, reist der Reporter Frederik Pleitgen in die Stadt. Mit n-tv.de spricht er über ausgemergelte Männer und Frauen, monströse Schäden und Optimismus inmitten von Zerstörung.

n-tv.de: Was waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie Homs betraten?

Frederik Pleitgen: Da ist diese monströse Zerstörung in der Altstadt. Man sieht sofort, dass hier schwere Munition im Einsatz war. Viele Gebäude sind in sich zusammengefallen. Was auch heraussticht sind die vielen Menschen. Sie schauen, was aus ihren Häusern geworden ist, sammeln ihre Habseligkeiten ein. Es ist interessant zu sehen, dass in diesem Bezirk, der so lange fast leer gewesen war, plötzlich wieder Leben herrscht.

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Ein Blick durch Pleitgens Kamera - in der Altstadt von Homs.

(Foto: CNN International, Frederik Pleitgen)

Wie viel von Homs ist zerstört?

Homs ist in vielerlei Hinsicht eine geteilte Stadt. Dort, wo die Rebellen waren, liegen die Häuser in Schutt. Aber geht man 500 Meter weiter, sieht es plötzlich so aus, als wäre niemals Krieg gewesen.

Wie ist die Stimmung bei den Menschen, die jetzt nach Homs zurückkehren?

Viele Leute sind ja in dem Moment geflohen, als die Kämpfe ausbrachen. Sie sehen jetzt zum ersten Mal, was aus ihrer Stadt geworden ist. Das macht sie natürlich traurig. Aber sie sind vor allem froh, dass sie jetzt zurück können.

Wer Ihnen auf Twitter folgt, oder Ihre Berichte liest, erfährt auch, dass einige wenige Menschen all die Monate in Homs ausgeharrt haben.

Viele dieser Leute haben schreckliche Not gelitten. Wir haben mit einem Geschwisterpaar gesprochen, das nur überlebt hat, weil es die Blätter von einem Baum auf dem Friedhof gegessen hat. Man stößt auf Menschen, die ausgemergelt sind und Hunger haben. Sie sind vor allem glücklich, dass das Ganze jetzt vorbei ist.

Das klingt fast so, als dominiere in Homs dieser Tage die Euphorie. Dabei tobt der Bürgerkrieg doch noch.

Die Menschen sind optimistisch, ich würde nicht von Euphorie sprechen. Viele Leute sind keine Fans des Regimes. Sie freuen sich, zurück zu sein, aber sie bilden sich nicht ein, dass der Krieg vorbei ist. Am positivsten gestimmt sind die Christen. Die sind Präsident Assad eher freundlich zugeneigt oder können sich zumindest besser mit dem Regime arrangieren. Jetzt können sie endlich in ihre Kirchen zurückkehren.

Ist es denn überhaupt schon wieder sicher in Homs?

Es gibt immer noch Bezirke, in denen gekämpft wird. In einem Bezirk - man muss sich den mit seinen Plattenbauten ein wenig wie  Berlin-Marzahn vorstellen - sitzen noch Rebellen. Und die Regierung lässt sie beschießen. Es gibt noch einige andere Gebiete, auf die Mörserfeuer niedergeht. Aber es ist besser. Es ist nicht mehr so großflächig wie vorher. In der Provinz Homs gibt es noch Kämpfe, aber sie sind abgeebbt. Man muss wissen, wie und wo man sich bewegt.

Es gibt Berichte darüber, dass der Wiederaufbau schon läuft. Ist genug Geld dafür da?

Wir haben ein paar Leute gesehen, die Schutt verladen haben. Wir haben auch ein paar Arbeiter gesehen, die Strom- und Telefonanschlüsse wieder hergestellt haben. Aber größtenteils gibt es in den zerstörten Teilen von Homs keinen Strom und kein Wasser. Natürlich ist kein Geld da, das Ganze wieder aufzubauen. Unter den besten Bedingungen würde es Jahre dauern, all das wieder aufzubauen. Aber in Homs herrscht alles andere als beste Bedingungen. Es gibt zum Beispiel relativ viele Menschen, die jetzt durch die Straßen ziehen und plündern.

Können Sie vor Ort ungehindert recherchieren?

Man braucht natürlich eine Genehmigung der Regierung, dass man überhaupt nach Homs reisen darf, aber es gibt keinen Regierungsmitarbeiter, der einen permanent begleiten würde. Sobald man dort ist, kann man sich frei bewegen. Allerdings haben viele Leute Angst, mit ausländischen Journalisten zu reden. Sie wollen nicht offen Kritik üben.

Als entscheidend für Frieden in Syrien gilt, dass sich die verfeindeten gesellschaftlichen Gruppen wieder annähern. Konnten Sie dafür Signale in Homs erkennen?

Natürlich sind die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Glaubensrichtungen, zwischen den Sunniten und Schiiten, den Alawiten und den Christen viel deutlicher als vorher. Aber ich glaube schon, dass es noch möglich ist. Die meisten Leute sehen sich hier noch immer vor allem als Syrer und erst dann als Zugehörige bestimmter Gruppen. Es gilt aber auch: Mit jedem Tag, der vergeht, zerreißt die Gesellschaft ein Stück mehr. Am Anfang von jeglicher Form der Versöhnung muss erstmal ein Waffenstillstand stehen.

Mit Frederik Pleitgen sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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