Politik

Verbitterung über Trump-Politik Mexikaner schlägt "Krieg" gegen USA vor

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Mexikaner spielen den Einfall Pancho Villas in New Mexico nach - das Bild stammt von 2009.

(Foto: REUTERS)

Mexiko ist Trumps Sündenbock für vieles, was in den USA falsch läuft. Das sorgt für Verbitterung im Nachbarland, die Erinnerungen an den Revolutionär Pancho Villa wach werden lässt – und damit an einen Überfall auf die USA.

Als Mexikaner müsste man sich wohl langsam fragen, wie man diesen lauten Nachbarn noch länger hinnehmen kann. Donald Trump stößt die Menschen im südlichen Nachbarland nicht nur mit seiner Forderung nach einer Mauer vor den Kopf. Dabei ist er Präsident eines Landes, das Millionen Mexikaner bewundern. Wegen seines Rechtsstaates, der Chance auf ein gutes Leben und des typischen American Way of Life. Seit Jahrzehnten saugen viele Mexikaner die US-Kultur auf, schauen Hollywood-Filme, fahren Pickup-Trucks und trinken Coca Cola.

Doch dieser neue Präsident des großen Nachbarn im Norden erwidert die Liebe nicht, im Gegenteil. Er sagt, Mexiko nutze die Vereinigten Staaten aus, schicke bad hombres, Vergewaltiger und Drogendealer über die Grenze. Und selbst die braven Bürger überwiesen massenhaft Geld in die Heimat, das den Nordamerikanern fehle. Dabei halten die illegalen Einwanderer die Gärten sauber, schrubben die Böden oder grillen die Burger, werden ausgebeutet. Teile der US-Wirtschaft profitieren von den rechtlosen und unterbezahlten Billiglöhnern. Man könnte als Mexikaner wütend werden, die Faust ballen und auf den Tisch hauen. Oder gleich den Vereinigten Staaten den Krieg erklären.

Das wäre so abstrus wie es klingt, doch der Gedanke ist zumindest dem einflussreichen Intellektuellen Gilberto Guevara Niebla gekommen, den die "Süddeutsche Zeitung" immerhin als mittelamerikanisches Äquivalent zu einem hiesigen "Altlinken" charakterisiert. In einem Beitrag für die große mexikanische Tageszeitung "El Universal" stellt er diese Überlegung an. Natürlich meint er das nicht ernst, Mexiko ist auch militärisch dem großen Nachbarn hoffnungslos unterlegen. Er stemmt sich eher gegen die Resignation, die er im Lande ob der US-Überlegenheit ausmacht. Er erinnert an Francisco "Pancho" Villa, der 1916 mit ein paar hundert Mann in den USA einfiel und die Kleinstadt Columbus in New Mexico überfiel. Guevara Niebla schwelgt in dem Schrecken, den diese Aktion des mexikanischen Robin Hoods und Revolutionärs der "imperialistischen und arroganten Nation" einjagte.

Als die USA halb Mexiko annektierten

Diesen Ruf hatten die USA spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts erworben, nachdem sie Mexiko rund die Hälfte seines Territoriums abgeknöpft hatten. Nevada, Arizona, Colorado – schon die Namen vieler Bundesstaaten verraten, dass weite Teile des Südwestens der USA einst zu Mexiko gehörten. Im Streit um Texas kam es Mitte des 19. Jahrhunderts zum Krieg zwischen beiden Staaten. Die siegreichen Yanquis demütigten die Mexikaner, indem sie ihnen ihr gesamtes Staatsgebiet bis zum Rio Grande abnahmen und Städte wie Los Angeles und San Francisco zu ihren eigenen machten. Das ist lange her, vergessen haben es viele Mexikaner nicht.

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Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto hat den Trump-Tiraden wenig entgegenzusetzen.

(Foto: dpa)

Der Mut des Volkshelden Pancho Villa imponiert den Mexikanern noch heute. Und lässt manche umso verächtlicher auf die eigene Regierung blicken, die den neuen Unverschämtheiten aus Washington wenig entgegenzusetzen hatte. Per Twitter musste sich Präsident Enrique Peña Nieto von Trump provozieren lassen. Wenn Mexiko nicht für die geplante Mauer zahle, sei es besser, den geplanten Staatsbesuch abzusagen, tönte er. Peña Nieto strich das Treffen umgehend, kurz darauf telefonierte er aber schon wieder mit dem mächtigen Mann im Weißen Haus. Und Trump behauptet derweil, Mexiko behandele die USA nicht mit Respekt.

Dabei bezieht er sich meistens auf das Freihandelsabkommen Nafta, das 1994 beschlossen wurde und Mexiko, die USA und Kanada zu einem großen Markt zusammenfasste. Mexiko baute über die Jahre einen Handelsbilanzüberschuss auf, der Trump nun ein Dorn im Auge ist. Das Abkommen ist jedenfalls nicht allein schuld daran, dass Industriebetriebe in den USA schlossen - die Automatisierung hat daran mindestens ebenso großen Anteil. Zumal die Zahl der Beschäftigten in der US-Autoindustrie seit Jahren wieder anwächst. Auf der anderen Seite der Grenze blieben viele hart arbeitende Mexikaner arm, was viele erst zwang, sich ins gelobte Land im Norden aufzumachen.

USA größter Drogenmarkt

Dass Peña Nieto seinen Washington-Besuch absagte, verschaffte ihm laut "SZ" immerhin einigen Respekt, selbst bei seinen Gegnern. An den Problemen des Landes ändert sich dadurch aber nichts. Gnadenlos zählt Guevara Niebla diese auf: Korruption, Wirtschaftsmisere, "beleidigende Ungleichheit", Kriminalität. Vor allem die Drogen und die damit verbundene Gewalt ruinieren das Land. 20.000 Menschen werden im Jahr ermordet, meist im Zusammenhang mit den mächtigen Kartellen.

Von den USA aus gesehen sind die die Quelle allen Drogen-Übels. In Mexiko hält man dagegen: Die große Nachfrage kommt immer noch aus den USA. Und ohne Nachfrage keine Lieferung. Peinlich war dann aber, dass der größte Drogenboss, genannt "Der Kleine" oder "El Chapo", aus der Haft entfliehen konnte. Als die mexikanische Polizei ihn dann wieder gefasst hatte, hatte man die Lektion gelernt. Diesmal wurde beschlossen, ihn an die USA auszuliefern. Noch so eine Demütigung für Mexiko.

Was hätten die Mexikaner denn nun dem mächtigen Washington entgegenzusetzen? Guevara Niebla fordert eine "feste und kraftvolle Reaktion der Politik". Man könnte ja an das Nationalgefühl der Mexikaner appellieren, überlegt er, eine Massenreaktion provozieren. Hauptsache, nicht resignieren und Demütigungen einfach so hinnehmen. Konkreteres fällt ihm aber auch nicht ein. Das Modell Pancho Villa taugt jedenfalls eher weniger. Nachdem dieser mit seinen Reitern in den USA eingefallen war, schickten diese Soldaten nach Mexiko und rieben seine Truppen auf.

Quelle: ntv.de