Politik
Wie viele Russen hatten auch die serbischen Nachtwölfe Blumen mitgebracht.
Wie viele Russen hatten auch die serbischen Nachtwölfe Blumen mitgebracht.(Foto: dpa)
Samstag, 09. Mai 2015

Höhepunkt der "Siegesfahrt": Mit den Nachtwölfen in Berlin

Von Christoph Herwartz, Berlin

Viele tausend Russen gedenken am Ehrenmal der Roten Armee der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Mit dabei sind auch die Rocker, deren Einreise die Behörden verhindern wollten.

Das sowjetische Ehrenmal ist am Tag des Sieges wahrscheinlich die bestbesuchte Sehenswürdigkeit Berlins. Der Park ist voller Menschen, die meisten von ihnen sprechen miteinander Russisch. Bis zu 10.000 sollen es sein. Unter ihnen, etwas verloren, stehen acht Männer mit Lederwesten. Aufnäher weisen sie als "Ночные Волки" aus, als Mitglieder des Motorradclubs "Nachtwölfe". Einer von ihnen spricht gutes Deutsch. Geduldig spricht er in TV-Kameras und beantwortet alle Fragen, die ihm gestellt werden. "Ist es schwer gewesen, es bis hierhin zu schaffen?", fragt ein Journalist. "In so einer Sache unterwegs zu sein, ist immer einfach und nie schwer", sagt der Rocker. "Für die Leute damals war es schwer."

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Die Nachtwölfe wollen mit ihrer Tour nach Berlin an die Rote Armee erinnern, die im Zweiten Weltkrieg die Nazis zurückdrängte und schließlich, vor 70 Jahren, den Kontinent von ihnen befreite. Soweit, so harmlos. Doch spätestens seit die Gruppe bei der Besetzung der Krim half, ist sie im Westen nicht gern gesehen. Die Rocker richteten damals Kontrollpunkte ein und feierten die Annexion später mit einer Tour und einem Konzert auf der Halbinsel. Die Nachtwölfe sind so etwas wie der motorisierte Arm des Kremls. Ihre Aktionen werden im russischen Fernsehen übertragen, sie lassen Wladimir Putin an ihren Kolonnen teilnehmen, ihr Anführer "Chirurg" Alexander Saldostanow sitzt bei offiziellen Anlässen oft direkt neben dem Präsidenten.

Als die Rocker eine "Siegesfahrt" nach Berlin ankündigten, reagierten die Behörden verschiedener europäischer Staaten. Sie entzogen Visa und hinderten einige der Männer an der Einreise. Dennoch schafften es etwa 30 von ihnen nach Deutschland. Sie besuchten das ehemalige Konzentrationslager Dachau und das deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst. Der Besuch am Ehrenmal für die Gefallenen der Roten Armee soll der Höhepunkt der Reise sein.

Die Linkspartei begrüßt die Nachtwölfe

(Foto: imago/Christian Mang)

Die acht Männer mit den Lederwesten sind eine Vorhut. Sie warten auf die Kollegen und stehen ziellos zwischen den Statuen wie die vielen anderen Menschen hier. Die Leute legen Blumen nieder und fotografieren sich gegenseitig vor den Monumenten. Viele haben sich sichtbar herausgeputzt für diesen Tag, auch die Kinder tragen Kleid und Anzug. Viel ist nicht zu tun. Es gibt keine Bühne, auf der jemand eine Rede halten könnte und auf die sich das Treiben konzentrieren würde. Stattdessen singt in einer Ecke ein kleiner Chor, woanders hat jemand einen Lautsprecher dabei und hält eine Rede. Zwischendurch legen mehrere Botschafter postsowjetischer Staaten Kränze nieder. Auch von der Bundesregierung gibt es einen Kranz und noch viele weitere: vom französischen Botschafter, von Fallschirmjägern der NVA und vom Zentralrat der Juden. Ein Reisebüro verteilt Webezettel und Sankt-Georgs-Bänder, jene Schleifen, mit denen man in Russland seine Solidarität mit der Armee ausdrückt. Die meisten hier tragen sie.

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Das Gedenken vermischt sich mit aktuellen politischen Aussagen. Die Fahne der Sowjetunion ist oft zu sehen und die von Neurussland, jenem Staat, den Separatisten gerne auf dem Gebiet der Ukraine errichten würden. Der Übergang zwischen Erinnerung, Stolz, Patriotismus und Großmachtstreben ist fließend.

Auch einige Abgeordnete der Linkspartei sind gekommen. Sie sind erst etwas scheu, als sie die Rocker erblicken. Alexander Neu und Diether Dehm fassen sich dann aber doch ein Herz, stellen sich neben die Motorradgang und lassen sich fotografieren. Die Rocker kümmert das nicht weiter. Die Abgeordneten wünschen eine gute Rückreise.

Politisch? Unsinn.

Was wollen die Nachtwölfe nun hier? "Erinnern", sagt der, der Deutsch spricht. Er komme aus dem serbischen Teil von Bosnien und könne den Medienrummel um die Motorradtour nicht verstehen. Was ist für ihn der Zweck der Nachtwölfe? "Motorradfahren." War er damals auf der Krim dabei? "Ja." Ist das irgendwie politisch? "Nein. Unsinn." Er dreht sich weg, will das Gespräch beenden. Aber patriotisch sind die Nachtwölfe? "Ja. Sicher." Er zieht sich zurück.

Nun dauert es nicht mehr lang, bis auch die anderen Nachtwölfe kommen. Sie tragen einen kleinen Jungen in Armeeuniform auf ihren Schultern und marschieren durch die Menge. "Hurra, Hurra" ruft einer langgezogen und die Menge stimmt ein. Später skandieren die Rocker "Rossia, Rossia". Das reicht, um ein bisschen Leben in die ziellosen Menschenmassen zu bringen. Die Leute zücken ihre Handys und fotografieren die Nachtwölfe so gut sie können.

Die Rocker ziehen den Hügel hinauf, auf dem die größte Statue des Parks steht: Sie zeigt einen Soldaten mit einem langem Schwert in der rechten Hand und einem Kind auf dem linken Arm. Mit seinen Füßen zertritt er ein Hakenkreuz. Die Menschen bilden ein Spalier für die Nachtwölfe. Die legen ihren Kranz nieder, rufen noch einmal "Hurra, Hurra". Dann sind sie wieder weg. Ob das eine besonders würdige Form des Gedenkens ist, darüber ließe sich streiten. Zu Schaden gekommen ist zumindest niemand.

Quelle: n-tv.de