Politik

UN appellieren an Israel und Libanon Naher Osten fürchtet neuen Krieg

Mideast_Lebanon_Israel_XHM128.jpg1668903961234481263.jpg

Ein UN-Fahrzeug patroulliert im israelisch-libanesischen Grenzgebiet.

(Foto: AP)

Mit Infanterie, Kampfhubschraubern und Artillerie liefern sich Truppen an der israelisch-libanesischen Grenze ein heftiges Feuergefecht. Ein hoher israelischer Offizier, mehrere Soldaten und ein Journalist sterben. Während der UN-Sicherheitsrat, die USA und Deutschland beide Seiten zur Zurückhaltung aufrufen, vermutet Israel einen gezielten Anschlag.

Vier Jahre nach dem Libanonkrieg sind die Spannungen mit Israel erneut auf gefährliche Weise eskaliert. Bei heftigen Kämpfen an der gemeinsamen Grenze wurden drei Libanesen und ein israelischer Reserveoffizier getötet. Ein israelischer Hauptmann erlitt zudem lebensgefährliche Verletzungen, wie die Armee mitteilte. Die stundenlangen Gefechte, bei denen Israel nach Angaben aus Beirut auch Kampfhubschrauber und Artillerie einsetzte, flauten im Tagesverlauf zwar wieder ab. Es waren jedoch die schwersten Kämpfe zwischen den beiden Nachbarländern seit dem Krieg im Sommer 2006. Auf libanesischer Seite starben zwei Soldaten und ein Journalist.

Der Weltsicherheitsrat in New York rief beiden Seiten zu "größtmöglicher Zurückhaltung" auf. Israel und der Libanon sollten Maßnahmen ergreifen, um eine weitere Eskalation zu verhindern, sagte der amtierende Ratsvorsitzende, der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin. "Die Mitglieder des Sicherheitsrats haben beide Seiten aufgefordert, an der UN-Resolution 1701 festzuhalten." Mit der Resolution war der Libanonkrieg 2006 beendet worden. Der Libanon ist derzeit nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrates und hatte die Sitzung einberufen.

CORRECTION_Mideast_Lebanon_Israel_BEI105.jpg1944105765396502564.jpg

Ein libanesischer Soldat beobachtet israelische Grenztruppen.

(Foto: AP)

Auch die Bundesregierung zeigte sich besorgt. Alles müsse getan werden, "um die Bemühungen um Frieden und Ausgleich in der Region nicht zu gefährden", sagte Außenminister Guido Westerwelle. Die USA forderten ebenfalls "maximale Zurückhaltung" von Israel und den Libanon. Die beiden Länder hatten 2006 einen Waffenstillstand vereinbart, befinden sich offiziell jedoch noch im Krieg. EU-Außenministerin Catherine Ashton drückte in einer Erklärung ihre "ernste Sorge" über das Gefecht aus und verlangte eine Untersuchung des Vorfalls.

Stundenlange Gefechte

Die Schusswechsel ereigneten sich in der Nähe des Dorfes Adisseh im Südosten des Libanon. Nach Angaben der libanesischen Armee entbrannte der Konflikt, als israelische Soldaten versuchten, auf libanesischer Seite einen Baum zu entfernen, der ihnen die Sicht versperrte. Die Operation sei mit der UNIFIL Friedenstruppe "voll koordiniert" gewesen, hieß es in israelischen Medienberichten.

Israelische Soldaten sollen in den Landstreifen zwischen dem israelischen Grenzzaun und der sogenannten "blauen Linie" eingedrungen sein, mit der die UNO die offizielle Grenze zum Libanon auf definiert. Gemäß einer Darstellung israelischer Militärs hatten sich libanesische Soldaten der Stelle genähert und die Israelis aufgefordert, sich hinter den Zaun zurückzuziehen. Diese erwiderten, dass sie sich in israelischem Gebiet aufhielten. Dann sollen die Libanesen einen "Warnschuss in die Luft" abgegeben haben, woraufhin die Israelis das Feuer eröffneten.

Hisbollah bietet Libanon Hilfe an

Nach arabischen Medienberichten wollten israelische Soldaten auf libanesischem Territorium Spionagekameras aufstellen. Mit höchster Genehmigung aus Beirut hätten die libanesischen Streitkräfte das Feuer auf die israelischen Soldaten eröffnet. Libanons Präsident Michel Suleiman gratulierte den libanesischen Truppen zu ihrem "mutigen Vorgehen".

Mideast_Israel_Lebanon_JRL112.jpg537012879921865759.jpg

Offiziell befinden sich die beiden Länder noch immer im Krieg.

(Foto: AP)

Auch Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah lobte das Vorgehen der libanesischen Soldaten. "Die Armee hat im Südlibanon einen heldenhaften Kampf gegen den israelischen Feind geführt", sagte der Generalsekretär der islamischen Organisation bei einer Rede zum vierten Jahrestag des Libanonkrieges. Die Kämpfer der Hisbollah stünden bereit, um die Armee des Libanon zu unterstützen.

Zugleich beschuldigte er Israel, für den Mord an dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri verantwortlich zu sein. Hariri war am 14. Februar 2005 in Beirut bei einem Anschlag mit einer Autobombe ums Leben gekommen. Die Untersuchungskommission der UN geht jedoch offenbar davon aus, dass die Hisbollah selbst in den Tod Hariris verwickelt ist. Konkrete Ergebnisse wollen die Ermittler im September vorlegen.

Israel: Angriff von Scharfschützen

Nach Aussage des israelischen Generals Gadi Eizencott hatten libanesische Scharfschützen das Feuer auf israelische Befehlshaber eröffnet, die nahe einer ihrer Stellungen standen. Dabei sei der Bataillonskommandeur Dov Harari getötet und ein weiterer hoher Offizier schwer verletzt worden, sagte Eizencott. Die israelische Armee habe mit Artillerie, Kampfhubschraubern und Panzern das Feuer erwidert, so Eizencott.

2010-08-03T141413Z_01_LBN33_RTRMDNP_3_LEBANON-ISRAEL.JPG1900833161269656407.jpg

Ein UNIFIL-Mitarbeiter am Kampfschauplatz.

(Foto: REUTERS)

Die Reaktion des libanesischen Präsidenten sei Beweis dafür, dass es sich um einen geplanten Hinterhalt der libanesischen Armee gehandelt habe, heißt es auf israelischer Seite.

Nach Augenzeugenberichten dauerten die Kämpfe vier Stunden. Am Nachmittag wurde es demnach in Adisseh wieder ruhig und geflüchtete Bewohner kehrten zurück.

Unbestätigter Raketenbeschuss

Der libanesische Präsident Michel Suleiman verurteilte die israelische Militäraktion als "Verstoß" gegen die zum Ende des Libanon-Kriegs 2006 erlassene UN-Resolution 1701. Der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri warf Israel "Aggression" und "Verletzung der Souveränität des Libanons" vor. Das israelische Außenministerium teilte mit, man sehe den Vorfall als "klaren Verstoß" gegen die UN-Resolution 1701 durch den Libanon. Sprecher bezichtigten die jeweils andere Seite einer absichtlichen "Provokation".

Während die Friedenstruppen der UNO die Fakten prüfen und beide Seiten zu Zurückhaltung aufgerufen haben, laufen in Jerusalem Beratungen zwischen Militärs, dem Außenministerium und anderen Stellen. Sie wollen die Bedeutung dieses "sehr ernsten Zwischenfalles" einschätzen und eine entsprechende Reaktion beschließen. Israelische Sicherheitskräfte dementierten derweil Behauptungen von israelischen Ohrenzeugen aus dem Grenzgebiet, wonach auch Raketen vom Libanon in Israel eingeschlagen seien. Die israelische Bevölkerung wurde aufgerufen, ihr "normales Leben" weiterzuführen.

Der israelische General a.D. Ejal ben Abraham erklärte im Radio, dass der Vorfall "örtlich begrenzt" sei und ohne Folgen, falls es sich tatsächlich um libanesische Soldaten gehandelt habe. Es könne allerdings auch sein, dass es keine Soldaten waren, sondern Palästinenser oder Hisbollah-Kämpfer, die sich als libanesische Soldaten ausgegeben hätten, um die Lage im Nahen Osten nach dem Raketenbeschuss auf Akaba, Eilat und Taba und einem jordanischen Todesopfer am Montag anzuheizen, so der General.

Quelle: n-tv.de, (mit AFP und dpa)