Atomwaffenarsenal wächst rasantChina will die USA atomar abschrecken
Von Markus Lippold
Der letzte Atomwaffen-Abrüstungsvertrag läuft aus. Versuche, ein Folgeabkommen zu vereinbaren, sind bislang gescheitert. Ohnehin fordert US-Präsident Trump, dann auch China einzubeziehen. Peking lehnt das ab, mit Verweis auf das vergleichsweise kleine Arsenal - das so klein nicht mehr ist.
Peking blockt schon mal ab. Man werde "zum jetzigen Zeitpunkt nicht an Verhandlungen über nukleare Abrüstung teilnehmen", heißt es aus dem chinesischen Außenministerium. Anlass der Äußerung ist das Ende des "New Start"-Abkommens zwischen den USA und Russland, dem letzten Atomwaffen-Abrüstungsvertrag zwischen beiden Mächten. Ein neues Abkommen ist noch nicht in Sicht. Immerhin: US-Präsident Donald Trump sprach sich am Abend auf seiner Plattform "Truth Social" für einen neuen Atomwaffenvertrag aus. Es brauche einen "neuen, verbesserten und modernisierten Vertrag".
Zusammen verfügen die Vereinigten Staaten und Russland über fast 90 Prozent der weltweiten Atomwaffen. "Chinas nukleare Fähigkeiten sind von ganz anderer Größenordnung", erklärt dazu der chinesische Außenamtssprecher Lin Jian. Wieso also, suggeriert er damit, sollte man sich an einen Tisch setzen mit Ländern, die ein Vielfaches an nuklearen Sprengköpfen besitzen?
Doch reine Zahlen zeigen nur einen Teil der Wahrheit. Richtig ist: Sowohl die USA als auch Russland verfügten laut dem Institut Sipri Anfang 2025 über jeweils mehr als 5000 Atomsprengköpfe - davon sind jeweils etwa 1700 sofort einsatzbereit, der Rest liegt in Depots. Jeweils mehr als 1000 sind zudem ausgemustert, aber noch nicht demontiert. Dennoch ist die Größe im Vergleich zu den anderen Atommächten gewaltig.
Erstmals Atomwaffen in hoher Alarmbereitschaft
China kann da mit seinen Sprengköpfen nicht mithalten. Was aber auch stimmt: Während der Bestand bei anderen Atommächten stabil bleibt, in den USA und Russland zuletzt sogar sank, baut China sein Arsenal massiv aus. 2022 waren es noch 350, Anfang 2025 zählte Sipri 600 Sprengköpfe. 2023 registrierte das schwedische Institut dabei erstmals zwei Dutzend chinesische Sprengköpfe, die auf Raketen montiert sind und in hoher Alarmbereitschaft gehalten werden.
Der jährliche Zuwachs in China liegt derzeit bei etwa 100 Atomwaffen - und so soll es weitergehen: Das US-Verteidigungsministerium erwartet, dass Peking bis 2030 über mehr als 1000 Atomsprengköpfe verfügt. Das kommt immer noch nicht an die USA und Russland heran, ist aber wesentlich mehr als bei den beiden nachfolgenden Atommächten: Großbritannien und Frankreich besitzen 225 beziehungsweise 290 Atomwaffen.
Wie die beiden europäischen Staaten hatte auch China lange kein Interesse an einem massiven Ausbau des Atomwaffenarsenals. Nachdem das Land in den 1960er Jahren zur Atommacht aufgestiegen war, verfügte es über ein vergleichsweise kleines Arsenal zur Abschreckung. Teil der Strategie war der bereits 1964 erklärte Verzicht auf den Ersteinsatz. Die Waffen sollten ausschließlich als Reaktion auf einen Angriff eingesetzt werden - und nie gegen Länder, die selbst keine Atomwaffen besitzen.
Immer noch defensiv ausgerichtet?
Offiziell hält China an diesen Erklärungen bis heute fest. Doch die Strategie der minimalen Abschreckung ist so nicht mehr haltbar. "Die Steigerungsraten lassen sich mit Pekings eigenem Anspruch nicht mehr in Einklang bringen", sagte dazu Experte Jonas Schneider von der Stiftung Wissenschaft und Politik Ende 2024 der "Süddeutschen Zeitung". Verfügbare Zahlen und chinesisches Handeln würden gegen eine defensive Haltung sprechen.
In den vergangenen Jahren hat das Land nicht nur sein Arsenal enorm vergrößert, sondern auch die dafür nötige Infrastruktur wie Trägersysteme. Mittlerweile kann das Land laut Pentagon Atomwaffen mit unterschiedlichen Reichweiten von Land, Luft und See abfeuern - letzteres durch U-Boote mit ballistischen Raketen. Innerhalb von fünf Jahren hat China zudem mehr als 300 Silos für mit Atomwaffen bestückte Interkontinentalraketen errichtet - die auch die USA oder Europa erreichen können. Ausgiebig präsentiert wurden die interkontinentalen, atomaren Fähigkeiten auf der großen Militärparade im vergangenen September.
Aber warum das Ganze? Sind 200 Atomsprengköpfe nicht Abschreckung genug?
Für Präsident Xi Jinping sind die Atomwaffen auch dazu da, den eigenen Anspruch als Weltmacht zu untermauern. China will auf Augenhöhe mit den USA agieren. Seit seinem Amtsantritt 2013 fährt Xi zudem einen nationalistischen, zunehmend aggressiven Kurs. Zu spüren bekommt das vor allem Taiwan. Xi sieht die Republik China als Teil der Volksrepublik und will sie notfalls mit Gewalt einverleiben. Dazu soll die Volksbefreiungsarmee zu einer "Weltklasse-Armee" werden - um Souveränität und territoriale Integrität zu sichern, wie Xi es formulierte. Nach Ansicht des Pentagons soll die größere Zahl von Atomwaffen die USA abschrecken, in den Konflikt einzugreifen.
Comeback der Atomwaffentests?
Die USA beobachten die atomare Aufrüstung Chinas mit Argwohn. Schon 2024 stellte das US-Verteidigungsministerium fest, dass China bei seinen Atomwaffen auf eine größere Bandbreite und bessere Technologie setze. Peking gehe es vor allem darum, eine größere Zahl an potenziellen Zielen angreifen zu können. US-Präsident Trump setzte noch einen drauf: Innerhalb von fünf Jahren werde das Land mit den USA und Russland gleichziehen, behauptete er im Oktober auf "Truth Social". Im vergangenen Jahr forderte Trump dann Peking zu Abrüstungsgesprächen auf, was bereits damals auf Ablehnung stieß.
Ohnehin ist Trumps Kurs nicht ganz eindeutig: Im Oktober kündigte er überraschend an, die USA würden nach mehr als 30 Jahren wieder ihre Atomwaffentests aufnehmen - was sich als Systemtest, nicht als nukleare Explosion herausstellte. Als ob es dieser Ankündigung zuvorzukommen wollte, baut auch China Berichten zufolge sein Testgelände für Atomwaffen wieder auf.
Für die USA ist es ein Dilemma. Da sich China als enger Partner Russlands präsentiert, sieht sich Washington gleich zwei Atommächten gegenüber - und muss sich strategisch neu ausrichten. Im Ernstfall, so sieht es die US-Strategie vor, sollen gegnerische Atomwaffen ausgeschaltet werden, um einen Gegenschlag zu verhindern. Washington bräuchte demzufolge so viele Sprengköpfe wie Russland und China zusammen. Das erhöht den Druck zur Aufrüstung.
Es ist ein Kreislauf: China lehnt Gespräche über eine atomare Rüstungskontrolle ab, mit Verweis auf die beiden Mächte mit den weitaus größten Arsenalen. Die USA allerdings sehen den Aufstieg Chinas als strategische Gefahr und wollen ihm mit einer Modernisierung und dem Ausbau des eigenen Atomwaffenarsenals begegnen. Dem will China nicht nachstehen, um seine Stellung als Großmacht zu unterstreichen und die eigene Abschreckung zu stärken. "New Start" läuft vorerst ohne Nachfolgeabkommen aus - das atomare Wettrüsten hat aber längst wieder begonnen.