Warnschuss nicht ausgeschlossenDiese Atomwaffen hat Frankreich
Von Kai Stoppel
Die Welt ist im Wandel: Russland bedroht Europas Sicherheit, gleichzeitig scheint die Nato-Treue der USA zu bröckeln. Plötzlich steht Frankreichs Atomstreitmacht als Alternative im Fokus. Doch wie leistungsfähig ist sie?
Angesichts Russlands Aggression gegen die Ukraine rückt in Europa die Abschreckung durch Atomwaffen wieder in den Fokus. Das Problem: Deutschland besitzt keine eigenen Atombomben. Bisher konnte man sich auf die USA als Schutzmacht verlassen - was unter Donald Trump zunehmend fraglich wird. So wandert der Blick plötzlich zum französischen Nachbarn als Alternative.
Frankreich gilt als relativ unabhängige Atommacht. Im Gegensatz etwa zum Vereinigten Königreich, das in Bezug auf seine Trägersysteme und Sprengköpfe weitgehend von den USA abhängig ist. Frankreich bezeichnet sein Atomarsenal zwar als "streng defensiv", behält sich aber bei Bedrohungslagen das Recht eines begrenzten Ersteinsatzes vor. Gleichzeitig setzt Paris auf Abschreckung durch seine Zweitschlagfähigkeit.
Umfang des französischen Atomarsenals
Experten vom Stockholm International Peace Research Institute gehen von 290 französischen Atomsprengköpfen aus, die auf folgende Trägersysteme verteilt sind:
Marschflugkörper, die von Flugzeugen abgefeuert werden können
Ballistische Raketen auf Atom-U-Booten
Frankreich unterhält eine Flotte von etwa 50 Flugzeugen, die nukleare Marschflugkörper tragen können. Sie sind Teil der Strategie, in Gefahrensituationen einen nuklearen "Warnschuss" durchzuführen, wie Staatspräsident Emmanuel Macron 2020 in einer Rede betonte. Damit soll einem Aggressor signalisiert werden, dass er eine Grenze überschritten hat und Frankreichs Entschlossenheit demonstrieren, bei Bedarf weitere nukleare Schläge durchzuführen.
Die Atom-U-Boote bilden das Rückgrat der Atomstreitkräfte Frankreichs, denn sie stellen die sogenannte Zweitschlagfähigkeit sicher. Was das bedeutet: Von den vier U-Booten ist mindestens eines immer auf hoher See unterwegs, wo es vor einem atomaren Erstschlag relativ sicher ist. Im Ernstfall könnte dieses eine U-Boot bei einem atomaren Angriff auf Frankreich eine vernichtende Atombomben-Salve zurückfeuern - was aus Sicht jedes Angreifers ein unkalkulierbares Risiko darstellt.
Im Detail: Frankreichs atomare Luftflotte
Zu Frankreichs atomaren Luftstreitkräften zählen 40 Flugzeuge des Typs Rafale B F3, die auf dem Flugplatz Saint-Dizier im Nordosten Frankreichs stationiert sind, weitere 10 Flugzeuge des Typs Rafale M F3 sind auf dem Flugzeugträger "Charles de Gaulle". Die Träger-Flugzeuge sind laut Experten jedoch nicht ständig nuklear bewaffnet, sollen aber im Ernstfall schnell einsatzbereit gemacht werden können.
Alle Flugzeuge können mit nuklearen Marschflugkörpern des Typs ASMPA ausgestattet werden. Dieser hat einen atomaren Sprengkopf mit einer geschätzten Sprengkraft von etwa 300.000 Tonnen TNT - etwa zwanzigmal so viel wie eine Hiroshima-Bombe. Die ASMPA-Marschflugkörper sollen eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern haben. Hinzu kommt der Einsatzradius der Flugzeuge, der durch Luftbetankung fast unbegrenzt ist.
Atom-U-Boote mit ballistischen Raketen
Frankreichs Atom-U-Boot-Flotte ist in der Bretagne stationiert. Sie besteht aus U-Booten der sogenannten Triomphant-Klasse, die seit 1997 im Dienst sind. Ihre Kernreaktoren ermöglichen lange Einsatzzeiten auf hoher See. Die U-Boote tragen jeweils bis zu 16 ballistische M51-Raketen, die auch unter Wasser abgefeuert werden können. Diese tragen jeweils bis zu sechs nukleare Sprengköpfe.
Wie ein Ernstfall aussähe: Die M51-Raketen starten aus dem U-Boot und fliegen bis in den Weltraum. Dort setzen sie nukleare Sprengköpfe und Täuschkörper aus, um die gegnerische Abwehr zu verwirren. In einer ballistischen Kurve fallen die Sprengköpfe dann wieder zurück Richtung Erde und können unabhängig voneinander verschiedene Ziele ansteuern. Jeder Sprengkopf hat eine Sprengkraft von etwa 100.000 Tonnen TNT.
Die Reichweite der M51-Raketen ist ein Staatsgeheimnis, Experten schätzen sie auf - je nach Modell - mehr als 6000 oder mehr als 9000 Kilometer. Französische U-Boote im Nordatlantik könnten also praktisch jeden Punkt in Russland erreichen, sollte es zu einem nuklearen Erstschlag Moskaus kommen. Und Frankreichs Atomwaffen funktionieren: Die Gefechtsköpfe wurden bei den letzten Atomtests 1996 auf Mururoa erfolgreich gezündet.
Modernisierung in vollem Gange
Die Regierung Macron treibt eine langfristige Modernisierung und Stärkung der französischen Luft- und Seestreitkräfte mit Nuklearwaffen voran. Die ballistischen Raketen sollen auf die neueste Version M51.3 umgerüstet werden, die eine höhere Treffergenauigkeit haben soll. Vier neue U-Boote der SNLE-3G-Klasse sollen ab 2035 in Dienst gestellt werden und die jetzigen ersetzen. SNLE 3G sollen noch schwieriger aufzuspüren sein als ihre Vorgänger.
Frankreich arbeitet auch an einer nuklearen Hyperschallwaffe, der ASN4G. Sie soll durch Tarnkappentechnologie und eine höhere Manövrierbarkeit besser gegen gegnerische Luftabwehr geschützt sein. Ab 2035 soll die ASN4G die bisherigen Marschflugkörper ersetzen. Die Flotte der atomwaffenfähigen Flugzeuge soll zudem um ein weiteres gutes Dutzend Flugzeuge aufgestockt werden.
Macron kündigte im März 2025 zudem die Einrichtung eines zusätzlichen Atomflugplatzes in Luxeuil im Osten Frankreichs an. Ab spätestens 2035 soll dieser als erster Stützpunkt für Frankreichs neue Hyperschall-Atomraketen dienen.