Politik

Was lange währt, wird Präsident Österreich schleppt sich zum großen Finale

Österreich sucht den Bundespräsidenten, und das schon seit fast einem Jahr. Am Sonntag findet ein Wahlkampf voller Pannen und Peinlichkeiten sein Ende - und das Land eine Antwort auf die Frage: Biegt Österreich nach rechts ab?

Am Ende überforderte Alexander van der Bellen mit seiner Heimatliebe sogar die eigenen Anhänger. Zum Finale seiner Wahlkampagne hatte er in eine ehemalige Maschinenfabrik in Wien geladen, die heute als hipper, glasüberdachter Veranstaltungsraum dient. Der Präsidentschaftskandidat kam nicht allein, er brachte prominente Unterstützer mit - und eine Blasmusikkapelle, die zum Abschluss die Bundeshymne spielte. Wie so oft in den letzten Wochen wollte van der Bellen Heimatverbundenheit demonstrieren, wie so oft wirkte es aufgesetzt. Einträchtig sangen der stoffelige Wirtschaftsprofessor und seine Anhänger die erste Strophe, dann verließ die meisten die Textsicherheit. Quälende zwei Strophen lang murmelte der Saal vor sich hin, bevor der Applaus alle Anwesenden erlöste.

Als Erlösung empfinden es die Österreicher allerorten, dass an diesem Sonntag endlich ein neuer Bundespräsident gewählt wird, nach fast einem Jahr Wahlkampf auf sinkendem Niveau. Nur noch 840.000 Zuschauer schauten sich das letzte TV-Duell von Norbert Hofer und Alexander van der Bellen an, im Mai waren es 1,2 Millionen. Wie erschöpfte Schwergewichtsboxer in der 12. Runde suchten die Kandidaten ihr Heil in ziellosen Schwingern - und Tiefschlägen: Hofer brachte van der Bellen allen Ernstes mit Spionage für die Sowjets im Kalten Krieg in Verbindung, zieh seinen Gegner immer wieder der Lüge, bis der die Fassung verlor: "Jetzt reicht's mir langsam."

Es war der letzte von vielen Abnutzungskämpfen, die teils brutal geführt wurden: Hofer musste sich Beleidigungen wegen seiner Gehbehinderung gefallen lassen, die FPÖ streute Gerüchte über angebliche Nazi-Verbindungen von van der Bellens Vater. Das Niveau der Attacken passte sich dem Wahlprozedere an: Erst musste die Stichwahl wegen zu laxer Auszählung wiederholt werden, dann versagte der Kleber der Briefwahlkuverts, also wurde die Wiederholung verschoben. Hochrangige Politiker sahen sich zu der Feststellung genötigt, dass Österreich nun wirklich keine Bananenrepublik sei. Tatsächlich könnte das Land am Sonntag aber das erste EU-Mitglied mit einem rechten Staatsoberhaupt sein.

Das große Fragezeichen hinter dem Trump-Effekt

Die Kamerateams, die wie bei der ersten Stichwahl im Mai aus der ganzen Welt einfliegen und sich auf die Suche machen nach dem Rechtsruck und dem Aufstieg des Populismus in Europa, sie könnten eigentlich die Aufzeichnungen aus dem Frühjahr verwenden: Alles ist gesagt, alle Argumente sind ausgetauscht, schon seit Monaten. Auf der einen Seite steht immer noch Norbert Hofer, ein rechtsnationaler Burschenschafter, auf der anderen Seite Alexander van der Bellen, ein pragmatischer, wirtschaftsliberaler Grüner.

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Bierzeltatmosphäre und Fahnenschwingen: Das ist die Welt von Hofer (r.).

(Foto: picture alliance / dpa)

Ihr Duell hat allerdings mit dem Brexit und der US-Wahl plötzlich an Bedeutung gewonnen – weil sich der Triumphzug des Rechtspopulismus am Sonntag weiter fortsetzen könnte. Nur: Welchen Einfluss der Sieg von Donald Trump hat, wissen auch die klügsten Köpfe im Land nicht. Christoph Hofinger, Chef des renommierten Umfrageinstituts Sora, sagte im Interview mit n-tv.de, dass beide Seiten den Trump-Effekt für sich reklamieren - die FPÖ fühlt sich in ihrem Anti-Establishment-Kurs bestätigt, van der Bellens Kampagne interpretierte die US-Wahl als einen Warnschuss zur rechten Zeit, der genügend Hofer-Gegner in die Wahlkabinen treiben werde.

Die Parallelen zu den USA drängen sich auf: Eine große Mehrheit der Wähler zeigt sich unzufrieden, besonders ältere Männer, die auf dem Land leben. Die "Europinions"-Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung förderte jüngst zutage, dass 55 Prozent der Österreicher die Globalisierung als Bedrohung wahrnehmen, weit mehr als der EU-Durchschnitt. Unter den FPÖ-Wählern sind es sogar 69 Prozent.

Das Establishment wählt van der Bellen

Um die schlechte Stimmung im Land auszunutzen, braucht die FPÖ allerdings kein Lehrvideo aus dem US-Wahlkampf. Sie hat den Rechtspopulismus in Europa miterfunden, seit 30 Jahren attackiert sie das "Establishment", das Alexander van der Bellen repräsentiert, der sich gern mit Granden aus Politik, Kultur und Wirtschaft umgibt. Der Industrielle Hans Peter Haselsteiner finanzierte eine umfassende Anti-Hofer-Kampagne ("Kommt Hofer, kommt Öxit"), Kanzler Christian Kern (SPÖ) joggte in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Van der wählen", zur Abschlussveranstaltung in der schicken Fabrikhalle kam der Künstler André Heller und fabulierte von Schamanen und guten Energien - all das erinnert frappierend an die breite und letztlich nutzlose Unterstützung für Hillary Clinton.

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Gab sich in letzter Zeit sehr heimatverbunden: Van der Bellen

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für die unterlegene US-Kandidatin das Popsternchen Katie Perry war, ist für Alexander van der Bellen Rainhard Fendrich. Der Schnulzenstar und Ex-Herzblatt-Moderator hat sich schon oft für den Grünen ausgesprochen und überließ ihm für den Wahlkampf seinen Hit "I am from Austria", der auch zum Wahlkampfabschluss ertönte. Vor der Bühne hatten sich einige junge Anhänger in T-Shirts mit "Öbama"-Schriftzug geworfen, inklusive van-der-Bellen-Konterfei in der ikonischen "Yes we can"-Optik.

Michael Rauchmann hat es bei einem Button belassen, den er an seinem Pullover trägt. Seit Wochen verteilt der Immobilienverwalter in seiner Freizeit Flyer auf den Straßen Wiens, obwohl er kein Grünes Parteibuch hat. "Ich will einfach nicht, dass wir einen rechtsradikalen Burschenschafter als Kanzler haben", sagt der 49-Jährige, der auch den US-Wahlkampf beobachtet hat und Hofer mit Trump vergleicht. "Vor allem wenn man sich seine aggressive Art in den Debatten anschaut, diese Untergriffigkeit, das ist schon recht ähnlich."

Das Gegenteil von Trump

Zu seinem Wahlkampffinale gab sich Norbert Hofer allerdings ganz präsidial. Statt des FPÖ-üblichen Bierzeltes wählte die Kampagne die prachtvolle Wiener Börse als Ort, ein Weihnachtsbaum stand neben der Bühne, und selbst Scharfmacher und Parteichef Heinz-Christian Strache ließ sich von der besinnlichen Stimmung anstecken. Den Gegner verschonte er und lobte lieber Hofer als "leidenschaftlichen Österreicher und Europäer".

Der so gepriesene gab sich anders als noch im letzten TV-Duell ganz handzahm. "Wir müssen wieder stolz darauf sein, Österreicher zu sein", sagte er. "Wer andere Kulturen respektieren will, der muss auch das eigene Land gern haben." Seine Gegner nehmen ihm solche Töne nicht ab, sie halten ihn für einen Wolf im Schafspelz. Der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader bezeichnete ihn deswegen in der "Süddeutschen" als das Gegenteil von Trump: "Der wurde gewählt, obwohl er im Wahlkampf völlig authentisch der narzisstische Egomane war, der er ist. Hofer aber wird von seinen Anhängern deswegen gewählt, weil er sich nach Kräften bemüht, so zu sein, dass ihn möglichst viele nett finden."

Quelle: ntv.de