Politik

Kann Martin Schulz die EU retten? Rampensau mit Schokoriegel-Jieper

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Um kein Selfie verlegen: Martin Schulz will Ende Mai EU-Kommissionspräsident werden.

Rothenberg

Martin Schulz will Kommissionspräsident der Europäischen Union werden. Das Problem des Deutschen ist: Kaum jemand interessiert sich so richtig für die Wahl. Aber Schulz hat ein Ass im Ärmel - sich selbst.

Plötzlich wird er grantig. "Leute, wat wollter denn?" Martin Schulz schaut mürrisch. Gerade noch hat er beherzt in sein Snickers gebissen. Gefrustet, er? Dass Journalisten auch immer so blöd fragen müssen. Da geht selbst einem wie ihm die Hutschnur hoch. In seiner Agenda ist eigentlich kein Platz für Selbstzweifel. Der Mann aus Würselen tourt zurzeit über den Kontinent. Schulz ist ein guter Verkäufer, aber das Problem ist: Im Gepäck befindet sich kein Staubsauger, dessen Sinn sich leicht erklären ließe. Schulz muss für etwas werben, das die meisten nicht mal verstehen. Sein Produkt heißt Europa.

Ein Freitagmorgen im Mai in Essen-Altendorf: Schulz steigt aus seiner Limousine, schüttelt ein dutzend Hände und grinst in Kameras. "Da seid ihr ja." Der Tross schiebt sich am Ufer des Niederfeldsees entlang. Der See, künstlich angelegt und aus EU-Mitteln finanziert, steht symbolisch für Schulz' Mission. Die Europäische Union kann mehr als Glühlampenverbote, das will er zeigen. Er, der nicht aufgibt. Der an diesem See steht und plötzlich allen Ernstes sagt: "Ihr müsst dat Altendorfer Meer nennen, dann gibt dat Tourismus hier."

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Martin Schulz und Jean-Claude Juncker: Einer von diesen beiden Herrn wird EU-Kommissionspräsident.

(Foto: picture alliance / dpa)

Schulz ist ein Lautsprecher und ganz anders als Jean-Claude Juncker, sein konservativer Gegenspieler. Der Luxemburger ist zurückhaltend und fast etwas bieder. Schulz, der gemeinsamer sozialdemokratischer Spitzenkandidat in allen 28 EU-Staaten ist, will unbedingt Kommissionspräsident werden. Bei Juncker wirkte es so, als sei er zu seiner Kandidatur überredet worden. Dazu scheint es, als versuche die Union ihn zu verstecken. Landesweit zieren Plakate von Kanzlerin Angela Merkel die Straßen, obwohl die gar nicht kandidiert. Das bewährte Rezept zieht: In deutschen Umfragen liegen CDU/CSU bei 39, die SPD nur bei 27 Prozent. Europaweit ist das Rennen ausgeglichener. Bis zur Europawahl am 25. Mai wartet also noch viel Arbeit auf Schulz.

Eine Viertelstunde später sitzt der Deutsche auf einem viel zu kleinen Stuhl an einem viel zu kleinen Tisch beim Essener Verein für Kinder- und Jugendarbeit. Die EU fördert das Projekt, dessen Zukunft ungewiss ist. Die Antragstellung für Fördergelder sei ein Albtraum, sagt ein Mann. Auf das Geld für 2013 warte man immer noch. Da ist es wieder, das Brüsseler Monster. Schulz überbrückt scherzhaft. "Sie kommen aus dem Iran, Sie aus der Türkei und ich aus Würselen", sagt er zwei Mitarbeitern. Alle lachen. Zum Abschied zücken Jugendliche ihr Handy. Schulz grinst sein Honigkuchen-Lächeln und fragt: "Habt ihr jetzt ein Selfie gemacht?"

"Man muss den Leuten in den …"

Der 58-Jährige polarisiert. Er genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Wenn Schulz eins nicht kann, dann sich auf die Zunge beißen. Wer ihm begegnet, der ist dem quirligen Rheinländer mit seiner entwaffnenden Offenheit gnadenlos ausgeliefert. "Jungs, damit ihr Bescheid wisst, ich fahr' jetzt den Bus. Die Fahrkarten bitte", ruft er und betritt den Journalisten-Bus. Verschnaufpause? Nicht mit Martin Schulz. "Ich habe bei Rhenania Würselen gespielt, kennen Sie die?" Und kurz darauf: "Noch jemand einen Schokoriegel?"

Das ist Martin Schulz

  • 1955 in Hehlrath/Eschweiler geboren
  • seit 1974 Mitglied in der SPD
  • 1975-1994 Buchhändlerlehre, Inhaber einer Buchhandlung
  • 1987-1998 Bürgermeister von Würselen
  • seit 1994 Mitglied im Europa-Parlament
  • seit 2012 EU-Parlamentspräsident
  • Hobbys: Bücher und Fußball

Gegen Mittag steht Schulz in Duisburg neben dem Vorstand von ThyssenKrupp. Er spricht von Wertschöpfungsketten und Anschubförderungen. Schulz ist ein Chamäleon. Je nach Publikum wechselt er zwischen Kneipendialog und technokratischem Politikersprech. Im Werk unterhält er sich später mit spanischen Arbeitern. Frau und Kind seien noch in Spanien, erzählt einer. "Warum kommen die nicht nach?" Das sei sehr kompliziert, entgegnet der Spanier. Schulz, der selbst Vater zweier Kinder ist, schaut bedauernd. "Ciao Companeros", sagt er zum Abschied, "Machts gut, Männer" zu den Vorstandsleuten von ThyssenKrupp.

Das Schema der akribisch durchgetakteten Besuche ist gleich und fast roboterhaft: Was bleibt, sind warme Worte und Fotos, die an Fußball-Mannschaftsbilder erinnern. Die Gastgeber erleben den aufgeweckten Schulz. Hinter verschlossen Türen wirkt dieser bisweilen nachdenklich. "Es ist schwer, Wahlkampf zu führen bei zunehmender Europaskepsis. Man muss den Leuten in den …", beginnt er, ohne den Satz zu Ende zu bringen. Auch wenn Schulz das nicht zugibt: Diese Wochen hinterlassen Spuren. "Roboterartig, wirk' ich so?", fragt Schulz. Er sei ein relativ fitter Typ. "Pennen" könne er sitzend, stehend und liegend. Spätestens wenn er eine Halle betrete, gehe der Kreislauf automatisch wieder hoch.

"In Polen ist die Welt noch in Ordnung"

Und dann strahlen Schulz' Augen plötzlich wieder. Seine Kundgebungen seien "proppenvoll". Stolz erzählt er von den 6500 Menschen in Sofia, den 11.000 in Bukarest und den 25.000 in Warschau. "In Warschau war die Hölle los", schwärmt er. "Nationalhymne, Internationale: In Polen ist die Welt noch in Ordnung." Ob volle Veranstaltungen am Ende genügen? Laut Umfragen interessiert sich nur jeder dritte Europäer für die EU-Wahl. Aber Schulz spielt den Optimisten. Man stehe zwei Prozent besser da als die Bundes-SPD. Die Stimmung sei positiver als vor der Europawahl 2009. Damals erhielt die SPD 20,8 Prozent.

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Rheinisch, quirlig, direkt: Martin Schulz.

(Foto: imago/Rüdiger Wölk)

Trotzdem fragt man sich: Warum tut er sich das an? Der junge Schulz will eigentlich Profifußballer werden. Doch der Verteidiger von Rhenania Würselen verletzt sich schwer am Knie. Er macht eine Buchhändler-Lehre, aber der geplatzte Traum macht ihn depressiv und alkoholkrank. Mit 24 Jahren will er sich sogar umbringen. Doch Schulz macht eine Therapie und legt einen steilen Aufstieg hin. 1987 wird er Bürgermeister von Würselen, seit 2004 führt er die sozialdemokratische Fraktion in Brüssel. Vielleicht muss man solche Tiefen erleben, um bekloppt genug zu sein für solch eine Mission.

Aber ist er der Richtige, um die EU zu retten? Und: Geht das überhaupt? Schulz steckt in einem Dilemma. Er ist ein Staubsaugervertreter, der eingestehen muss, dass sein Produkt nicht das beste ist. Die Europäer wollen eher weniger als mehr Brüssel, Europaskepsis ist schwer angesagt. Schulz muss sich von der EU distanzieren und gleichzeitig für sie werben. Das Problem ist: Für viele ist der Sozialdemokrat, der seit 2012 Parlamentspräsident ist, die personifizierte EU. Wie man das am besten verkauft? Bei Schulz klingt das so: "Dieses ganze Anti-Europa-Gerede geht den Leuten auf die Eier, Europa ist nicht nur für Banken, aber wir müssen nicht alles über Brüssel machen." Nichts Halbes und nichts Ganzes. Global denken, lokal handeln sei sinnvoll, findet er, geht aber nicht weiter ins Detail. Bevor Schulz den Bus verlässt, dreht er sich noch einmal um: "Hier sind noch Butterbrote, Jungs!" Er selbst nimmt lieber noch einen Schokoriegel.

Fußball, Würselen und die EU

Die vorletzte Station des Tages ist Dortmund. Als Schulz' Tross die Innenstadt erreicht, ist die Bühne bereitet. Der Oberbürgermeister spricht gerade von "Intregationspolitik", Tausende sitzen in einem offenen Zirkuszelt, auf den Tischen stehen Bierbecher. "Wir haben einen bei uns, der redet nicht nur, der bewegt Europa. Wir sind stolz, dass du Landeskind bist", ruft NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Schulz verneigt sich und geht ans Rednerpult.

Beim letzten Mal, als er hier gewesen sei, habe der BVB 4:1 gegen Real Madrid gewonnen, sagt er, "Martin"-Sprechchöre ertönen. Schulz' hält eine bunte Rede. Es geht um Fußball, um die EU und natürlich darf auch Würselen nicht fehlen. "Das ist die Stadt, in deren Schatten sich Aachen relativ gut entwickelt hat", scherzt er. Später spricht er von den Arbeitslosen in Spanien und Griechenland. Deutschland sei gut durch die Krise gekommen, aber "nur wenn wir diese Schmerzen nachvollziehen und selbst spüren, sind wir in der Lage, die Kraft zu entwickeln, dieses Europa zu ändern. Dieses Europa ist nicht unser Europa", brüllt er.

Am Ende ist es wie bei jedem Besuch. Abschiedsfotos, ein paar Selfies, dann sagt Schulz zerknirscht "Ich muss los" und eilt mit seinem Tross Richtung Bus. 250 Kilometer weiter im Norden warten die Menschen schon. Nach Plan müsste die Rampensau schon in einer halben Stunde in Bremen auf die Bühne treten. Eigentlich eine unmögliche Mission. Aber nicht für einen Martin Schulz.

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Die Wahl der Kommission auf einen Blick. Zum Vergrößern anklicken.

(Foto: Europäisches Parlament)

Quelle: n-tv.de

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