Politik

Chodorkowski und die Mitgefangenen "Recht und Wahrheit gelten nichts" 

Im Prinzip unterscheiden sich russische Gesellschaft und russische Gefängnisse nicht, sagt Michail Chodorkowski. Er zeichnet ein finsteres Bild von Wladimir Putins System - und gibt die Hoffnung dennoch nicht auf.

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Chodorkowski bei der Buchvorstellung in Berlin.

(Foto: dpa)

"In Deutschland gibt es zwei unterschiedliche Ansätze, um mit Russland umzugehen", sagt Michail Chodorkowski. "Ein Teil der deutschen Gesellschaft tut viel, damit das System in Russland ein bisschen menschlicher wird. Doch für andere sind Geschäfte wichtiger als Menschenrechte." Als ehemaliger Unternehmer könne er das nachvollziehen. Als ehemaliger Häftling aber nicht.

Der ehemals reichste Mann Russlands ist nach Berlin gekommen, um sein neues Buch "Meine Mitgefangenen" vorzustellen. Es sind deprimierende Porträts, die den trostlosen, rohen Alltag in russischen Gefängnissen schildern. Sie handeln von Gleichgültigkeit, Schmerz und Gewalt - aber auch vom Aufblitzen von Menschlichkeit und Würde. Der Schauspieler Ulrich Noethen liest mit ruhiger Stimme Auszüge aus dem Buch vor. Und es tut gut, ab und zu durch die geöffneten Fenster in den tiefblauen, abendlichen Sommerhimmel zu schauen.

Chodorkowski spricht leise, zurückhaltend. "Das Gefängnis ist eine Groteske unserer Gesellschaft. Im Prinzip ist es das gleiche - nur greller." Im Gefängnis gebe es im Unterschied zum Leben draußen die Maske schöner Redewendungen nicht. "Die Mächtigen sagen Dir dort offen ins Gesicht, was Du für sie wert bist: nichts." Und die Gefangenen? Sie haben keinen Respekt vor dem System. "Man tut nur das, wozu einen die Mächtigen zwingen." Im Grunde sei das außerhalb der Gefängnismauern nicht anders.

"Jeder Russe weiß, dass er plötzlich eingesperrt werden kann", sagt Chodorkowski. "In Russland heißt es: Vom Gefängnis und von der Armut kannst Du Dich nicht lossagen." Im Alltag werde das ausgeblendet. "Auch für mich war es ein Schock, dass Recht, Gesetz und Wahrheit im Gerichtssaal nichts gelten", so Chodorkowski. "Ich war wohl naiv."

Willkür und allgegenwärtige Korruption

Es ist ein entmutigendes Bild, das Chodorkowski von Russland zeichnet. "Die Korruption ist die tragende Säule des Systems", sagt er. "Auch in der Außenpolitik. Wladimir Putin beweist dort regelmäßig, was für ein wirksames Instrument sie ist."

Und wird sich das jemals ändern? Nur in einer ökonomischen Krise, meint Chodorkowski. Doch die sei in Russland unausweichlich. Der Staat werde deshalb irgendwann zusammenbrechen. "Ob das in zwei Jahren passiert oder in zehn Jahren, weiß ich nicht." Dann werde sich entscheiden, ob aus Russland ein Rechtsstaat werde – oder es sich für den Faschismus entscheide. "Der Ausweg ist in uns. Wir müssen handeln und dürfen nicht auf Rettung von außen warten."

Und trotz der düsteren Prognose lächelt Chodorkowski plötzlich. "Russland hat eine mehr als tausendjährige Geschichte. Wir haben immer im allerletzten Moment noch einen Ausweg gefunden."

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Quelle: ntv.de

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