Politik

Tausende strömen in die Parteien Schotten haben auf einmal Lust auf Politik

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Bleibt trotz Niederlage nicht ohne Folgen: Die Kampagne für ein unabhängiges Schottland.

(Foto: REUTERS)

Trotz gescheiterten Referendums zieht eine Welle der Politikbegeisterung durch Schottland. Die Parteien, die das Land abspalten wollten, verdoppeln ihre Mitgliederzahlen.

Sie sei gerade einmal acht Jahre alt gewesen, als Alex Salmond, jetzt schottischer Regierungschef, zum ersten Mal Chef der Scottish National Party (SNP) wurde. Salmond sei eine "dominante Figur" ihrer Jugend gewesen. Das sagt keine Anhängerin der SNP, sondern Ruth Davidson, Chefin der Konservativen in Schottland und damit eine der Gegenspielerinnen von Salmond.

Der Regierungschef hatte es in seiner Rede selbst gar nicht erwähnt, aber seine erste Rede vor dem Parlament nach dem gescheiterten Referendum ist wohl auch eine seiner letzten. Nachdem er damit gescheitert ist, Schottland in die Unabhängigkeit zu führen, wird er sein Amt abgeben. Salmond und Schottland haben eine lange Geschichte miteinander. Die absolute Mehrheit der SNP ist sein Werk, die furiose Kampagne für die Unabhängigkeit wäre ohne ihn nicht vorstellbar gewesen. Nun scheint es so, als habe sein Referendum das ganze Land politisiert.

Verantwortungsvolle Jugendliche

Redner aller Parteien wussten Salmonds Leistung zu würdigen, als das Parlament zum ersten Mal seit Wochen wieder zusammentrat. Auch die Konservative Ruth Davidson, die so leidenschaftlich wie kaum jemand sonst für einen Verbleib im Vereinigten Königreich gekämpft hatte,  schwärmte davon, was die "Yes"- und die "No"-Kampagne erreicht hatten: Viele junge Leute hätten sich zum ersten Mal für Politik interessiert, sich engagiert und eingemischt. Dies sei auch das Werk des scheidenden Regierungschefs. Diese Menschen würden "die nächste Generation an Abgeordneten und Ministern" bilden.

Die Chefin der sozialdemokratischen Labour-Partei berichtete, wie bewegend sie es fand, mit ihrem 17-jährigen Sohn zur Wahl zu gehen. Auch Minderjährige durften abstimmen, was nun parteiübergreifend als gute Entscheidung gewertet wird. Die 16- und 17-Jährigen hätten sich verantwortungsvoll mit den komplizierten Fragen befasst, sagte etwa Alex Salmond.

Nicht zurück zu Tee und Müsli

Die Politisierung der Schotten lässt sich auch belegen: Seit Tagen twittern die Parteivorsitzenden Nachrichten von neuen Mitgliedschaften. Die SNP verdoppelte fast die Zahl ihrer Mitglieder auf über 50.000 und ist nun die drittgrößte Partei des Vereinigten Königreichs – obwohl sie in der Londoner Politik keine Rolle spielt und kaum Anhänger außerhalb Schottlands haben dürfte. Die schottischen Grünen haben nun sogar mehr als doppelt so viele Mitglieder: Vor dem Referendum hatten sie unter 2000, nun über 5000.

Das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands hatte eine Wahlbeteiligung von 85 Prozent. In beiden Kampagnen engagierten sich Tausende Schotten für beziehungsweise gegen die Abspaltung. Bei der letzten Wahl zum schottischen Parlament 2011 hatte die Wahlbeteiligung nur ganz knapp über 50 Prozent gelegen. Bislang hatte diese Versammlung allerdings auch nur sehr begrenze Rechte. Nun soll eine ganze Reihe an Kompetenzen von London nach Edinburgh verlagert werden.

Die Parteien sind nicht die einzigen Vereinigungen, die von der politisierten Stimmung profitieren wollen. So plant die feministische Gruppe "Women for Independence" ein Treffen, bei dem es um eine bessere Beteiligung von Frauen in der Politik gehen soll. Die Gruppe hatte sich gegründet, weil sich Frauen von der Politik zu wenig angesprochen fühlten. Der Zuspruch war enorm und soll nun weiter genutzt werden. "Die 'Women for Independence' werden nicht verschwinden um Tee zu trinken und Müsli zu essen", schrieb die Politikerin Carolyn Leckie in einer Zeitung. "Wir sind zuversichtlich, kompetent und organisiert. ... Wir sind da. Und wir werden bleiben."

Quelle: ntv.de

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