Politik

Holocaust-Opfer erinnern an den Alptraum "Sie schossen Menschen wie Enten ab"

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Jacek Zieliniewicz besucht Auschwitz. Er überlebte das Vernichtungslager Birkenau.

(Foto: Jens Twiehaus)

Industrielle Tötung - ein hässlicher Begriff, aber genau das war der Holocaust. Heute vor 69 Jahren endete der Alptraum von Auschwitz. Zwei der wenigen Überlebenden erzählen.

Jacek Zieliniewicz ist häufig zurückgekehrt, aber als er neben den Trümmern eines ehemaligen Krematoriums von Auschwitz-Birkenau steht, mag er nicht mehr reden. Ob er immer geglaubt habe, die Hölle dieses Konzentrationslagers zu überleben - das ist die Frage und der sonst sehr redegewandte Jacek antwortet nur mit einem knappen, leisen "Ja". Und geht leicht gebeugt mit schnellen Schritten weiter den vereisten Weg entlang, der einst von Häftlingen angelegt wurde.

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Auf der sogenannten „Judenrampe“ wurden Häftlinge aus den Zügen geladen, viele mussten direkt in die Gaskammer.

(Foto: Jens Twiehaus)

Jacek war einer von ihnen, ein dem Tode Geweihter. Einer von wenigen, der den Horror lebend und mit wenigen gesundheitlichen Schäden überstand. Der heute 87 Jahre alte Mann aus der Stadt Bydgoszcz am Fluss Weichsel erlebte das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das heute das mächtigste Symbol ist für die Massentötung von etwa sechs Millionen Juden sowie politischen Gefangenen, Behinderten, Homosexuellen sowie Sinti und Roma. An sie erinnert der heutige Holocaustgedenktag, der zugleich der 69. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Sowjets ist.

Eine Begegnung mit Jacek zeigt auch heute noch: Wer den Wahnsinn dieses Ortes erfahren will, entdeckt von Zeit zu Zeit das Schweigen als die beste Sprache. Zum Beispiel, wenn man wie Jacek an diesem ungemütlichen Januartag am Krematorium steht, jenem Ort, an dem täglich Hunderte Menschen vergast und verbrannt wurden. Aber Jacek schweigt nicht immer, zum Glück. Er fährt stundenlang mit dem Zug durch Polen oder nach Deutschland, um jungen Menschen seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte, wie er wie durch ein Wunder in Auschwitz überlebte und schließlich in Dautmergen landete, einem nicht minder schaurigen Lager in Baden-Württemberg, wo er schließlich 1945 frei kam.

Nebenan brannten die Leichen

Reden über den Holocaust ist heute Jaceks Beruf - und er hat klare Botschaften. "Es gibt keinen Hass in meiner Familie und das ist auch mein Sieg." Dies ist so ein Jacek-Satz, der eigentlich keiner weiteren Erklärung bedarf und dennoch ein Wahnsinn ist. Jacek, der Freunde sterben sah, Jahre der Erniedrigung erfuhr und den Geruch von brennenden Leichen ertragen musste, ist heute als Botschafter des Friedens unterwegs. Noch präziser: als Botschafter für die Freundschaft.

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Kilometerweise Stacheldraht machten eine Flucht fast unmöglich.

(Foto: Jens Twiehaus)

Es war der 20. August 1943, als die Nazis in Jaceks Heimat einfielen und ihn sowie 140 andere Bewohner mitnahmen. Sie alle wussten nicht, was der Grund ihrer Verhaftung ist. "Wir haben auch nicht gefragt", sagt Jacek. Zwei Tage später kam der Zug in Auschwitz an. Alles musste der jugendliche Pole abgeben, nur den Gürtel und seine Schuhe durfte er behalten. Die Männer von der SS gaben ihm den "Zebra-Anzug", wie Jacek heute sagt, also gestreifte Häftlingskleidung. Im Sommer war der dünne Stoff erträglich, im Winter bot er keinerlei Schutz gegen die Kälte.

Wer eine Ahnung haben will, wie sich die Temperaturen damals angefühlt haben müssen, sollte in diesen Tagen nach Auschwitz kommen. Der Winter ist eingebrochen über Südpolen. Es schneit immer wieder, der Wind pfeift bei eisigen -12 Grad über das menschenleere Gelände. Die kleine Gruppe, die mit Jacek über das Gelände geht, ist nach wenigen Minuten komplett durchgefroren - trotz Mütze, zwei Paar Socken und Handschuhen. Diese Bedingungen waren auch das Härteste für den jungen Häftling Jacek, wie er berichtet. "Wir waren alle hungrig, aber das Schlimmste für mich … mir war so kalt, den ganzen Tag draußen, bei Schnee oder Regen." Hinzu kam die Entkräftung, es gab kaum zu essen und der Arbeitstag der Inhaftierten begann mit einem Appell um 4 Uhr früh.

Hunger, Dreck und permanenter Psychoterror

Todesfabrik Auschwitz

Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Chelmno, Belzec waren die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Im Konzentrationslagern Auschwitz I und dem benachbarten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau starben während des Zweiten Weltkriegs 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen. Die genaue Totenzahl wird nie festgestellt werden, weil Papiere von einigen Deportationen fehlen. Auch der Verbleib der meisten Toten ist unklar, sie wurden in der Regel verbrannt. Die Asche landete in umliegenden Flüssen.

90 Prozent der Getöteten waren Juden aus ganz Europa sowie der damaligen Sowjetunion. Viele wurden nach tagelanger Reise mit Zügen direkt in die Gaskammern getrieben. In Birkenau waren die Anlagen auf 8000 Tötungen pro Tag ausgelegt. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager von Soldaten der Sowjetunion befreit.

Wie er das überlebte, wollen Gesprächspartner immer wieder von ihm wissen. Er antwortet: "Ich hatte einen guten Kommandeur, einige Freunde im Lager und meist eine Arbeit unter dem Dach. Außerdem war ich 17 Jahre alt und gesund." Trotzdem ist unbegreiflich, wie stark dieser Mann noch heute ist, mit welcher Würde er über das verschneite Gelände des früheren KZ schreitet, trotz der unvorstellbaren Lebensbedingungen in der Todesfabrik Auschwitz und dem permanenten Psychoterror. Jacek erinnert sich an den Satz eines SS-Manns: "Euer Weg in die Freiheit führt durch den Krematoriums-Kamin."

Doch auch außerhalb der KZ litten unzählige Juden und all die anderen, die nicht in die idiotische Ideologie der Nationalsozialisten passten. Der heutige Montag soll auch ein Tag für sie sein. Krystyna Budnicka war eine von ihnen. Sie blieb vom KZ verschont, erlebte aber einen schier unendlichen Alptraum im Warschauer Ghetto. Auch sie ist nach Auschwitz gekommen, um an der Gedenkfeier teilzunehmen. Erstmals ist die Hälfte des israelischen Parlaments Knesset vertreten und die mehr als 60 Politiker bringen 24 Holocaust-Überlebende aus Israel mit.

"Wir müssen davon erzählen"

Krystyna ist heute eine fröhliche alte Dame, höflich und stets zu Scherzen aufgelegt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war sie erst sieben Jahre alt. Krystyna ist die jüngste Tochter einer jüdischen Tischler-Familie. Als die Nazis Warschau einnahmen, wurde aus ihrem jüdischen Viertel das berühmte Warschauer Ghetto. Die Lebenssituation verschlechterte sich kontinuierlich. Schließlich bauten ihre Brüder und der Vater einen Bunker unter dem Keller, er diente als sicheres Versteck bis die Nazis Teile des Ghettos niederbrannten und selbst die Wände des unterirdischen Bunkers heiß wurden wie im Backofen.

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Krystyna Budnicka überlebte das Warschauer Ghetto, sie verlor ihre Eltern und alle sieben Geschwister.

(Foto: Jens Twiehaus)

Mehrfach müssen sich die Bunker-Bewohner in die Kanalisation zurückziehen. Es ist nicht mit Sprache zu beschreiben, wie es dort unten in der kalten und stinkenden Röhre aussah. "Unter unseren Füßen sind Ratten gelaufen und Leichen vorbei geschwommen", erzählt Krystyna. Soldaten spielten an den Kanaldeckeln über der Erde ein mörderisches Spiel. "Sie schossen Menschen wie Enten ab." Eines Tages, als die inzwischen durch Krankheit und Festnahmen dezimierte Familie flüchten will, muss Krystyna ihre Eltern zurücklassen. Dort unten im Kanal sah das Mädchen die Mutter und den Vater das letzte Mal lebend.

Nonnen retteten sie schließlich zusammen mit einer Gruppe Waisenkinder, Krystyna holte die Schule nach und wurde selbst Lehrerin. Bis 1992 berichtete sie kaum etwas über ihre Geschichte, doch dann schloss sie sich einer Überlebenden-Organisation an. "Damals waren wir Kinder und jetzt sind wir ältere Menschen. Wir müssen davon erzählen", sagt Krystyna. Auch sie ist eine Kämpferin gegen das Vergessen. "Wenn ich jetzt über meine Familie spreche, setze ich ihr ein Denkmal." Krystyna verlor nicht nur ihre Eltern, sondern auch sechs Brüder und eine Schwester.

Krystyna hat ihren inneren Frieden gefunden, aber was denkt Jacek heute über Deutschland, über die Deutschen? Seine Antwort auf diese offensichtliche Frage ist so einfach wie unglaublich. "Wenn ich nach Deutschland fahre, habe ich keine Angst mehr. Ich fahre zu Freunden." Das war nicht immer so, berichtet er: "Wir haben viel Hass auf die Deutschen gehabt. Wir haben im Lager oft gesagt, was wir mit den Deutschen machen würden, wenn wir frei wären. Später haben wir keinen Hass mehr gehabt, nur noch Verachtung." Das habe sich 1995 geändert, da fuhr er erstmals nach Deutschland und traf auf ganz normale Leute. Sie festigten seine innere Überzeugung: Es gibt in jeder Nation gute und schlechte Menschen.

Den Nachkriegskindern mag er nichts vorwerfen, er ermahnt sie nur, die Erinnerung zu bewahren. "Ihr seid nicht verantwortlich für die Vergangenheit, aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft." Es ist dieser großherzige und kluge Satz aus dem Munde eines Holocaust-Zeugen, der Jacek am Ende zu einem Sieger macht. Er ist heute kein Opfer mehr. Jacek und viele andere sind jetzt stärker als alle Täter von damals zusammen.

Quelle: ntv.de

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