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Keine Chance für Akreem? So schwer ist die Jobsuche für Flüchtlinge

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2016 kamen mehr als 4000 Flüchtlinge zur ersten Jobmesse im Berliner Estrel-Hotel. Dieses Jahr haben die Veranstalter mit 4500 Teilnehmern gerechnet.

(Foto: picture alliance / Michael Kappe)

Die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt wird dauern. Louai Akreem ist seit 20 Jahren Automechaniker. Wer glaubt, mit dieser Berufserfahrung müsste der Syrer in Deutschland mit Leichtigkeit einen Job finden, irrt sich.

Ölablassschraube? Louai Akreem hat dieses Wort noch nie gehört. Das ist ein Problem. Die freundliche Mitarbeiterin am Stand von KFZ-Teile24 erklärt dem 38-Jährigen, dass er so "keine Chance" habe, eine Stelle zu bekommen – leider nicht einmal einen Ausbildungsplatz.

Ein erster Rückschlag für Akreem, der auf der Jobbörse für Flüchtlinge in Berlin eine Stelle sucht. Aufgeben will er aber noch nicht. Akreem greift nach dem Prospekt, das vor ihm auf dem Tresen liegt. Er blättert hin und her, er sieht die Fotos der verschiedenen Autoteile. "Ich kann das", versichert er. "Wirklich."

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"Der Anfang ist immer schwer, aber ich kann es schaffen", sagt Louai Akreem.

Akreem kommt aus Syrien. Bevor der Bürgerkrieg ausbrach und er zum Flüchtling wurde, sammelte er fast 20 Jahre Berufserfahrung als Automechaniker. Schon sein Vater beherrschte das Handwerk. Natürlich weiß Akreem eigentlich auch, was eine Ölablassschraube ist. Nach zweieinhalb Jahren in der Bundesrepublik ist sein Wortschatz aber noch nicht groß genug, um Fachbegriffe auf Deutsch parat zu haben.

Die Mitarbeiterin sagt: Sprachniveau B1 reiche nicht. C1 müsse es schon sein, schließlich gehe es auch um den Kundenkontakt.

Die Frau berichtet dann von einem 23 Jahre alten Syrer, mit dem es das Unternehmen kürzlich trotzdem probiert hat. Der sei schon während des Praktikums vor der Ausbildung ausgestiegen. Zu schwer. Akreem legt den Prospekt zurück. "Keine Chance", wiederholt er. "Ich bin sehr enttäuscht."

Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, hat es schwer, einen passenden Job zu finden – egal, wie gut die Ausbildung in der Heimat war.

Ein zertifikatefixiertes Land

In einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit heißt es: Während die Zahl der Arbeitslosen und der Hartz-IV-Bezieher unter den Flüchtlingen "merklich" steige, wachse die Zahl der Flüchtlinge mit regulärem Job nur "moderat". Von den mehr als einer Million Flüchtlingen, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind, haben bisher nur ungefähr 120.000 einen festen Job gefunden.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Meist liegt es an mangelnden Sprachkenntnissen, oft aber auch an fehlenden Papieren. Kompliziert kann es auch sein, eine Ausbildung aus einem Land wie Syrien oder dem Irak in Deutschland anerkennen zu lassen. "Wir sind ein sehr zertifikatefixiertes Land", sagt Rainmund Becker, Vorstand der Bundesagentur. "Es gibt doch kaum Menschen, die hier mit einem IHK-Zertifikat aus Aleppo ankommen."

Eineinhalb Jahre nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise ist klar: Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt wird Jahre dauern. Becker rechnet damit, dass ungefähr die Hälfte der Menschen nach fünf Jahren eine reguläre Stelle gefunden haben dürfte, 70 Prozent nach 15 Jahren.

Maßnahmen wie die Berliner Jobbörse sollen dabei helfen, dass es zumindest für einige der Flüchtlinge schneller geht. 4500 Personen, die ihre Heimat verlassen haben, dürfen an der Veranstaltung im Hotel Estrel im Bezirk Neukölln teilnehmen. Die meisten von ihnen haben bereits einen festen Aufenthaltsstatus und gewisse Sprachkenntnisse. Ihnen stehen rund 200 Unternehmen und Beratungsstellen an einem Ort zur Verfügung.

Viele Flüchtlinge landen in Aushilfsjobs

Mahmud Shrem hat die Messe bereits einen Schritt vorangebracht. Er schleppt nicht nur eine Tüte voll mit Prospekten durch die Gänge, sondern wirkt auch ausgesprochen zufrieden. Der 45 Jahre alte Syrer sagt: "Ich hab' nächste Woche drei Vorstellungsgespräche." Shrem ist Fliesenleger. Er hat sich aber auch bei einer Sicherheitsfirma beworben. Im Alter werde das ständige Bücken und Knien schließlich nicht leichter, sagt er.

"Keine Probleme", sagt auch Hassan Kayed. Der 51 Jahre alte gebürtige Palästinenser, der mittlerweile einen deutschen Pass hat, sucht Arbeit in der Gastronomie. "Eine Ausbildung kann ich mir mit meinem fünf Kindern sowieso nicht leisten", sagt er. Wie schwer die Jobsuche ist, hängt auch von den Ansprüchen der Bewerber ab.

Eine Tendenz zeichnet sich ab: Viele der Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind und Arbeit gefunden haben, übernehmen Aushilfsjobs – oft in Branchen, die nichts mit dem zu tun haben, was sie früher einmal getan haben. Viele von ihnen sind damit auch völlig zufrieden. Oft sind die Arbeitsbedingungen schließlich besser als in ihrer alten Heimat. Nur wie lange bleibt diese Zufriedenheit beim Blick auf den Rest der Gesellschaft? Und kann die Vermittlung irgendeines Jobs wirklich das Ziel sein? Davon, dass das Potenzial der Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, ausgeschöpft wäre, kann dann zumindest nicht die Rede sein.

"Ich kann es schaffen"

Akreem bleibt dran. Und zumindest einen kleinen Schritt kommt er voran. Die Mitarbeiterin des KFZ-Unternehmens empfiehlt ihm, sich zunächst auf eine Stelle in der Logistik des Unternehmens zu bewerben, um beim Verpacken von Autoteilen seinen Wortschatz auszubauen. Dafür ist er zwar eigentlich überqualifiziert, aber es ist zumindest eine Option für die Übergangszeit.

Die Hoffnung, schneller wieder den Job zu machen, den schon sein Vater machte, will Akreem aber noch nicht fahren lassen. "Der Anfang ist immer schwer, aber ich kann es schaffen", sagt er. Akreem geht beim Stand der Bundesagentur vorbei und holt sich Informationen über fachbezogene Sprachkurse und Qualifizierungsmaßnahmen, durch die seine Ausbildung vielleicht anerkannt werden könnte. Auch beim Stand des IQ-Netzwerks informiert er sich. Dort gibt es Tipps, wie man solche Maßnahmen finanzieren lassen kann, wenn das Jobcenter die Kosten nicht übernimmt. Es gibt Stipendien und Fonds, die aus EU- und Bundesmitteln gespeist werden.

Insbesondere für die Sprachkurse gilt aber: Das Angebot ist begrenzt. Auf die große Zahl an Flüchtlingen, die vor allem 2015 kamen, war Deutschland nicht vorbereitet. Wer es schaffen will, muss hochmotiviert sein.

Für Klaus-Günter Lichtfuß von der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft (Behala) ist das genau der Grund, warum er nun hier steht und vor seinem Stand wartet. Dieses Jahr sucht er erstmals auf der Jobmesse für Flüchtlinge nach Auszubildenden.

Zuletzt sei auf herkömmlichen Wege kaum eine Handvoll geeigneter Bewerber für die Ausbildung zum Hafenlogistiker zusammengekommen, klagt Lichtfuß. Irgendwann habe er das Gefühl gehabt, dass nur noch Leute kommen, die vom Amt geschickt wurden. Lichtfuß bekommt den Fachkräftemangel voll zu spüren – und testet deshalb jetzt das Potenzial von Flüchtlingen.

"Die Motivation ist da", sagt er. "Die Leute, die hier sind, haben sich mit den Ausstellern beschäftigt und wissen, worum es geht." Für jeden Besucher seines Standes macht Lichtfuß einen Strich auf den Zettel. Schon kurz nach der Eröffnung der Jobbörse ist das erste Dutzend voll. Angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahre ist er trotz aller Sprachbarrieren optimistisch. Vorsichtig optimistisch: "Mal gucken, wie viele zum Bewerbungsgespräch kommen."

Quelle: ntv.de

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