Politik

Zehntausende in Berlin Steinmeier ruft zu Einreißen von Mauern auf

Am Brandenburger Tor feiern Zehntausende das Jubiläum des Mauerfalls vor 30 Jahren. Aus diesem Anlass blickt Bundespräsident Steinmeier im Gespräch mit RTL/n-tv zurück, aber denkt auch an die Zukunft des Landes.

Zehntausende Menschen haben sich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am Brandenburger Tor versammelt. Trotz grauen Himmels und eher ungemütlichen Wetters drängten sich die Besucher um die Bühne, die direkt neben dem Brandenburger Tor aufgebaut worden war. Die Zahl der Gäste war nach Veranstalterangaben aus Sicherheitsgründen auf 100.000 beschränkt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete im exklusiven Interview mit der RTL/n-tv Redaktion den 9. November 1989 als "eine Sternstunde in der an Sternstunden nicht reichen deutschen Demokratiegeschichte." Es sei ein Tag, den er nie vergessen werde. Obwohl sich das Ereignis angebahnt habe, man bereits gespürt habe, dass sich eine Dynamik entwickelte, die kaum noch einzufangen war, sei der 9. November "das Unerwartete" gewesen. Steinmeier erinnert einmal mehr an den Mut der Demonstranten, die im Oktober 1989 die Entwicklung der DDR beeinflussten: "Wir dürfen überhaupt nicht unterschätzen, welches Risiko die Menschen damals eingegangen sind."

Zudem blickt der Bundespräsident auch in die Zukunft: "Ich wünschte mir so sehr, dass wir etwas von dieser Euphorie, von dieser Zuversicht, von diesem Selbstbewusstsein der Tage im November 1989 hinüberretten in unsere Zeit", so Steinmeier gegenüber der RTL/n-tv Redaktion. Für ihn sei es wichtig, die Geschichten von damals, egal ob aus Ost- oder Westperspektive, immer wieder zu erzählen: "Das kann helfen, die innere Einheit auch tatsächlich zu empfinden, die wir ökonomisch mehr oder weniger erreicht haben."

"Menschen wollen ernst genommen werden"

Aus der Erinnerung an seine Zeit als Politiker in Brandenburg, in der er in einer schwierigen Übergangsphase viele Menschen im Osten kennengelernt habe, nehme er bis heute ganz viel mit: "Ich habe in Ostdeutschland immer eine gewisse Geduld und auch eine Erwartung gespürt, was das Erklären von politischen Entscheidungen angeht." Steinmeier habe gelernt: "Menschen wollen schlicht und einfach ernst genommen werden und, dass sie Präsenz auch von Politikern brauchen." Deshalb setze er aufs "Hingehen", auch raus aufs Land, denn "nichts erklärt sich einfach von selbst."

Während seiner Rede am Brandenburger Tor appellierte er an die Deutschen, seit 1989 neu entstandene Mauern in der Gesellschaft wieder einzureißen." Die große Mauer, dieses unmenschliche Bauwerk, das so viele Opfer gefordert hat, steht nicht mehr. Diese Mauer ist weg, ein für alle Mal", sagte er. "Aber quer durch unser Land sind neue Mauern entstanden, Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass, Mauern der Sprachlosigkeit und der Entfremdung. Mauern, die unsichtbar sind, aber trotzdem spalten. Mauern, die unserem Zusammenhalt im Wege stehen."

Die Berliner Mauer habe das DDR-Unrechtsregime mit dem SED-Chef und Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht an der Spitze errichtet. "Aber die neuen Mauern in unserem Land, die haben wir selbst gebaut. Und nur wir selber können sie einreißen", sagte Steinmeier. "Also schauen wir nicht zu, klagen wir nicht drüber: Reißen wir diese Mauern endlich ein!" Jeder Mensch im Land könne dafür etwas tun, sagte der Bundespräsident. Zusammenhalt könne man nicht von oben verordnen.

Bühnenshow beginnt mit DDR-Klassiker

Mit einem Klassiker der DDR-Rockmusik hat die Bühnenshow begonnen. Dirk Michaelis  präsentierte vor Zehntausenden von Zuhörern rund um das Berliner Wahrzeichen seine Rockballade "Als ich fortging". Der im Jahr des Mauerbaus in Chemnitz geborene Sänger und frühere Frontmann der Rockband Karussell hatte das Lied schon als Jugendlicher komponiert und 1987 veröffentlicht.

Die Zeile "Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein" bezogen in den letzten Monaten der DDR viele auf die politischen Entwicklungen im Land und auf die Tausenden von DDR-Bürger, die ihm den Rücken kehrten und in den Westen gingen. Das Lied gilt seitdem als "Wendehymne". Auf dem Programm der Bühnenshow stehen am Abend noch zahlreiche weitere Künstler, darunter die Sängerin Anna Loos. Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim spielte Ludwig van Beethovens "Schicksalssinfonie".

Quelle: n-tv.de, joh/dpa

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