Politik

Ausbeutung in Schlachtbetrieben "Tönnies stiehlt sich aus der Verantwortung"

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In der internationalen Konkurrenz der Fleischindustrie gilt Deutschland als Billigproduktionsland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Fleischunternehmer Clemens Tönnies kündigt an, die Branche zu verändern. Doch wirkt das nicht für alle glaubhaft. "Er hat das System selbst eingerichtet und verfeinert", sagt Mohamed Boudih, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in NRW im Interview. Tönnies habe "keine großen Töne zu spucken".

ntv.de: Als erstmals Corona in der Fleischindustrie ausbrach, stand die Firma Tönnies im Vergleich gut da. Wie erklären Sie sich jetzt die 1500 Infizierten dort?

Mohamed Boudih: Ich konnte mir eigentlich nicht erklären, dass ausgerechnet der größte Schlachtbetrieb Westfalens gar keine Probleme haben sollte. Ein Teil der Ursache kann sein, dass Tönnies selbst getestet und auch selbst ausgewertet hat.

Ist das vorbildlich? Zu sagen, als Schlachtbetrieb kennen wir das Infektionsrisiko und gehen es offensiv an, indem wir selbst regelmäßig auf Covid-19 testen?

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Mohamed Boudih ist Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Nordrhein-Westfalen mit rund 45.000 Mitgliedern. Mit den Bedingungen in der Fleischproduktion beschäftigt sich Boudih nicht erst, seitdem Schlachtbetriebe als Covid-19-Hotspots ein Thema wurden.

Aber mit der Folge, dass die Kontrolle darüber nicht mehr bei den Behörden liegt, sondern bei Tönnies selbst. Wir wissen überhaupt nicht, wie viel und auch nicht wer getestet wurde. Selbst wenn wir davon ausgehen sollten, dass die Ergebnisse nicht manipuliert wurden: Es war ein Fehler, Tönnies selbst das Feld zu überlassen. Den Vorwurf muss sich die Landesregierung gefallen lassen, dass sie sich das Zepter hat aus der Hand nehmen lassen.

Welche weiteren Ursachen sehen Sie für den Ausbruch bei Tönnies?

Die Fließbänder bei Tönnies laufen mit enormer Geschwindigkeit. Das bedeutet, die Menschen arbeiten gehetzt, da das Fleisch so schnell durchläuft. Allein deshalb ist es schon schwierig, achtsam zu sein, Abstand zu halten, sich selbst und andere zu schützen. Die Größe des Betriebes macht die Bedingungen schlechter. Die Unterkünfte sind nicht zu unterschätzen. Schon im Betrieb sind die Menschen sehr dicht beieinander, in den Unterkünften ist es noch enger.

Ein polnischer Fleischverarbeiter, der für ein Subunternehmen bei Tönnies arbeitet, beschrieb der Deutschen Presseagentur, dass er sich krank fühlte, sein Arbeitgeber ihn jedoch zwang, zur Arbeit zu erscheinen, solange er keinen Beweis für eine Infizierung habe. Es stellte sich später heraus, dass er selbst und seine Familie krank war.

Das Muster kennen wir auch aus der Zeit vor Corona. Die Arbeiter werden eingeschüchtert und gedrängt, in jedem Fall zur Arbeit zu erscheinen, auch krank. Das ist üblich. Die Mitarbeiter machen das auch aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. In diesen Zeiten, in denen es überlebenswichtig ist, dass Kranke zu Hause bleiben, ist dieses System extrem problematisch. Illegal war es auch schon vor Corona, aber jetzt zeigt sich, dass es ein richtig großes Problem ist. Es werden sich eine ganze Reihe Infizierter krank in den Betrieb geschleppt haben.

Wie sieht es mit den weiteren Arbeitsbedingungen aus? Der Mann beschreibt, wie die gesamte Schicht über bei sechs Grad feuchter Kälte gearbeitet wird. Reinigung des Arbeitsplatzes zählt nicht zur Arbeitszeit. Inwieweit ist so etwas zulässig?

Laut Gesetz beginnt die Arbeitszeit, wenn der Mitarbeiter das Gelände betritt. Schon das Umkleiden muss bezahlt werden. Auch Pausen durch Reinigungsläufe müssen bezahlt werden, ebenso Pausen, wenn Maschinen stillstehen. All das passiert jedoch nicht. Üblich ist stattdessen: Wenn es vorn in der Schlachtung nicht vorangeht und daher weiter hinten nicht zerlegt werden kann, dann werden die Leute in den Pausenraum geschickt und diese Pause wird ihnen vom Lohn abgezogen. Die Mitarbeiter werden zum Teil schon am Tor abgewiesen und wieder weggeschickt, wenn es außerplanmäßig nicht genug Arbeit gibt. All das ist gesetzwidrig, aber absolut üblich in den Subunternehmen. Tönnies stiehlt sich aus der Verantwortung.

Die Firma Tönnies hat nun angekündigt, sie werde die Branche verändern.

Der Mann tut so, als wäre er selbst nicht Teil der Branche. Er hat aktiv daran mitgearbeitet und davon profitiert, dass sich die Fleischindustrie so entwickelt hat. Zur Mehrung seines Profits hat er dieses System eingeführt und in höchster Präzision verfeinert, er hat Ausbeutung vervollkommnet. Tönnies ist nicht derjenige, der große Töne zu spucken hat. Die Branche kann nur von außen verändert werden. Sie braucht neue Gesetze und Behörden, die sehr streng kontrollieren.

Laut Bundesregierung soll das Schlachten und Verarbeiten ab 2021 nur noch von direkt Angestellten durchgeführt werden. Ist das also erfolgversprechend?

Ja, aber es wundert mich, dass das Gesetzesvorhaben so lange dauert. Ich habe bislang noch nicht einmal einen Entwurf für dieses Gesetz gesehen. Leider habe ich in der Vergangenheit oft erlebt, wie im Koalitionsgerangel und unter dem Einfluss der Fleischindustrie starke Gesetzentwürfe auf der Strecke wieder verwässert wurden. Ich glaube an dieses Gesetz erst, wenn es beschlossen ist.

Und das Preisargument? Fleisch als Luxusartikel?

Die Fleischindustrie exportiert sehr stark nach China und gilt in der internationalen Konkurrenz als Billigproduktionsland. Fleischbarone wie Tönnies verdienen enorm viel Geld, der Handel verdient enorm viel Geld. Es könnte anders sein - mehr Tierwohl, bessere Löhne und Schutz für die Beschäftigten, ohne dass Fleisch signifikant teurer wäre. Wir reden von zehn Prozent Preiserhöhung. Wir müssen die schlechten Bedingungen nur dann erhalten, wenn uns Profit über alles geht.

Mit Mohamed Boudih sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de