Politik

Schlangen vor Wahllokalen Tunesier warten auf Stimmabgabe

In Tunesien können die Menschen zum ersten Mal frei wählen. Neun Monate nach dem Sturz von Langzeitherrscher Ben Ali sind rund sieben Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, die 217 Mitglieder einer verfassungsgebenden Versammlung zu bestimmen. Mit Spannung wird vor allem das Abschneiden der islamistischen Ennahdha-Bewegung erwartet.

In Tunesien haben die ersten freien Wahlen in der Geschichte des nordafrikanischen Landes begonnen. Die Tunesier sind aufgerufen, eine verfassungsgebende Versammlung zu bestimmen, die im Laufe eines Jahres das Grundgesetz für die mehr als zehn Millionen Einwohner des kleinsten Maghreb-Staates ausarbeiten soll. Die Versammlung hat auch den Auftrag, eine Übergangsregierung zu bestimmen und die Präsidenten- und Parlamentswahlen vorzubereiten. Die Wahllokale sollten um 20 Uhr (MESZ) schließen. Die größten Chancen bei der Wahl werden der islamistischen Partei Ennahda eingeräumt. Unter dem nach Massenprotesten der Bevölkerung gestürzten langjährigen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali war die Partei verboten.        

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Das Gefühl, eine Wahl zu haben, macht die Menschen stolz.

(Foto: dpa)

Allerdings ist Beobachtern zufolge unklar, wofür die Ennahda genau steht. Es gibt Befürchtungen, dass sie radikalen Strömungen wie den Salafisten nahe steht. Diese sind für eine Trennung von Frauen und Männern in der Öffentlichkeit und halten Wahlen für unislamisch. Im Wahlkampf hat es die Ennahda vermieden, Details zu ihrer Politik zu nennen. Verbindungen zu Salafisten hat sie aber zurückgewiesen. Kritiker halten dies indes für wenig glaubwürdig. Ein Sieg islamistischer Kräfte dürfte einen Wandel der tunesischen Gesellschaft nach sich ziehen, die vergleichsweise offen ist.       

Stimmabgabe auch in Deutschland

Mehr als Hundert Parteien beteiligen sich an der Abstimmung, um die 218 Sitze bewerben sich über 10.000 Kandidaten. Auch die rund 80.000 in Deutschland lebenden Tunesier können an der Wahl teilnehmen: Die deutschen Behörden haben in 15 Städten Wahllokale eingerichtet.           

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Geduldig warten viele auf die Stimmabgabe.

(Foto: REUTERS)

In Tunesien bildeten sich seit dem Morgen vielerorts lange Schlangen vor den Schulen, die als Wahllokale genutzt wurden. Die Mutter des jungen Mannes, , sagte, die Wahl sei ein Sieg für Würde und Freiheit. "Jetzt bin ich froh, dass der Tod meines Sohnes die Chance gebracht hat, Angst und Ungerechtigkeit hinter uns zu lassen", sagte Manoubia Bouazizi, die Mutter von Mohamed Bouazizi. Der 26-jährige Gemüsehändler hatte sich am 17. Dezember 2010 selbst angezündet, nachdem die Polizei seinen Gemüsewagen beschlagnahmt hatte. Der junge Mann starb Wochen später an seinen Verbrennungen. Für viele seiner Landsleute wurde er zum Märtyrer.          

Historische Momente

Unter Ben Ali hat es nie ein vergleichbares Interesse an Wahlen gegeben. "Dies sind Momente, auf die wir lange gewartet haben", sagte Ahmed, ein 50-jähriger Tunesier, der sich in die Warteschlange vor einem Wahllokal eingereiht hat. "Wie könnte ich mir das entgehen lassen? In wenigen Momenten, schreiben wir Geschichte." Aus Angst vor gewaltsamen Zwischenfällen hat die Regierung vorsorglich 40.000 Polizisten und Soldaten im ganzen Land entsandt. Nach Angaben von Geschäftsinhabern haben sich viele Menschen mit Milch und Trinkwasser für mehrere Tage eingedeckt, für den Fall, dass Unruhen ausbrechen.   

In Tunesien hatte der sogenannte Arabische Frühling vor zehn Monaten seinen Anfang genommen. Inzwischen stehen in Ägypten und auch in Libyen Umbrüche an, nachdem auch dort Volksaufstände die langjährigen Machthaber aus dem Amt gedrängt haben. Die Wahl in Tunesien gilt deswegen auch als wichtiger Wegweiser für andere arabische Länder.

Quelle: n-tv.de, rts

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