Politik

Spanier sagen, was sie denken Warum der Katalonien-Frust so tief sitzt

c2557b19ab8716139625ce86070db38a.jpg

Die harte Haltung der Regierung in Madrid hat die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien erst richtig stark gemacht.

(Foto: dpa)

An diesem Sonntag soll das höchst umstrittene Referendum um die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien stattfinden. Das Land diskutiert sich die Köpfe heiß. Wer mit Katalanen und (anderen) Spaniern spricht, merkt, wie tief der Frust sitzt.

Die Nerven liegen blank, der Frust sitzt tief, die Wut auch, egal auf welcher Seite. Katalonien erlebt an diesem Sonntag einen historischen Moment. Die Regionalregierung hat 5,4 Millionen Wahlberechtigte dazu aufgerufen, über die Unabhängigkeit von Spanien abzustimmen - ohne Rechtsgrundlage.

Die Lage ist angespannt, keiner weiß, was passieren wird. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy ist außer sich, argumentiert leidenschaftlich für die Verteidigung des Rechtsstaates und macht den Katalanen bittere Vorwürfe. Die wiederum sind ebenso empört und fordern mit der Abstimmung das ein, was sie ihr demokratisches Recht nennen. n-tv.de hat sich unter in Berlin lebenden Katalanen und Spaniern umgehört. Dabei fiel auf: Alle sind sich einig, dass es zumindest ein Referendum geben sollte, wie im kanadischen Québec oder in Schottland. Entsetzt sind die meisten über den Polizeieinsatz vergangene Woche in Barcelona, als Regierungsgebäude durchsucht, Politiker festgenommen und Millionen Wahlzettel beschlagnahmt wurden.

Der 24-jährige Aleix ist aus Barcelona nach Berlin gezogen. Er ist für die Unabhängigkeit.

Der 24-jährige Aleix ist aus Barcelona nach Berlin gezogen. Er ist für die Unabhängigkeit.

(Foto: Volker Petersen)

Da ist zum Beispiel der 24-jährige Aleix, der mit seiner Freundin im Februar nach Deutschland gezogen ist. In Berlin arbeitet er in einem Startup, zuvor lebten die beiden in Barcelona. "Ich war immer schon für die Unabhängigkeit", sagt er. Aber das gelte nicht unbedingt für alle, die jetzt auf die Straße gehen. "Die Leute wollen abstimmen dürfen", sagt er. "Wenn dann ein Nein dabei herauskommt, würde ich das auch akzeptieren." Aber die vergangenen Jahre hätten einfach gezeigt, dass die Katalanen innerhalb Spaniens nicht ihren eigenen Weg bestimmen könnten. Dabei gehe es ums Geld, ein Problem, das die Unabhängigkeitsbewegung befeuert habe.

Seit Jahren schwelt ein Streit zwischen der Regional- und der Zentralregierung, wie viel der Steuereinnahmen an die Zentralregierung abgeführt werden muss. "Es geht mir nicht darum, mehr Geld auf dem Konto zu haben", sagt Aleix. "Sondern darum, dass wir in Katalonien gute Krankenhäuser, Schulen und Straßen haben." Der Dialog mit Madrid sei so gewesen, als ob man gegen eine Mauer gelaufen wäre. Jahrelang. "Wenn das Problem gelöst wäre, könnte ich auch weiterhin in Spanien leben, ich habe Freunde im ganzen Land und habe nichts gegen die Spanier. Dann wären wir vielleicht so wie die Bayern in Deutschland", sagt er. Ein bisschen anders als der Rest, aber ein Teil des Ganzen.

"Es wäre nur eine Grenze mehr"

Victor Ferrer aus Saragossa hält nichts von einer Unabhängigkeit Kataloniens. Es wäre doch nur eine Grenze mehr, sagt er.

Victor Ferrer aus Saragossa hält nichts von einer Unabhängigkeit Kataloniens. Es wäre doch nur eine Grenze mehr, sagt er.

(Foto: Volker Petersen)

Naturgemäß sind diese Fragen nicht ganz so drängend für jemanden, der nicht aus Katalonien kommt. Jemand wie Víctor Ferrer, einem Fotografen aus Saragossa, das genau zwischen Barcelona und Madrid liegt. Seit Januar lebt er in Berlin und jobbt als Fremdenführer. "Ich möchte nicht, dass Katalonien unabhängig wird", sagt der 29-Jährige. Nicht, weil er so sehr an die Einheit Spaniens glaube, sondern weil er Grenzen nicht mag. "Und es gäbe dann eine Grenze mehr." Außerdem würde sich seiner Ansicht nach nicht viel ändern im Land. Die gleichen Leute, die Schulen, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen hätten, blieben an der Macht. Ferrer kritisiert außerdem die Korruptionsskandale, die die katalanische Politiker ebenso betrafen wie die spanischen.

Samuel Ortega ist Kontrabass-Spieler aus Andalusien - ihn regt die mangelnde Dialogbereitschaft der spanischen Regierung auf. Er findet, man müsse mit den Katalanen reden.

Samuel Ortega ist Kontrabass-Spieler aus Andalusien - ihn regt die mangelnde Dialogbereitschaft der spanischen Regierung auf. Er findet, man müsse mit den Katalanen reden.

(Foto: Volker Petersen)

Der Frust über Bestechungen, Bereicherungen und Betrügereien der eigenen Politiker ist kaum zu überschätzen. Das Vertrauen in die Politiker in Madrid, Konservative wie Sozialisten, ist bei manchen auf den Nullpunkt gesunken. Manche glauben gar, das ganze Theater um Katalonien diene beiden Seiten nur dazu, von den Korruptionsskandalen abzulenken. "Manche treffen ihre Wahlentscheidung nur noch nach dem Motto: 'Ich lasse mich lieber von dem bestehlen als von dem anderen'", sagt zum Beispiel Samuel Ortega, ein Musiker aus Malaga in der südspanischen Region Andalusien und Sohn eines Katalanen. Für die Unabhängigkeit Kataloniens spricht er sich nicht aus, ihn regt vielmehr die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung in Madrid auf. "So kann man keine Politik machen", sagt der 28-jährige Kontrabass-Spieler. "Man müsste sich mit den Katalanen an einen Tisch setzen und verhandeln." Es sei wie beim Hausbau, da brauche man Wasser und Zement. "Wenn einer den Zement mitbringt, der andere das Wasser, dann kann man bauen. Dann bekommt man ein Haus. Aber das passiert in Spanien nicht."

Für die 38-jährige Raquel ist es zu spät, noch über etwas anderes als die Unabhängigkeit zu reden.

Für die 38-jährige Raquel ist es zu spät, noch über etwas anderes als die Unabhängigkeit zu reden.

(Foto: Volker Petersen)

Was die Dialogbereitschaft angeht, da würde ihm Raquel zustimmen. Doch die 38-jährige Grafik-Designerin aus Barcelona glaubt nicht mehr an Verhandlungen. Dafür sei es zu spät, sagt sie. Das sei ja jahrelang versucht worden. Obwohl alle ihre Großeltern einst aus anderen Landesteilen nach Katalonien einwanderten, spürt sie keine enge Verbindung mehr zu Spanien. Es gehe bei der Bewegung eben um die Frage der Identität und der Sprache. "Viele Katalanen spüren Feindseligkeit von der aktuellen Regierung gegenüber unterschiedlichen Kulturen und Identitäten", sagt sie. Die wirtschaftlichen Fragen seien ihr weniger wichtig. Dass das Referendum illegal ist, kümmert sie nicht weiter. "Ich würde es vorziehen, wenn es legal wäre", sagt sie. "Aber das jetzige ist das einzige, das möglich ist."

Rechtsstaat oder Demokratie?

Im Gespräch mit Raquel ist der Frust zu spüren, den aber auch viele Spanier empfinden - denn die sagen, dass die Katalanen einfach keine Ruhe geben können. Seit 1978 eine Verfassung erlassen wurde, genießen sie bereits eine hohe Autonomie. Viele Spanier macht auch wütend, dass die nach Unabhängigkeit strebenden Katalanen wenig kümmert, dass das Referendum illegal ist und den ganzen Staat in die Krise stürzt. In Spanier-Gruppen auf Facebook kann man die Diskussionen verfolgen. Beide Seiten fühlen sich im Recht und argumentieren mit hohen Prinzipien: Die Katalanen fordern ihr demokratisches Recht ein, abstimmen zu dürfen, die Gegner verweisen auf die Verletzung des Rechtsstaates durch die Illegalität des Referendums.

Miriam Sabaté stammt aus einem Dorf bei Tarragona - sie ist für die Unabhängigkeit, könnte sich aber auch mit einem pluraleren Spanien abfinden.

Miriam Sabaté stammt aus einem Dorf bei Tarragona - sie ist für die Unabhängigkeit, könnte sich aber auch mit einem pluraleren Spanien abfinden.

(Foto: Volker Petersen)

Míriam Sabaté lebt sein drei Jahren in Berlin und arbeitet als Disponentin in einem Logistikunternehmen. "Ich war immer schon für die Unabhängigkeit", sagt die 35-Jährige aus einem Dorf bei Tarragona. Der spanische Staat beziehe die Katalanen einfach nicht richtig ein. "Aber ich hätte mich auch mit einem pluralen Spanien abgefunden", sagt sie. Damit meint sie einen Staat, in dem den regionalen Unterschieden mehr Raum gegeben wird und nicht auf der einen spanischen Nation bestanden wird, so wie es die spanische Verfassung derzeit vorsieht. Vor zehn Jahren waren die Katalanen schon einmal ganz nah an einer Reform ihrer Landesverfassung mit mehr Finanzautonomie und dem Zugeständnis, eine eigene Nation zu sein. Doch das Verfassungsgericht kippte die entscheidenden Paragraphen. Seitdem gewinnt die Bewegung für die Unabhängigkeit an Fahrt.

So wie sich die Regierung in Madrid derzeit verhält, das erinnert Cristian Pueyo Liebner an die Zeit der Franco-Diktatur.

So wie sich die Regierung in Madrid derzeit verhält, das erinnert Cristian Pueyo Liebner an die Zeit der Franco-Diktatur.

(Foto: Volker Petersen)

Für Cristian Pueyo Liebner ist die Art und Weise, wie die Regierung in Madrid mit den Katalanen umgeht nicht in Ordnung. "Es ist wie in der Diktatur", sagt der 32-Jährige aus Barcelona, der seit drei Jahren in Berlin als Küchenchef arbeitet – seiner Geburtstadt, seine Mutter ist Deutsche. "Sie sagen uns einfach nur, ihr seid Spanier und fertig." Auf die Forderungen der Katalanen werde gar nicht eingegangen. Dass sie nicht abstimmen dürfen und stattdessen kriminalisiert werden, missfällt ihm besonders. "Das ist undemokratisch", sagt er. "Wir fordern seit 15 Jahren ein Referendum. Aber es gab keinerlei Dialog darüber." Wenn einem immer nur gesagt werde, man habe sich zu fügen, sei es doch normal, dass man irgendwann über die Unabhängigkeit nachdenke, findet er.

Cristina fände es dagegen vor allem schade, wenn Katalonien und Spanien getrennte Wege gingen. Die 25-Jährige wurde in Barcelona geboren, wuchs dann aber in Frankfurt am Main auf und lebte später in Valencia und Malaga – also außerhalb Kataloniens. In Berlin arbeitet sie für ein Energieunternehmen. "Es gibt einen gemeinsamen kulturellen Kern, den Spanier und Katalanen teilen", sagt sie. "Um den wäre es schade." Man könne morgens um neun in Barcelona und Malaga in eine Bar gehen und würde auf den gleichen Typ Mensch treffen. Es gebe die gemeinsame Geschichte. Sie ist gegen die Unabhängigkeit Kataloniens. Aber auch sie ist für ein legales Referendum.

Richtig spannend wird die Frage, ob beziehungsweise wie die Abstimmung an diesem Sonntag über die Bühne geht. Das Polizeiaufgebot ist massiv, viele Katalanen sind dennoch fest entschlossen wählen zu gehen. Wird es Gewalt geben? Die zweite spannende Frage ist, was eigentlich geschehen soll, wenn beim Referendum mehrheitlich mit "Ja" gestimmt wird. Seiner eigenen Logik folgend, müsste Madrid jeden weiteren Schritt in Richtung Loslösung Kataloniens von Spanien ebenfalls mit der Staatsgewalt unterbinden. Klar ist eigentlich nur eines: An diesem Sonntag wird sich der Frust noch ein bisschen tiefer fressen. Auf beiden Seiten.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema