Politik

"Es ist eine Schande" Was Griechenland bleibt, ist eine vage Hoffnung

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(Foto: AP)

Nach dem Nein beim Referendum steht Griechenland - ja, wovor überhaupt? In Athen warten die Rentner weiter vor den Banken, junge Familienväter betteln und die Regale in den Supermärkten leeren sich. Niemand weiß, was werden soll.

Der alte Mann, graue Stoffhose, gebügeltes weißes Hemd, tritt auf den Bürgersteig und bleibt vor dem Hauptsitz der Nationalbank an der Eolou-Straße 86 in Athen stehen, einem vornehmen, einem herrschaftlichen Gebäude. Er schlägt hastig drei Kreuzzeichen, so wie es die Orthodoxen sonst in der Kirche tun, und schüttelt den Kopf. "Wer bin ich? Ich frage Sie: Wer bin ich? 120 Euro haben sie mir gegeben. Damit soll ich meine Rechnungen bezahlen und eine Woche leben? Ein Niemand bin ich! Es ist eine Schande."

Es ist Montag, der Tag nach dem Referendum, bei dem die Griechen mit mehr als 60 Prozent klar und deutlich den Sparkurs der EU-Kommission, des Internationalem Währungsfonds und der Europäischer Zentralbank abgelehnt haben. Es waren vor allem die jungen Menschen, die der Syriza-Regierung gefolgt waren. Premierminister Alexis Tsipras hatte ihnen versprochen, dass er mit einem Nein viel besser und erfolgreicher mit den Gläubigern verhandeln könne. Es waren die Jungen, die bis tief in der Nacht auf dem Syntagmaplatz vor dem Parlament und anderswo gefeiert hatten, als hätte Griechenland wie 2004 die Fußball-Europameisterschaft gewonnen. Vor der Nationalbank hält ein Polizeiauto, zwei Beamte nehmen einen Greis in ihre Mitte und begleiten ihn behutsam in das Gebäude.

"Es liegt nicht in unserer Hand"

Noch ist es zu früh, um auch nur ansatzweise beurteilen zu können, wohin der Weg führt und ob sich die apokalyptischen Prognosen erfüllen, die besagen, dass Griechenland den Euro verlässt und vielleicht gar die Europäische Union. Und dass die Menschen sehr darunter leiden werden. Während von der jugendlichen Euphorie aus der Nacht nichts mehr zu spüren ist, kommentieren die Älteren am Tag danach das Ergebnis des Plebiszits ungleich zurückhaltender: "Ob ja, ob nein - im Grunde hat sich nichts geändert. Wir hängen weiter am Tropf der Gläubiger." Wenn überhaupt. "Es liegt nicht in unserer Hand." Und doch muss das Leben irgendwie weitergehen.

Vor der Nationalbank haben sich mittlerweile immer mehr Menschen eingefunden, aber nur Rentner dürfen hinein. Wer eintreten darf, das regelt die Polizei, ein Mann von einem privaten Sicherheitsdienst - und zwei Angestellte der Bank, die dort im Anzug und Krawatte stehen. Sie weisen die Bittsteller mit dem Habitus derer ab, die es gewohnt sind, etwas zu sagen zu haben. "Schauen Sie Fernsehen, dann erfahren Sie, wie es weitergeht." Die meisten lassen sich das gefallen. Was sollen sie auch tun? Sie wirken resigniert. Vor der Alpha-Bank an der Stadiou-Straße, die vom Syntagma zum Omoniaplatz führt, geht es turbulenter zu. Vor dem Geldautomaten stehen mehr als 30 Menschen in der Schlange, die Stimmung ist gereizt. Eine Frau und ein Mann keifen sich an: "Du alter Narr!" - "Halt’ den Mund, Hexe!"

Im Supermarkt am Omonia gibt es fast alles, was man braucht. Nur das Regal mit den Süßigkeiten weist einige Lücken auf. Allerdings dürfte es das geringste Problem der Griechen sein, nicht mit der kompletten Angebotspalette an Schokoladenriegeln durch den Tag kommen zu müssen. Das Bus- und U-Bahnfahren in Athen kostet weiterhin nichts. Es sind immer noch die alten Zettel, die an den Fahrscheinautomaten hängen. Dort steht, auf Griechisch und auf Englisch, damit es auch die Touristen verstehen. "Free of charge until further notice" - kostenlos bis auf weiteres. Dabei könnten die doch eigentlich bezahlen. Zumindest erhalten Ausländer an den Bankautomaten mehr als die 60 Euro pro Tag, mit denen sich ein Grieche begnügen muss. Andererseits: 60 Euro - für viele ist das in diesen Tagen ein Vermögen. Ein Mann tritt an den Tisch vor dem Kafeneion. Turnschuhe, halblange weiße Hose, blaues T-Shirt. Man könnte ihn für einen Urlauber halten. Aber er spricht Griechisch. "Ich habe zwei kleine Kinder zu Hause, die dringend etwas zu essen brauchten", sagt er mit leiser Stimme. Ein wenig Kleingeld würde schon helfen. "Ich danke Ihnen."

Quelle: n-tv.de

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