Fußball

Zwischen Kollaps und Wertedialog Was bleibt vom Fußball nach der Angst?

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Zumindest kurz denkt sogar Gianni Infantino darüber nach, den Fußball zu reformieren.

(Foto: imago images/Xinhua)

Immer teurere Stars, immer größere Turniere: Der Fußball ist aufgebläht - und fällt in der Coronavirus-Krise in sich zusammen. Das Milliarden-Business ist zum Umdenken gezwungen. Selbst Fifa-Präsident Gianni Infantino befasst sich damit - zumindest kurz.

Sogar Uli Hoeneß und Gianni Infantino glauben an eine Zeitenwende im Fußball. Es ist die Zeit der Rechenschieber, der engen Kalkulationen, es ist die Zeit der Sorge ums wirtschaftliche Überleben. Wenn sich die 36 Profiklubs aus Bundesliga und 2. Liga am Dienstag zu ihrer nächsten außerplanmäßigen Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga in der Corona-Krise treffen, geht es primär um die Verlängerung der Liga-Zwangspause bis zum 30. April. Es geht auch um die Suche nach einem Notfallspielplan für die noch ausstehenden 82 Bundesliga-Partien. Existenzgefährdende Einnahmeverluste von rund 750 Millionen Euro sollen vermieden werden.

Für den Fußball steht aber viel mehr auf dem Spiel. Längst geht es auch um eine Weichenstellung und ein Krisenszenario, das eine dauerhafte Sicherung des Profifußballs ermöglicht - und vielleicht geht es auch um grundlegende Änderungen des von der Pandemie in seinen Grundfesten erschütterten Milliarden-Business für die Zeit nach der großen Krise. Wie soll der Fußball der Zukunft aussehen? Ist das Rad überdreht? Ist weniger vielleicht tatsächlich mehr? Die Einschnitte könnten über die Zusagen vieler Spieler und Funktionäre auf einen Gehaltsverzicht oder das 20-Millionen-Euro-Versprechen der deutschen Königsklassenklubs aus München, Dortmund, Leipzig und Leverkusen weit hinausgehen.

"Einen Schritt zurück machen"

Kein geringerer als Weltverbandschef Infantino - sonst ein gnadenloser Treiber für neue Märkte und Geldquellen - hat sich zum Initiator einer Grundsatzdebatte um eine Fußball-Entschleunigung gemacht. "Vielleicht können wir den Fußball reformieren, indem wir einen Schritt zurück machen", sagte Infantino anlässlich seines 50. Geburtstags zu Wochenbeginn der italienischen Tageszeitung "Gazzetta dello Sport". Der Schweizer schlug vor: "Weniger Turniere, dafür interessantere. Vielleicht weniger Teams, dafür größere Ausgeglichenheit. Weniger Spiele, um die Gesundheit der Spieler zu schützen, dafür umkämpftere Partien."

Das klang so, als würde der Papst das Zölibat geißeln. Gegner werfen dem Schweizer, der die WM auf 48 Teams aufgebläht und eine Klub-WM mit 24 statt sieben Mannschaften forciert hat, vor, in Zeiten der Krise mit Machtinstinkt zu sagen, was die verunsicherten Fans hören wollen. Zumindest macht Infantino aber eine Debatte möglich, die vor Corona nur Fußball-Romantiker führten.

"Bisheriges System hinterfragen"

Ewald Lienen steht nicht im Verdacht, mit Infantino auf einer Wellenlänge zu liegen. Im Podcast von "Kicker" und Dazn setzte der Technische Direktor des FC St. Pauli nun einen konsum- und wirtschaftskritischen Akzent: "Warum muss ein Klub 500 Millionen Euro haben - ein anderer nur 50? Und warum muss ein einziger Spieler zehn oder 20 Millionen Euro verdienen?", fragte Lienen. Er prangerte namentlich die aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten alimentierten Klubs von Paris St. Germain und Manchester City an.

Sein Klubchef Oke Göttlich wurde konkret: "Wir müssen das bisherige System im Profifußball hinterfragen, weil es einem neuen System des solidarischen Miteinanders wird weichen müssen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Soll heißen: "Gleichverteilen von Einnahmeströmen" und "keine zügellosen Finanzstrategien", meinte Göttlich und sprach von einem "gesundschrumpfen". Solche Ideen sind längst kein Privileg des Hamburger Kiezklubs mehr. Auch Bayerns Ex-Präsident Uli Hoeneß sieht die Zeit für Änderungen gekommen. "Die jetzige Situation ist eine Gefahr, aber auch eine Chance, dass die Koordinaten etwas verändert werden können", sagte er dem "Kicker". "Es wird sehr wahrscheinlich eine neue Fußballwelt geben."

"Hat immer Unterschiede gegeben"

Wie die Sozialreform des Fußballs konkret aussehen könnte, ist aber noch reine Gedankenspielerei. Eine Gehaltsobergrenze wird als Option genannt. Dreistellige Millionentransfers wird es womöglich nicht so schnell wieder geben. Eine ökonomische Gegenströmung fordert den Wegfall der 50+1-Regel, wodurch Investoren neues Geld in den klammen deutschen Fußball pumpen könnten. Das wäre eine Marktradikalisierung.

Fredi Bobic, dieser Tage auch ein nachdenklicher Geist, hat ohnehin Zweifel: "Es hat immer Unterschiede zwischen den Klubs gegeben und es wird sie auch immer geben, unabhängig von der Krise", sagte Eintracht Frankfurts Sportvorstand der Zeitung "Die Welt".

Joachim Löws Nationalmannschaftspsychologe Hans-Dieter Hermann glaubt indes an einen generellen gesellschaftlichen Sinneswandel. "Was hinterher genau passiert, kann keiner sagen. Aber wenn ich sehe, wie stark sich - trotz einiger Gegenbeispiele beim Einkaufen - momentan Solidarität und Zusammenhalt bei vielen entwickelt, bin ich sehr optimistisch, dass wir von diesen positiven Nebenwirkungen auch nach der Corona-Krise noch profitieren werden. Unsere Kultur erhält gerade die Chance, im positiven Sinne wieder zu einer neuen Art des Miteinander und Füreinander zu finden", sagte er dem "Mannheimer Morgen".

Dass der Fußball zuletzt eben nicht abseits der generellen gesellschaftlichen Diskurse stand, wurde auch bei Themen wie Rassismus oder Homophobie deutlich. Nun wird der Fußball auch zum Spiegelbild des großen Ganzen in der Sehnsucht nach einer Reduzierung auf das Wesentliche. Erster Fürsprecher war Joachim Löw mit seinen viel beachteten Aussagen. "Ich habe auch so das Gefühl, dass die Welt und vielleicht auch die Erde sich so ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und deren Tun, denn der Mensch denkt immer, dass er alles weiß und alles kann und das Tempo, das wir so die letzten Jahre irgendwie auch vorgegeben haben, das war schon auch nicht mehr zu toppen", sagte der Bundestrainer und prangerte "Macht, Gier und Profit" an.

"Plötzlich sind wir alle gleich"

DFB-Direktor Oliver Bierhoff - oft gescholten für seinen Marketing-Fokus - glaubt an einen anhaltenden Solidarisierungseffekt im Profi-Fußball. "Ich glaube, im Fußball wird das auch noch mal deutlicher, dass das Wichtigste das Spiel ist. Dass es stattfindet, dass wir Freude daran haben, dass das Schöne im Spiel immer wieder transportiert wird", sagte der 51-Jährige gegenüber RTL/ntv. Eigeninteressen, die durch starken Kommerz und eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit in den vergangenen Jahren entstanden seien, könnten abnehmen. Möglicherweise werde häufiger gesagt: "Wir sind in der Krise, wir müssen zusammenhalten", meinte Bierhoff.

Abseits des Fußballs zeichnete der Zukunftsforscher Matthias Horx ein positives Zukunftsbild: "Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, überflüssig machen." Übertragen auf den Fußball könnte das heißen: keine exorbitanten Ablösesummen und Gehälter mehr, keine Abschottung der Stars von den Fans und Rückbesinnung auf den reinen Sport. Es gibt aber auch andere Stimmen: "Plötzlich sind wir alle gleich. Vielleicht nehmen wir das für die Zukunft mit", sagte Hertha-Profi Vedad Ibisevic.

DFL-Chef Christian Seifert, der nach der ersten Mitgliederversammlung ungewohnt ergriffen eingestand, dass die Bundesliga nun mal ein "Produkt" verkaufe, sucht noch nach neuen Koordinaten. Ohne Herstellung keine Bezahlung. Ohne Bezahlung keine Herstellung, lautet sein Teufelskreis. Infantino blickte in seinem visionär anmutenden "Gazetta"-Interview auch schon in alten Denkmustern verharrend voraus Richtung Premiere der derzeit verschobenen Klub-WM mit 24 Teams in China. "Wir werden bald entscheiden, ob wir die erste Ausgabe 2021, 2022 oder spätestens 2023 haben werden", sagte er über sein millionenschweres Lieblingsprojekt.

Quelle: ntv.de, Arne Richter, dpa