Politik

"Hart aber fair" zu Ungleichheit Wer arm lebt, ist früher tot

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Plasbergs Gäste: Hubertus Heil, Tanja Stolze, Eckart von Hirschhausen, Doris Unzeitig, Thomas Kemmerich (v.l.)

Fast zehn Jahre an Lebenserwartung trennen Gutverdiener von sozial schlechtergestellten Menschen - und das im wohlhabenden Deutschland. Frank Plasbergs Gäste suchen nach den Gründen für die schockierende Statistik.

8,6 Jahre lebt ein Gutverdiener im Schnitt länger als ein finanziell schlechtergestellter Mann - und zwar nicht in irgendeinem Dritte-Welt-Land, sondern genau hier, in Deutschland. Bei den Frauen beträgt der Unterschied zwar "nur" 4,4 Jahre, aber auch das ist eine Hausnummer, die betroffen macht: Die gesetzliche Krankenversicherung und kostenlose Schulbildung sollen ja eigentlich gerade dafür sorgen, dass Bildung, Aufklärung und Hilfe keine Luxusprodukte, sondern für alle da sind. Weil das allerdings eher schlecht als recht funktioniert, will Frank Plasberg am Montagabend bei "Hart aber fair" wissen: "Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?"

Dem Ruf ins Studio gefolgt sind der thüringische FDP-Vorsitzende Thomas Kemmerich, der Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen, die Taxifahrerin Tanja Stolze, die Grundschuldirektorin Doris Unzeitig und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD.

"Ja, den Schuh müssen wir uns anziehen", gibt Heil unumwunden auf Plasbergs Frage zu, der die sich immer weiter öffnende Schere zwischen den Bevölkerungsgruppen als größtes Problem der nahen Zukunft thematisiert. "In der Vergangenheit wurden da viele Fehler gemacht, sodass wir heute vor allem nachsorgende Sozialpolitik betreiben müssen, um die Missstände wieder zu reparieren." Die Einführung der Grundrente sei ein gutes Beispiel für so eine nachsorgende Politik, weil sie überflüssig wäre, wenn rechtzeitig mehr Geld in Gesundheit und Bildung investiert worden wäre.

Schokolade als Pausenbrot?

Hätte, hätte, Fahrradkette. Doch folgt man der Argumentation von Heils FDP-Kollege Kemmerich, hat die Regierung aus den bereits begangenen Fehlern nichts gelernt: "Katastrophale Experimente wie das Schreiben nach Gehör" strapaziere das ohnehin schon zu knappe Lehrpersonal noch weiter, während gleichzeitig Geld für die dringend benötigte Digitalisierung und die Weiterbildung der Lehrer fehle.

Dabei hält es Doris Unzeitig für entscheidend, auch die "Eltern mit ins Boot zu holen: Wenn ich sehe, dass Eltern ihren Kindern Schokolade als Pausenbrot mitgeben oder sie daheim vor dem Fernseher parken, wünsche ich mir manchmal einen Elternführerschein". Die Rektorin hat in ihrer Zeit an einer Berliner Brennpunktschule viel gesehen und nickt wissend, als Plasberg später in der Sendung anhand von zwei Fantasie-Jungs aufzählt, wie gravierend das Handicap ist, mit dem Kinder heute ins Leben starten: Jasons Eltern haben keine Berufsausbildung, er wird deswegen zu 44 Prozent eher eine Verhaltensauffälligkeit entwickeln als Paul, der aus einer Akademikerfamilie kommt. Außerdem ist Jasons Risiko, dick zu werden, 2,5 Mal höher als das von Paul, er hat auch eine dreifach erhöhte Chance, Karies zu bekommen.

"Die Hälfte der Faktoren, die das Leben verkürzen, sind nicht privat, sondern gesellschaftlich bedingt", sagt Eckart von Hirschhausen dazu. Am Ende kommt dabei eine Mischung aus Unwissenheit, mangelnder Aufklärung und Desinteresse heraus, die das Leben der Kleinen schon viel zu früh im großen Stil beeinflusst. Dabei gäbe es eine ganz einfache Lösung, findet der TV-Arzt: "Jeder Euro, den wir in frühkindliche Bildung stecken, bekommen wir 25-fach gesellschaftlich zurück. Da müssen wir ran."

Quelle: ntv.de