Politik

Ex-Schulleiterin packt aus "Es gab kaum einen Tag ohne Gewalt"

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Die Spreewaldschule sorgte 2018 für Schlagzeilen: Gewalt, Drogenhandel, Wachschutz.

(Foto: imago images / Schöning)

Morddrohungen, Drogenhandel, brutale Gewalt unter Schülern und gegen Lehrkräfte: So schildert Doris Unzeitig ihren Alltag an einer Berliner Brennpunktschule. Fünf Jahre lang hat sie dort als Rektorin gearbeitet. Im September 2018 hat sie aufgegeben. In ihrem Buch "Eine Lehrerin sieht Rot: Mini-Machos, Kultur-Clash, Gewalt in der Schule und das Versagen der Politik" rechnet sie mit den Behörden und dem Schulsystem ab. Nicht sie habe die Kinder im Stich gelassen, sondern die Politik.

n-tv.de: Warum genau sehen Sie Rot?

Doris Unzeitig: Rot ist man meistens, wenn man verärgert, zornig oder wütend ist. Und das bin ich, weil ich mich von der zuständigen Senatsverwaltung im Stich gelassen gefühlt habe - nicht als Person, sondern als Schulleiterin und Lehrerin der Kinder. Ich bin vor allem empört über die Gleichgültigkeit, mit denen die verantwortlichen Bildungspolitiker mit den Problemen an meiner Schule umgegangen sind. Am Ende sind es vor allem die Schulkinder, die darunter leiden.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Reihe von Gewaltvorfällen. Welche davon sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Das fängt damit an, dass sich die Schüler prügeln, an den Haaren reißen, rumschubsen oder zum Beispiel ein Loch ins Kleid einer Mitschülerin schneiden. Sie erpressen sich gegenseitig durch Gewalt. Häufig stehen andere Schüler daneben und zücken ihr Handy, statt einzugreifen. Ein Schüler hat sogar Morddrohungen gegen andere Schüler ausgesprochen. Schlimm ist aber auch die Gewalt gegen die Lehrkräfte. Eine schwangere Kollegin wurde von einem Schüler in den Bauch getreten und ist dann psychisch zusammengebrochen. Sie musste dann sofort zu einem Arzt und wurde vorübergehend freigestellt. Abgesehen von der großen Angst um ihr Kind, fehlte mir somit eine Pädagogin. Es gab kaum einen Tag ohne Gewalt.

Woher kommt diese Verrohung der Kinder?

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Doris Unzeitig verließ nach fünf Jahren frustriert und ausgelaugt die Spreewald-Grundschule in Berlin.

In jedem Fall spielen das Elternhaus und das soziale Umfeld dieser Mini-Machos eine entscheidende Rolle. Das betrifft natürlich nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund, sondern gleichermaßen sogenannte bildungsferne wie bildungsnahe Kinder. Das Problem an meiner Schule war, dass auf die Schülerinnen und Schüler dort in der Regel mehrere benachteiligende Umstände zutrafen: Sie hatten Sprachdefizite, ihre Eltern hatten kein Interesse an ihrem Schulerfolg, schulische Leistungen wurden von ihren Peers nicht anerkannt, und nach Schulschluss hielten sie sich lieber auf der Straße auf. Dort erlebten sie den rauen Umgangston und lernten, dass man sich vermeintlich am besten durchsetzt, indem man als Erster zuschlägt. Dieses Verhalten bringen sie dann mit in die Schule.

Dazu kommt, dass viele Eltern sich zu wenig um ihre Kinder kümmern. In den muslimisch geprägten Elternhäusern herrscht häufig ein autoritärer Führungsstil. Was der ältere Bruder oder der Vater sagt, ist meistens Gesetz. Außerdem sind die Väter häufig nicht zu Hause, sodass die Mütter oft ihre Kinder alleine zu erziehen versuchen.

Was machen die Lehrkräfte falsch?

Die Kollegen werden in ihrer Ausbildung auf solche Extremsituationen nicht vorbereitet. Wer nicht über die natürliche Autorität einer selbstbewussten Persönlichkeit verfügt, zieht dann in den Konfliktsituationen mit den Schülern erfahrungsgemäß den Kürzeren. Es gibt Lehrer, die in diesen Milieus aufgewachsen sind und das nötige Maß an Autorität mitbringen, um mit diesen Bedingungen zurechtzukommen. Die meisten sind aber in solchen Situationen restlos überfordert.

Was fordern Sie von der Politik und den Behörden?

Die Mehrheit der Lehrkräfte muss viel zu viel Zeit für Probleme aufwenden, die mit ihrem Lehrauftrag nichts mehr zu tun haben. Sie kommen kaum noch dazu, zu unterrichten. Die Schulen müssen Erziehungsberechtigte deutlich stärker in die Pflicht nehmen können. Schüler, die die Klassensituation sprengen, müssen konsequent mit Erziehungsmaßnahmen belegt werden können, in denen sie die nötige Unterstützung erfahren. Zur Not auch gegen den Willen ihrer Eltern. Auch ein Schulverweis muss, wenn erforderlich, von der Schulaufsicht mitgetragen werden.

Ein weiteres Problem sind die konkurrierenden Zuständigkeiten sowie die Bürokratie innerhalb der Senatsverwaltung. Anträge auf Fördermittel oder auch disziplinarische Maßnahmen wie Hausverbote brauchen meist eine Genehmigung über so viele Instanzen, dass sie letztlich blockiert werden. Die Schule verliert dadurch an Autorität. Eine Verwaltung, die zentraler arbeitet, würde dieses Problem verringern.

Sie fordern mehr Autorität. Was bedeutet das?

Neben einem bestimmten pädagogischen und fachlichen Wissen braucht man eine gewisse Körperhaltung und Ausstrahlung in der Klasse wie auch bei Elterngesprächen. Wer das nicht mitbringt, kann das erlernen, vorausgesetzt es wird einem vermittelt. An deutschen Universitäten liegt der Fokus aber zu sehr auf Schulentwicklung, Statistiken und einzelnen Projekten. Die Lehrer wissen oft gar nicht, wie sie das Gelernte im Schulalltag umsetzen sollen. Die Ausbildung ist zu wenig praxisorientiert. Zudem fehlt die kritische Reflexion darüber, wie Lehrer im Unterricht mit schwierigen Situationen umgehen sollten.

Was machen Gewalt, Beleidigungen und Ignoranz mit den Lehrern?

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Viele Lehrkräfte wollen sich sozial engagieren und gehen bewusst an Brennpunktschulen. Sie wollen etwas bewirken und verändern. Die meisten von ihnen sind nach kürzester Zeit ausgebrannt und werden seelisch oder körperlich krank. Problematisch ist, dass junge Lehrer mit guten Zeugnissen solche Schulen oft gar nicht in Erwägung ziehen, weil sie höhere Ansprüche an sich und die Schüler haben. Das müssen sie allerdings auch nicht, weil die Verteilung nicht zentral gesteuert wird. Deshalb arbeiten in Brennpunktschulen meist Lehrer, die anderswo nur schwer unterkommen.

Mit Doris Unzeitig sprach Daniel Gutsche

Quelle: n-tv.de

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