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Neue Recherchen zum Terrorchef Wie Al-Bagdadi wurde, was er ist

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Die einzigen aktuellen Fotos von Abu Bakr al-Bagdadi stammen aus dem vergangenen Sommer.

(Foto: AP)

Der meistgesuchte Terrorist der Welt ist ein Phantom. Es gibt kaum Fotos, über sein Vorleben ist nur wenig bekannt. Ein Rechercheteam hat im Irak Details über den Werdegang von IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi ausgegraben.

Der Chef der Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Bagdadi, liebte schon früh die Macht, radikalisierte sich aber erst, als er schon über 30 Jahre alt war. Das zeigt eine gemeinsame Recherche von "Süddeutscher Zeitung" und ARD über den heute 43 Jahre alten selbsternannten Kalifen. Demnach radikalisierte sich Bagdadi in der Zeit des irakischen Bürgerkriegs ab 2004 und arbeitete jahrelang im Untergrund, bis er der meistgesuchte Terrorist der Welt wurde.

Bei mehrmonatigen Recherchen grub ein Journalistenteam nach eigenen Angaben Details aus dem Vorleben des selbsternannten Kalifen aus. Unter den gesammelten Dokumenten befinden sich laut NDR bislang unbekannte Fotos und Kopien von Bagdadis Abitur-Zeugnis, seiner Studenten-Akte der Universität Bagdad sowie seiner Staatsbürgerschaftsurkunde. Zudem sprachen die Journalisten mit Nachbarn und Freunden in Bagdad und in seiner Heimatstadt Samarra.

Die SZ berichtet, Bagdadis frühere Nachbarn und Klassenkameraden wunderten sich heute. "Wir waren alle total überrascht, ihn plötzlich als Kalifen zu sehen", berichtet einer aus dem Viertel in Samarra. Das war am 4. Juni vergangenen Jahres. Kurz darauf entstanden die einzigen Filmaufnahmen des öffentlichkeitsscheuen IS-Führers. Sein Werdegang war bisher praktisch nicht bekannt.

Vom Bauernsohn zum promovierten Theologen

Den Recherchen zufolge wuchs Ibrahim Awwad Ibrahim – so der bürgerliche Name Bagdadis – am Stadtrand von Samarra auf, einer Stadt mit gemischter sunnitischer und schiitischer Bevölkerung und ausgezeichnet als Weltkulturerbe der Unesco. Bagdadi wurde Dokumenten aus dem Irak zufolge am 1. Juli 1971 geboren und war der dritte von vier Söhnen einer konservativen Bauernfamilie. Bagdadi soll ein mittelmäßiger Schüler gewesen sein, nur in Mathematik und Geografie ragte er heraus. Einmal musste er eine Klasse wiederholen.

Warum er später in Bagdad Theologie studierte, ist heute nicht mehr ganz nachvollziehbar. Eigentlich wollte er zunächst offenbar Jura studieren, scheiterte aber bei der Vergabestelle für Studienplätze wegen seines Notenschnitts. Zuvor war er aus medizinischen Gründen vom Wehrdienst befreit worden. Nach seinem Magisterabschluss in Theologie arbeitet Bagdadi einige Zeit als Muezzin und Lehrer für Koranrezitation im Stadtteil Tobji von Bagdad. Parallel dazu schreibt er an seiner Promotion zum Thema "Die einzigartigen Perlen bei der Erläuterung des Schatibi-Gedichts". Bis zu deren Abschluss ist es für Bagdadi allerdings ein langer Weg. Der dritte Golfkrieg kommt dazwischen mit dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak und dem Sturz Saddam Husseins.

Der SZ zufolge liegt es nahe, dass der heutige "Kalif" bereits in dieser Zeit Mitglied der Terrorgruppe Al-Kaida im Irak wird - vermutlich nach seiner Festnahme Anfang 2004. Die zehnmonatige Haft in einem Lager der Amerikaner ist vermutlich die Initialzündung für den späteren Topterroristen. Im sogenannten Bucca-Camp lernt der damals 33-Jährige all jene kennen, die heute zum Führungszirkel des IS gehören: Al-Kaida-Mitglieder, Geheimdienstler, radikale Prediger und entlassene Soldaten.

Der grausamste Al-Kaida-Terrorist als Vorbild

Im Gegensatz zu Al-Kaida-Chef Osama bin Laden und dessen Nachfolger Aiman al-Zawahiri (seit 2011) kann Abu Bakr al-Bagdadi mit seinem Theologie-Doktor trumpfen, auch wenn seine Dissertation einem Gutachter zufolge von Rechtschreibfehlern nur so strotzte. Ab ungefähr 2007 arbeitet Bagdadi für die irakische Al-Kaida als Scharia-Beauftragter. Seine Aufgabe: die Morde und Schandtaten der Terrororganisation mithilfe des Islamischen Rechts zu legitimen Aktionen zurechtzubiegen.

Der Aufstieg Al-Bagdadis hat auch damit zu tun, dass 2006 der Mann durch amerikanische Kugeln starb, der als lokaler Al-Kaida-Chef ähnlich grausame Ermordungen kultivierte wie der heutige IS: Abu Musab al-Zarkawi. Der Jordanier war der erste, der Geiseln vor laufender Kamera ermorden ließ. Wie beim IS trugen diese Todgeweihten orangefarbene Anzüge wie die Inhaftierten der USA auf Guantanamo.

Während der Irak im Bürgerkrieg versinkt, baut Bagdadi in Ruhe den Islamischen Staat auf. Heute ist der mordlustige Theologe eine Führungsfigur für ebenso mordlustige Glaubenskrieger auf der ganzen Welt.

Quelle: ntv.de