Politik

"Hart aber fair" Wie gespalten ist Deutschland?

Über 700 Kommentare landen vor der Sendung am Montagabend im Gästebuch von "Hart aber fair", mehr als 50 muss die Redaktion wegen Diskriminierung oder offener Hetze löschen. Doch der raue Umgangston miteinander ist schon lange nicht mehr auf das Internet beschränkt.

Der Hass in den Kommentarspalten im Internet blüht, die politische Debattenkultur verroht zusehends und die immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich trägt das gegenseitige Misstrauen und die aufgestaute Wut auch weit über die ideologischen Frontlinien hinweg in die Herzen der Menschen. Kurzum: Der Umgangston in der Bundesrepublik wird - zumindest gefühlt - immer rauer. Frank Plasberg will deshalb am Montagabend bei "Hart aber fair" wissen, wie gespalten Deutschland wirklich ist und wie wir eine weitere Zuspitzung der Lage verhindern können.

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Plasbergs Gäste, von links nach rechts: Claus Strunz, Antje Hermenau, Dirk Roßmann, Michel Abdollahi und Annette Behnken

Zu Gast im Studio sind diesmal der Rossmann-Gründer und Multimilliardär Dirk Roßmann, der NDR-Moderator Michel Abdollahi, der Journalist und Autor Claus Strunz, die evangelische Pastorin Annette Behnken sowie die Politikberaterin und frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau.

Dass Deutschland gespaltener ist als noch vor fünf, zehn oder mehr Jahren, darüber herrscht Einigkeit. Die Ursachen dafür bewerten die Diskussionsteilnehmer allerdings durchaus unterschiedlich: "Ich sehe ein Totalversagen der Erklärkultur unserer Politik. Und das macht das Klima, das wir heute haben", sagt Claus Strunz. Der Fernsehmoderator, der wegen seiner polarisierenden Berichterstattung im Vorfeld der Bundeskanzlerwahl vor einem Jahr scharf kritisiert worden war, hat sich an diesem Montagabend offenbar selbst einen Maulkorb verpasst: Von Strunz kommen die meiste Zeit über ungewohnt versöhnliche Beiträge. Mit einer Ausnahme.

Die Flüchtlingsfrage als soziale Lupe

"Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme im Land", hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer im Vorfeld der Bayernwahl gesagt. "Ich glaube, dass er mit der Analyse schon recht hat", greift Strunz die Worte des CSU-Politikers an diesem Abend noch einmal auf - und erntet wütende Widerreden: "Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie jemand so einen hanebüchenen Satz unterstützen kann", echauffiert sich Pastorin Behnken, die ARD-Zuschauer vom "Wort zum Sonntag" kennen dürften. Und NDR-Journalist Abdollahi konstatiert: "Das ist Hetze."

Einen interessanten Ansatzpunkt an dem Gesagten findet Antje Hermenau: "Die Flüchtlingsfrage ist nicht die Mutter aller Probleme, sondern die Lupe, mit der plötzlich auch alle anderen Probleme stärker in den Fokus rücken", findet die frühere Grünen-Politikerin, die mittlerweile für die Freien Wähler in Sachsen aktiv ist. Der akute Wohnungsmangel, Ungleichheiten in den Lohnstrukturen, das allmähliche Verschwinden der Mittelschicht: All diese Dinge stoßen den Menschen im Land laut Hermenau heute stärker auf als noch vor einigen Jahren, weil die Angst vor der Verdrängung durch Migranten sie überhaupt erst darauf bringt.

Wie viel an der These wirklich dran ist, lässt sich wie die meisten Theorien und Behauptungen in dieser Sendung nicht abschließend beantworten - dafür ist das Thema schlichtweg zu stark auf der Gefühls- und zu schwach auf der Faktenebene verankert. Allerdings liefert die Runde trotzdem ein perfektes Beispiel für die alles überlagernde Macht der Flüchtlingsfrage: Fast die vollen 75 Minuten lang geht es um das Thema, das ohnehin gefühlt jede zweite Polit-Talkshow beschäftigt. Dass sich durch die deutsche Gesellschaft auch abseits von links und rechts, von Fremdenfeindlichkeit und Multikulti, tiefe Gräben ziehen, fällt hinten runter.

Erst ganz zum Schluss versucht Plasberg noch, die sich vergrößernde Schere zwischen Arm und Reich aufs Parkett zu bringen. Allerdings ziemlich erfolglos, was auch an dem eingeladenen Milliardär liegen dürfte: Dirk Roßmann, der zu den 50 reichsten Deutschen gehört, bietet dafür als sozial engagierter Unternehmer, der bereits seit Jahren eine Reichensteuer fordert, einfach zu wenig Angriffsfläche. Auch deswegen kann "Wort zum Sonntag"-Frau Behnken am Schluss der Sendung nur leicht verzweifelt mit den Schultern zucken, als Moderator Plasberg ihr die Frage stellt, welches Argument sie in der Sendung am meisten überrascht hätte: "Keines so richtig", lautet Behnkens Wort zum Dienstag.

Quelle: n-tv.de

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